LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Konzert mit den Nordwestdeutschen Philharmonikern und Sol Gabetta

Klassik-Popstar zu Gast in Lippe

Bad Sal­zu­flen (eu). In­spi­riert durch reich­lich mu­si­ka­li­schen In­put be­gab sich eine große Men­schen­menge am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend hin­aus in die fri­sche Win­ter­luft. Sel­ten hatte man die Kon­zert­halle im Kur­park so ge­füllt ge­se­hen.

­Der Grund war pro­mi­nen­ter Be­such: Sol Ga­bet­ta, die viel­seits um­ju­belte junge Cel­lis­tin, hatte das Kon­zert für Vio­lon­cello und Or­che­s­ter von Bo­hus­lav Mar­tinu ge­spielt und mit ih­rem Charme jede kleinste Ecke des Saa­les er­reicht.

Ein­lei­tend diente Beetho­vens ein­fühl­sa­me, aber auch me­lan­cho­li­sche Ou­ver­türe zu Eg­mont. Sie ist in f-Moll kom­po­niert und fasst die Ge­scheh­nisse des von Goe­the stam­men­den Schau­spiels zu­sam­men. Sie be­ginnt mit ei­nem er­schüt­tern­den Trau­er­mar­sch, der das Elend der un­ter­drück­ten Nie­der­län­der dar­stellt. Un­ru­hig und lei­den­schaft­lich ent­wi­ckelt sich das Haupt­thema des Wer­kes, das Eg­monts Drang nach Frei­heit förm­lich greif­bar macht. Ein ge­gensätz­li­ches lei­ses Mo­tiv be­schreibt die Zu­nei­gung des Gra­fen zu Clär­chen, sei­ner Liebs­ten. Sie steht ihm stets treu zur Sei­te, er­scheint ihm so­gar kurz vor sei­nem Tod noch ein­mal im Traum, kann ihn aber den­noch nicht ret­ten. Und so wird auch in der Re­prise das Lie­bes­thema re­gel­recht zer­bro­chen. Der Schluss der Ou­ver­türe nimmt je­doch die Me­lo­die der Sie­ges­sym­pho­nie vor­weg. So­mit bleibt nach der ver­geb­li­chen Mühe, Eg­monts Tod zu ver­hin­dern, trotz­dem ein tri­um­pha­ler Ein­druck des Man­nes, der als Mär­ty­rer für seine Ideale star­b.

Mu­si­ka­lisch holte der Di­ri­gent An­dris Nel­sons viel aus dem Or­che­s­ter her­aus, in­dem er sehr of­fen­siv und aus­drucks­stark di­ri­gier­te.

­Mit dem er­neu­ten Stimm­ton wurde al­les ganz still und war­tete ge­spannt auf die So­lis­tin, die – wie er­war­tet – mit Gla­mour auf die Bühne kam.

Als Kind rus­sisch-franzö­si­scher El­tern ist sie in Ar­gen­ti­nien ge­bo­ren, be­reits mit zehn Jah­ren nach Ma­drid ge­zo­gen und lebt nun in der Schweiz, wo sie sich auch zu­hause fühl­t.

­Sie hat be­reits zahl­rei­che in­ter­na­tio­nale Preise er­hal­ten und mit nam­haf­ten Or­che­s­tern kon­zer­tiert und Auf­nah­men ein­ge­spielt. Dank ei­nes großzü­gi­gen pri­va­ten Sti­pen­di­ums von Hans K. Rahn spielt sie auf ei­nem sel­te­nen und kost­ba­ren Gua­da­g­nini-Cel­lo. Seit Ok­to­ber 2005 un­ter­rich­tet sie an der Mu­sik-Aka­de­mie Ba­sel.

Das 1. Cel­lo­kon­zert Mar­ti­nus ent­stand in sei­ner ers­ten Fas­sung 1930, wurde aber bis zu sei­ner end­gül­ti­gen Ver­sion noch zwei­mal um­ge­ar­bei­tet. Der erste Satz ent­wi­ckelt sich um ein ein­gän­gi­ges, pompö­ses Haupt­the­ma, das zunächst vom Or­che­s­ter vor­ge­stellt wird. Hier ist so­fort die be­son­dere Klang­s­pra­che zu er­ken­nen, die Mar­ti­nus In­stru­men­ta­tion so ei­gen ist. Die kan­tige So­lo­stimme steht den me­lo­di­schen, wei­che­ren Or­che­s­ter­einsät­zen ge­genü­ber. In ru­hi­ge­ren Ab­schnit­ten fü­gen sich Cel­lo­part und Or­che­s­ter­be­glei­tung zu ei­nem Gan­zen zu­sam­men und stel­len neue, sanfte und schwär­mende Me­lo­dien vor. Der Schwer­punkt liegt je­doch auf Ka­den­zen und ka­denzähn­li­chen Einsät­zen des Cel­los. Be­son­ders im letz­ten Satz kommt die schrof­fe, bei­nahe an­griffs­lus­tige Cha­rak­te­ris­tik zum Vor­schein und lässt durch ener­gie­ge­la­dene The­men eine po­si­tive Stim­mung, die das Kon­zert vir­tuos und prä­gnant zu ei­nem im­po­san­ten Ende führt, zurück.

­Durch die ke­cke Per­for­mance Sol Ga­bet­tas ka­men diese Ei­gen­schaf­ten der Mu­sik auf eine be­son­dere Weise zur Gel­tung. Sie sparte nicht an Ges­ten und zwin­kerte hin und wie­der den In­stru­men­ta­lis­ten des Or­che­s­ters oder dem Di­ri­gen­ten An­dris Nel­sons zu. Für Au­to­gramme nahm sie sich in der Pause Zeit, und selbst­ver­ständ­lich konn­ten auch Auf­nah­men er­wor­ben wer­den.

­Die zweite Hälfte des Abends wurde Pro­kof­jews 5. Sin­fo­nie ge­wid­met. »­Mit die­ser Sin­fo­nie wollte ich ein Lied auf den freien und glück­li­chen Men­schen an­stim­men, seine schöp­fe­ri­schen Kräf­te, sei­nen Adel, seine in­nere Rein­heit. Ich kann nicht sa­gen, dass ich die­ses Thema aus­ge­sucht hätte – es ent­stand in mir und ver­langte nach Aus­druck«, schrieb der Kom­po­nist ü­ber sein 1945 urauf­ge­führ­tes Werk. Es stammt aus ei­ner Schaf­fen­s­pha­se, in der sich Pro­kof­jew zur »­Neuen Ein­fach­heit« ge­wandt hat­te. Ein­gän­gige Me­lo­die­ver­läu­fe, ver­ein­fachte Har­mo­nik und die weit­läu­fige Ori­en­tie­rung an der Mu­sik der Ro­man­tik führ­ten da­zu, dass seine Werke aus die­ser Pe­ri­ode ver­ständ­li­cher und leich­ter zugäng­lich sind. Durch das wuch­ti­ge, schwung­volle Ende der Sin­fo­nie war ein an­ge­neh­mer Aus­klang des Abends ge­schaf­fen, der in der ver­gan­ge­nen Wo­che von vie­len Zuhö­rern an fünf ver­schie­de­nen Or­ten in der Um­ge­bung er­lebt wer­den konn­te.

vom 10.12.2008 | Ausgabe-Nr. 50A

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten