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Konzert der Nordwestdeutschen Philharmoniker im Bad Salzufler Kurpark

Kein gutmütiges Gekraule im Brahms-Bart

Bad Sal­zu­flen (eu). Brahms und Si­be­lius wa­ren die Schwer­punkte des Kon­zert­pro­gramms am ver­gan­ge­nen Sams­tag­abend. Je­dem der bei­den Kom­po­nis­ten wurde ein Teil des Kon­zerts ge­wid­met: Jo­han­nes Brahms‘ Kla­vier­kon­zert Nr. 2 in B-Dur op. 83 und Jean Si­be­li­us‘ Sin­fo­nie Nr. 5 in Es-Dur op. 82.

Erst 22 Jahre nach sei­nem ers­ten Kla­vier­kon­zert be­gann Jo­han­nes Brahms im Jahre 1887 die Ar­beit an sei­nem zwei­ten Kon­zert. An­ders als die meis­ten Kon­zer­te, die aus drei Sät­zen be­ste­hen, be­sitzt die­ses Kon­zert vier Sätze (Al­le­gro non troppo – Al­le­gro ap­pa­sio­nato – An­dante – Al­le­gretto gra­zio­so). We­gen die­ser Struk­tur und der be­trächt­li­chen Länge des Stücks kommt das Kon­zert dem Ty­pus ei­ner »S­in­fo­nie mit Kla­vier­so­lo« recht na­he. Es ver­fügt ü­ber einen brei­ten sin­fo­ni­schen An­satz und gilt als ei­nes der ge­wal­tigs­ten Werke der ge­sam­ten Kla­vier­li­te­ra­tur.

Nach der Uraufführung am 9. No­vem­ber 1881 in Bu­da­pest, als Brahms selbst den So­lo­part spiel­te, ern­tete der Kom­po­nist – an­ders als bei dem ers­ten Kla­vier­kon­zert – großen Er­folg. Seit­dem ha­ben sich na­hezu alle nam­haf­ten Pia­nis­ten an die­ses Werk her­an­ge­wagt. So auch der junge Ve­st­ard Shim­kus, Jahr­gang 1984, der be­reits Preisträ­ger zahl­rei­cher Wett­be­werbe ist. Mit großer Ein­fühl­sam­keit, aber auch prä­zise sit­zen­den Pas­sa­gen ü­ber­zeugte er das Pu­bli­kum. Brahms‘ viel­fäl­tige Klang­s­pra­che wurde voll aus­ge­schöpft und mit ei­ge­nen in­ter­pre­ta­to­ri­schen An­sät­zen an­ge­rei­chert. Ju­gend­li­che Fri­sche in per­li­gen Pas­sa­gen so­wie be­däch­tige An­mut präg­ten die Dar­bie­tung.

Pas­to­rale Ur­sprüng­lich­keit drückt sich bei Brahms be­son­ders in der In­stru­men­ta­tion aus: Der erste Satz be­ginnt mit ei­nem ro­man­ti­schen

­Horn-So­lo, das vom Kla­vier ab­ge­löst wird. Mit ü­ber­wäl­ti­gen­der Dra­ma­tik schließen sich die wei­te­ren Sätze an, die ei­ner­seits die un­ge­bremste Ge­walt der Na­tur, aber auch pure Schön­heit wi­der­spie­geln. Mit ebenso na­tur­ver­bun­de­nen Klän­gen setzte der zweite Teil des Kon­zerts ein. Mit Jean Si­be­lius er­hielt das fin­ni­sche Kul­tur­le­ben einen Gip­felstür­mer zum rich­ti­gen Zeit­punkt. Bis in die acht­zi­ger Jahre des 19. Jahr­hun­derts hin­ein gab es nicht ein­mal in der Haupt­stadt ein re­gel­mäßi­ges Or­che­s­ter. Bei­nahe eine le­gen­däre Ge­stalt sei­ner Hei­mat und als Vor­bild da­ste­hend, war die­ser echte Ro­man­ti­ker des Nor­dens ei­ner der letz­ten großen Sin­fo­ni­ker. Der Sinn­ge­halt si­be­lia­ni­scher Mu­sik ist hoch poe­tisch, aber nicht auf fin­ni­sche My­then oder Kie­fern­wäl­der re­du­zier­bar; es geht um das Ver­hält­nis des Men­schen zu sei­ner natür­li­chen Um­welt. Mit ih­rem Gast-So­lis­ten Ve­st­ard Shim­kus schu­fen die Nord­west­deut­schen Phil­har­mo­ni­ker un­ter der Lei­tung von An­dris Nel­sons einen idyl­li­schen Abend, ohne gut­müti­ges Ge­kraule im Brahms-Bart und ohne Ver­wi­schung der Kon­tu­ren von Si­be­li­us‘ Klang­bil­dern.

vom 24.09.2008 | Ausgabe-Nr. 39A

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