LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Jochen Malmsheimer begeistert beim Spielzeitauftakt im Klostersaal Lügde

Sprechdurchfall und Satzdiamanten

Lügde (af­k). Der Ka­ba­ret­tist Jo­chen Malms­hei­mer gehört zur Creme de la creme in der deutsch­spra­chi­gen Ka­ba­rett­sze­ne. Der Bo­chu­mer tourt seit acht Jah­ren ü­ber die bun­des­deut­schen Büh­nen, ist Dau­er­gast in Ra­dio­sen­dun­gen und un­re­gel­mäßi­ger Stamm­gast in der ZDF-Reihe »­Neues aus der An­stal­t«. Seit Juni ist er mit sei­nem ak­tu­el­len Solo- Pro­gramm mit dem ver­wir­ren­den Ti­tel »F­lieg Fisch, lies und ge­sun­de! oder: Glück, wo ist Dein Sta­chel?« un­ter­wegs. Er eröff­nete die 8. Spiel­zeit der Ver­an­stal­tungs­reihe »­Kul­tur im Klos­ter« in Lüg­de.

Jo­chen Malms­hei­mer ist statt­lich. An sei­nem Vo­lu­men ist je­doch kein Gramm heiße Luft, al­les hat Ge­wicht, Sub­stanz und Rei­fe. Da­bei ist er auch ei­ner, der ei­gent­lich viel zu viel falsch macht für einen er­folg­rei­chen Ka­ba­ret­tis­ten: Er liest ab, er re­det zu schnell, und, vor al­lem, in viel zu lan­gen Sät­zen.

­Malms­hei­mers ei­ge­nes Re­zept ist eine Mi­schung aus Lo­gor­rhoe und Aperçu, aus Sprech­durch­fall und fun­keln­den Satz­dia­man­ten. Er liest in­stän­dig aus­wen­dig, und er fin­det ge­niale Pro­gramm­ti­tel, die einen auf wirk­lich al­les ge­fasst ma­chen, was dann ja auch kommt: Nach »Wenn Worte re­den könn­ten« und »Ich bin kein Tag für eine Nacht« mu­tet er uns jetzt »F­lieg Fisch! Lies und ge­sun­de! Oder: Glück, wo ist dein Sta­chel?« zu; das ist ebenso gut eine Ver­beu­gung vor Her­mann Hesse wie vor ei­nem Ko­rin­ther Brief.

Die­sem Mann sprießen Worte aus den Po­ren wie an­de­ren Blut, Schweiß und Bart­stop­peln. Jo­chen Malms­hei­mer ent­wi­ckelt Ge­schich­ten mit ei­nem Aber­witz, der ei­nem Hören und Se­hen ver­ge­hen lässt. Da­bei fegt er wie ein Tai­fun alle in­tel­lek­tu­el­len Be­find­lich­kei­ten hin­weg. Es ist blitz­ge­scheit und sprach­ge­nial, so we­nig an­bie­dernd, so sou­ver­än und lei­den­schaft­lich wie Malms­hei­mer das macht.

Er schil­dert ein väter­li­ches Zoo-Fiasko mit dem Nach­wuchs, reimt vom Sta­chel­ro­chen Jo­chen und prä­sen­tiert eine irr­wit­zige Hör­funk-Num­mer mit de­zent an­ar­chi­schem Ein­schlag. Ken­nen Sie ein »Kle­pty­chon«? Das wäre in Malms­hei­me­risch ein Tri­pty­chon, bei dem man das dritte Bild ge­klaut hat, also echte Kunst. Eine Kunst ist es auch, den Men­schen als Krone der Schöp­fung, »aus­sch­ließ­lich den­tis­tisch« zu ver­ste­hen und Meer­schwein­chen in Sah­ne­soße zu ser­vie­ren statt als Haus­tie­re.

Der Büh­nen-Malms­hei­mer sagt, er sei kein Mis­an­throp, er hasse ein­fach Men­schen, aber das ist mit Si­cher­heit ge­lo­gen. So­lange Men­schen noch Bücher kau­fen und Bücher le­sen, wird der ab­ge­bro­chene Ger­ma­nis­tik­stu­dent und vollen­dete Buch­händ­ler auch die Men­schen lie­ben. Die Krö­nung sei­nes neuen Pro­gramms ist eine spek­ta­kulär gro­tesk-poe­ti­sche Hul­di­gung sei­ner ei­ge­nen Bi­blio­thek. Das ist dann die gül­tige Ant­wort des deut­schen Ka­ba­retts auf Pi­sa, aber auch auf die wahre Bil­dungs­mi­sere und zu­gleich eine ab­surd-ko­mi­sche Hul­di­gung all der Bücher, in de­nen all die ge­lieb­ten schwüls­ti­gen, schwel­ge­ri­schen, schwa­fe­li­gen und schwe­fe­li­gen Wör­ter ste­hen.

Jo­chen Malms­hei­mer steigt lust­voll und in im­mer neuen For­men die Gren­zen zwi­schen Un­sinn und Poe­sie auf, bis die Bot­schaft des Abends klar und deut­lich zu ver­neh­men ist: das Fleisch ist wil­lig, der Geist bleibt schwach, aber der Fisch wird flie­gen, wol­le, was da kom­me.

vom 27.08.2008 | Ausgabe-Nr. 35A

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten