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Dorfplatz der Wahrheiten

Opernschule inszeniert Ermanno Wolf-Ferraris "Il Campiello"

Der ita­lie­ni­sche Dich­ter Carlo Gol­doni strickte aus die­sen Ge­schich­ten 1756 eine Komö­die in ve­ne­zia­ni­schem Dia­lekt. Ei­ner Spra­che, die für die rest­li­chen nicht in Ve­ne­dig auf­ge­wach­se­nen Ita­lie­ner so un­ver­ständ­lich ist wie für den Nord­deut­schen der baye­ri­sche Mund­schlag. Auf dem klei­nen Plätz­chen, dem "­Cam­pi­el­lo", spielt das Le­ben. Die Lie­be, was sonst, ist An­lass für Ei­fer­sucht, Streit, Ver­söh­nung – ein bun­tes Ge­schich­ten-Bou­quet aus dem Le­ben der nor­ma­len Leute ge­grif­fen. Die­ses Gol­do­ni­sche Lust­spiel dient dem deutsch-ita­lie­ni­schen Kom­po­nis­ten Er­manno Wolf-Fer­rari rund 180 Jah­res später als Li­bretto für seine Oper. Ne­ben der Fas­sung in tiefs­tem Ve­ne­zia­nisch, 1936 in Mai­land urauf­ge­führt, gibt es eine deutsch­spra­chige Ver­sion. Nicht etwa auf Hoch­deutsch; Wolf-Fer­rari ü­ber­trug den Ge­sangs­text ins Ober­baye­ri­sche. Die Mu­sik­hoch­schule Det­mold nutzte nun die­ses recht sel­ten auf die Bühne ge­brachte Spiel für seine Opern­schul­pro­duk­tion. Wohl weil es nur we­nige En­sem­bleo­pern gibt, die gleich zehn fast gleich­wer­tige Ge­sangspar­tien auf­wei­sen und da­mit zehn Ge­sangs­stu­die­rende in ei­ner Pro­duk­tion zu­sam­men­brin­gen. Dass aber Wolf-Fer­ra­ris tex­tin­ten­si­ves Mon­s­trum den Sän­gern eine starke mu­si­ka­li­sche und schau­spie­le­ri­sche Cha­rak­ter­dar­stel­lung ab­ver­langt, macht es nicht zwin­gend zu ei­nem op­ti­mal ge­eig­ne­ten Werk für die Opern­schu­le. Zu­mal die Mu­sik, zwi­schen Mo­zart, Ver­di, Straus­s’­scher Ope­ret­ten­kul­tur so­wie Ri­chard Strauss-Idiom chan­gie­rend, wohl eher durch einen or­che­s­tra­len Klang zur vol­len mu­si­ka­li­schen Ent­fal­tung ge­langt wäre. Aber Fa­bio Vett­raino wusste das feh­lende Or­che­s­ter im Gra­ben nu­an­cen­reich auf dem Flü­gel zu er­set­zen. Tho­mas Mitt­mann (Re­gie) legte den ober­baye­ri­schen Platz kur­zer­hand nach Ve­ne­dig zurück. Die Büh­nen­ku­lisse und Kostüme (Aus­stat­tung: Nora Hack­län­der) wa­ren mit ein­fa­chen aber char­man­ten Mit­teln ge­schickt gelöst und bo­ten den jun­gen Sän­gern viel Raum zur schau­spie­le­ri­schen Ent­fal­tung. Das zwei­stö­ckige Bau­gerüst ahmte die dop­pel­ge­schos­sige Häu­ser­fassade mit dra­pier­ten Wä­sche­lei­nen und blu­men­be­topf­ten Bal­ko­nen ei­ner ita­lie­ni­schen Pi­az­zetta nach. Darin spielte das Hand­lungs-Wirr­warr aus drei Lie­bes­paa­ren: Gas­pa­rina (mit viel Ko­ket­te­rie ge­sun­gen und ge­spielt: Irina Trut­ne­va) und Ca­va­liere As­tolfi (Ni­klas Cla­rin), Lu­cieta (Do­ris Ma­ria Rich­ter mit sau­ber kon­tu­rier­tem So­pran; auf der Bühne für sie we­gen ge­bro­che­nen Bei­nes agie­rend: An­ge­lika Ga­jta­novs­ka) mit An­so­letto (Bar­to­lo­meo Stasch mit so­no­rem Bass) so­wie Gnese (mit leuch­ten­dem, mu­si­ka­lisch so­wie tech­nisch sehr gut ge­führ­tem So­pran: Hye Soo An) und Zor­zetto (Ho­jong Song). Als An­stands­da­men der drei Töch­ter fun­gie­ren ein On­kel (Haeyeol Han) und zwei schrul­lige alte Müt­ter. Sie ver­su­chen ihre von Liebe ver­ein­nahm­ten und ge­plag­ten Töch­ter vor vor­ei­li­gen Ehe­schließun­gen mit ag­gres­si­ven Su­per-Ma­chos (An­so­let­to), mem­mi­gen Weich­ei­ern (Zor­zet­to) oder win­di­gen Ade­li­gen (As­tol­fi) zu behüten. Bis sich alle Paare ge­fun­den ha­ben, gibt es nach der Ma­nier der Com­me­dia dell’arte al­ler­lei Miss­ver­ständ­nis­se, Rau­fe­rei­en, Ei­fer­suchtss­ze­nen und wein­se­lige Fes­te. Am Ende siegt die Liebe oder zu­min­dest die Zwei­sam­keit. Als Kunst­griff mit Lach-Ga­ran­tie be­setzt Wolf-Fer­rari die bei­den Müt­ter als te­no­rale Buff­o­par­tien in Frau­en­klei­dern – von Xiao Zhang als Mamma Pas­qua und al­len voran von John Picke­ring (als Gast) alias Cate mit amüsant ka­ri­kie­ren­dem Stimm- und Dar­stel­ler­ein­satz ver­kör­pert. Letz­te­rer fei­erte mit der zwei­ten Vor­stel­lung sei­nen 71. Ge­burts­tag und zeigte den jun­gen Ge­sangs­kol­le­gen und dem Pu­bli­kum eine form- und ge­sangs­vollen­dete Büh­nen­prä­senz.

vom 22.02.2017 | Ausgabe-Nr. 8A

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