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Den Schatz an Wald bewahren

Das derzeitige Fichtensterben bedeutet nicht das Ende des Waldes

Denn Na­delbäume sind, von ein paar we­ni­gen Aus­nah­men ab­ge­se­hen, ganz­jäh­rig grün. Wenn also so­gar im Som­mer die Na­deln ab­ge­wor­fen wer­den, kann et­was nicht stim­men. "­Schuld daran sind zwei Fak­to­ren", er­klärt Hol­ger-Kars­ten Ra­guse vom Re­gio­nal­forst­amt OWL, "­zum einen der be­reits zweite zu tro­ckene Som­mer, zum an­de­ren der Bor­kenkä­fer." Al­ler­dings be­dingt die Tro­cken­heit auch die Aus­brei­tung des Bor­kenkä­fers. Ist es zu tro­cken, ge­ra­ten die Bäume un­ter Stress, wo­durch der Bor­kenkä­fer, vor al­lem die Kä­fer­ar­ten Buch­dru­cker und Kup­fer­ste­cher ideale Be­din­gun­gen vor­fin­den: le­ben­des, aber ge­schwäch­tes Holz. Durch die Borke bohrt er sich in den Baum und sitzt dort in der was­ser­führen­den Schicht, wo er die bei Tro­cken­heit eh schon knappe Was­ser­ver­sor­gung noch wei­ter be­hin­dert. Zwar ste­hen alle Bäume un­ter Stress und lei­den un­ter der Was­ser­knapp­heit, be­son­ders be­trof­fen sind vor al­lem die äl­te­ren Fich­ten­bestände zwi­schen etwa 60 und 80 Jah­ren. Fich­ten sind Flach­wurz­ler, ihre Wur­zeln brei­ten sich also we­ni­ger in die Tiefe als in die Breite aus, wo­durch sie be­vor­zugt an feuch­ten Stand­orten mit fel­si­gem Un­ter­grund wächst. Theo­re­tisch müsste sie sich im Teu­to­bur­ger Wald, wo vor al­lem Kalk- und Sand­stein die Bo­den­grund­lage bil­den, sehr wohl­fühlen. Der ü­ber dem Ge­stein lie­gende Sand­bo­den ist al­ler­dings kein gu­ter Was­ser­spei­cher, wes­halb lange Tro­cken­heits­pe­ri­oden der Fichte zu schaf­fen ma­chen, da sie an das Was­ser in tiefe­ren Bo­den schich­ten nicht mehr her­an­kommt. Zur Tro­cken­heit ge­sellt sich nun auch noch der Bor­kenkä­fer und macht den Bäu­men zu schaf­fen und auch Sturm Frie­de­rike An­fang 2018 hat die Aus­brei­tung des Schäd­lings be­güns­tigt, denn Wald­flächen, die ih­ren ge­wach­se­nen Wald­rand ver­lo­ren ha­ben, so­ge­nannte "an­ge­ris­se­ne" Bestän­de; süd­lich ex­po­niert lie­gen; sich ü­ber Kup­pen zie­hen; be­reits Be­fall auf­wie­sen so­wie Wald­flächen, die im Um­feld von Sturm­wür­fen und -brüchen lie­gen, sind be­son­ders von ei­nem Neu­be­fall ge­fähr­det. Ideale Be­din­gun­gen für den Kä­fer al­so.

Wei­ter auf Sei­ten 2 & 3 "Schäd­lin­ge" sind eher re­la­tiv zu be­trach­ten "­Die Na­tur kennt im Prin­zip keine Schäd­lin­ge. Bor­kenkä­fer sor­gen auch dafür, dass kranke Bäume Platz für neue, ge­sunde ma­chen" er­läu­tert der NABU Lip­pe. "­Die Tro­cken­heit sorgt aber dafür, dass die Kä­fer op­ti­male Brut­be­din­gun­gen vor­fin­den und bis zu vier Ge­ne­ra­tio­nen in ei­nem Som­mer schlüp­fen." Während der Buch­dru­cker sich eher im un­te­ren Teil des Stam­mes auf­hält, be­vor­zugt der Kup­fer­ste­cher eher die obe­ren Be­rei­che, in de­nen die Rinde dün­ner ist. Bis zu drei Ki­lo­me­ter weit kön­nen die Kä­fer aus ei­ge­ner Kraft flie­gen, bei ent­spre­chen­den Wind- und Luft­be­din­gun­gen auch wei­ter. Da­durch, dass die Bäume ge­schwächt sind, kön­nen sie die un­ter der Rinde ab­ge­leg­ten Eier und sich dar­aus ent­wi­ckeln­den Lar­ven auch nicht ein­fach "aus­har­zen", wie sie es im Nor­mal­fall zur Ab­wehr tun wür­den. "­Die be­fal­le­nen Bäume müs­sen alle in ab­seh­ba­rer Zeit ge­fällt wer­den, wo­durch ei­nige sehr lichte Flächen ent­ste­hen", pro­gno­s­ti­ziert Hol­ger-Kars­ten Ra­gu­se. Diese sol­len stu­fen­för­mig wie­der­auf­ge­fors­tet wer­den. Heißt: Mit ei­ner Kraut­schicht bis etwa 1,5 Me­ter Höhe, in der Moo­se, Grä­ser, kleine Sträu­cher und junge Baum­triebe wach­sen, ei­ner Strauch­schicht bis etwa 5 Me­ter Höhe, zu der größere Sträu­cher und junge Bäume gehören und dann die Baum­schicht ab 5 Me­tern, in der sich "­aus­ge­wach­se­ne" Bäume be­fin­den. "­Die Fichte als Baum tot zu spre­chen, würde zu weit ge­hen. Wir wer­den auch in Zu­kunft auf Fich­ten­bestände set­zen. Al­ler­dings ex­pe­ri­men­tie­ren wir aber auch mit an­de­ren Baumar­ten wie der Dou­gla­sie, Küs­ten­tanne und ver­schie­de­nen Laub­baumar­ten, um den Wald an sich zu er­hal­ten. Vor al­lem möch­ten wir eine natür­li­che, ge­mischte und struk­tu­rierte Ver­jün­gung der Bestände er­rei­chen, da­mit der Wald ge­sund wach­sen kann." Wie wich­tig der Wald ist, zeigt sich vor al­lem im­mer dann, wenn die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels deut­lich wer­den. "­Der Wald hat eine große Ge­mein­wohl­wir­kung", be­tont Hol­ger-Kars­ten Ra­gu­se, "für das Kli­ma, das Grund­was­ser, die Luft und als lang­jäh­ri­ger CO2-Spei­cher. Selbst wenn ein Baum ge­fällt wird, ist in dem Schrank, der aus sei­nem Holz viel­leicht ge­fer­tigt wird, im­mer noch das CO2 ge­bun­den, dass das Holz ir­gend­wann ein­mal auf­ge­nom­men hat." Bis zu Task Force Bor­kenkä­fer Wie be­deu­tend der Baum an sich ist, zeigt auch die Aus­zeich­nung "­Baum des Jah­res­", die jähr­lich vom NABU ver­ge­ben wird. Trotz Fich­tenster­ben ist das in die­sem Jahr den­noch kein Na­del­baum, son­dern mit der Flat­te­rulme ein Laub­baum, denn auch diese lei­den un­ter der Hitze oder ste­hen durch Pilz­be­fall un­ter Stress. "­Bei den Ul­men sorgt vor al­lem eine Pil­zer­kran­kung für ein Ab­ster­ben vie­ler Bäu­me, wo­bei man­che Ul­men­ar­ten, wie etwa die Berg-Ulme be­son­ders stark be­trof­fen sin­d," so der NABU Lip­pe. Aber auch die Bu­che ist be­trof­fen. An man­chen Stand­orten ste­hen Bäume so un­ter Stress, dass sie ei­gent­lich ge­sun­de, große Äste ab­wer­fen, da sie diese nicht mehr aus­rei­chend ver­sor­gen kön­nen. Zu­sätz­lich gibt es auch hier spe­zi­fi­sche Kä­fer- und Pilzar­ten, die der Bu­che zu schaf­fen ma­chen. In der be­reits im No­vem­ber 2018 von NRW-Um­welt­mi­nis­te­rin Ur­sula Hei­nen-Es­ser ge­grün­dete "Task Force Bor­kenkä­fer" sind so­wohl Fach­leute für Wald­ge­sund­heit, Wald­be­sit­zer als auch die Sä­ge­in­dus­trie ver­tre­ten. De­ren Kern­auf­gabe ist die Ko­or­di­na­tion der Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Fich­ten­bor­kenkä­fer. Der Wald kann sich nur lang­sam er­ho­len Um den Wald zu be­wirt­schaf­ten braucht man aber einen lan­gen Atem. "Bäume wach­sen lang­sam. Wir re­den hier ü­ber einen Zeit­raum zwi­schen 80 und 100 Jah­ren", so der Fach­mann. Und ak­tu­ell sind die Auf­ar­bei­tungs­ka­pa­zitäten knapp. Im­mer noch wer­den die Sturm­würfe durch "Frie­de­ri­ke" auf­ge­ar­bei­tet, die Fäl­lung von Schad­holz er­folgt mo­men­tan ne­ben­bei. Die Masse an Holz, die be­reits auf dem Markt ist und jetzt wei­ter­hin auf den Markt drängt, drückt natür­lich den Preis. Die Sä­ge­werke sind ü­ber­las­tet und kaum noch Herr der La­ge. Hinzu kommt, dass der Ein­bruch der Holz­preise für die Wald­bau­ern im­mense wirt­schaft­li­che Aus­fälle be­deu­tet. Teil­weise deckt der Er­lös der Fest­me­ter­preise nicht ein­mal die Kos­ten für Auf­ar­bei­tung und Ro­dung. Wenn man doch noch einen po­si­ti­ven Ef­fekt aus der Sa­che zie­hen möch­te, dann könnte man ar­gu­men­tie­ren, dass Holz­mö­bel im End­ef­fekt auch güns­ti­ger wer­den und die Woh­nun­gen wie­der ver­mehrt mit vie­len klei­nen und großen CO2-Spei­chern aus­ge­stat­tet wer­den. Das im Wald selbst aber auch et­was pas­sie­ren muss, steht außer Fra­ge. Das Mul­ti­ta­lent Wald wird auch in Zu­kunft noch ei­nige Ein­schnitte er­fah­ren, der Pflan­zen­be­darf, der für die Auf­fors­tung benötigt wür­de, ist ak­tu­ell nicht vor­han­den. Ein kurz­fris­ti­ges Ein­grei­fen ist nicht mög­lich und bei ei­nem der­art lang­sa­mem Ö­ko­sys­tem auch nicht mög­lich – ein Um­stand, der Fach­leu­ten große Sor­gen be­rei­tet. "­Was der Wald jetzt drin­gend braucht, ist ein lan­ger Re­gen, da­mit sich die Was­ser­spei­cher im Ober- und Mit­tel­bo­den wie­der auf­fül­len", er­klärt Hol­ger-Kars­ten Ra­gu­se. Mit dem Be­griff Wald­ster­ben 2.0 ist er aber äußerst vor­sich­tig. "In den 1980er Jah­ren war das Pro­blem ein ganz an­de­res, ge­gen das man kurz- und mit­tel­fris­tige Maß­nah­men er­grei­fen konn­te", er­in­nert sich der Fach­mann. Bei al­len Maß­nah­men sind die kli­ma­ge­rechte Um­struk­tu­rie­rung und Auf­fors­tung des Wal­des aber kom­plexe Pro­zes­se. "Wir ver­ges­sen gerne mal, dass un­sere Wäl­der größten­teils pri­vat sind und ver­schie­dene Wald­stü­cke auch ver­schie­de­nen Wald­bau­ern gehören, die dort für die Hol­z­wirt­schaft ver­ant­wort­lich sind. Um wirk­lich et­was zu er­rei­chen, müs­sen Län­der, Um­welt­ver­bände und Wald­bau­ern in Zu­kunft noch en­ger zu­sam­men­ar­bei­ten, um ei­ner­seits den Schatz an Wald zu ret­ten und an­de­rer­seits auch den wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen ge­recht zu wer­den", heißt es sei­tens des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums NRW. Hol­ger-Kars­ten Ra­gu­se, Lei­ter des Re­gio­nal­forst­am­tes OWL. Fo­to: Wald und Holz NRW So grün wie hier am Don­oper Teich in Det­mold sieht der Wald vie­ler­orts nicht mehr aus. Fo­to: Lerch So­gar grüne Na­deln wer­den ab­ge­wor­fen. Ein ein­deu­ti­ges Zei­chen, dass es den Fich­ten im Mo­ment nicht gut geht. Fo­to: Merz Kahle Baum­kro­nen und be­deckte Wald­we­ge. Ei­gent­lich ist es zu die­ser Jah­res­zeit um­ge­kehrt. Fo­to: Merz

vom 21.08.2019 | Ausgabe-Nr. 34A

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