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Ganz große Oper

Premiere »Hoffmanns Erzählungen«

Bie­le­feld (a­me). Eine wirk­lich rau­schende Pre­miere fei­erte die Oper »Hoff­manns Erzäh­lun­gen« in der In­sze­nie­rung von He­len Mal­kow­sky am Stadt­thea­ter. Wer eine zucker­süße Träu­me­rei mit Gon­del und Co. er­war­tet hat­te, wurde ent­täuscht. Statt­des­sen war­tet die In­sze­nie­rung mit ei­ner Ein­dring­lich­keit auf, die si­cher­lich nicht mehr zu stei­gern ist. Man­che Sze­nen schie­nen di­rekt aus den Ab­grün­den der mensch­li­chen Seele zu kom­men und sie wa­ren so pa­ckend, dass man tatsäch­lich den Atem an­hielt. Der Abend bot eine Ach­ter­bahn der Ge­fühle und dazu atem­be­rau­bend schö­nen Ge­sang.

Die mu­si­ka­li­sche Lei­tung hatte Elisa Go­gou, das Büh­nen­bild ge­stal­tete Sas­kia Wunsch, die Kostüme Hen­rike Brom­ber.

Me­la­nie For­ge­ron führte als Muse Hoff­manns durch die Hand­lung und hielt als sol­che die Stränge der Hand­lun­gen zu­sam­men. Ihr Ge­sang mu­tete an, wie das Tril­lern ei­ner Nach­ti­gall – hier ka­men die Träu­mer dann doch auf ihre Kos­ten: Sanft, zum Da­hin­schmel­zen schön und nie­mals ü­ber­trie­ben. Me­la­nie For­ge­ron sorgte für Mo­men­te, in de­nen man ein­fach nur die Au­gen schloss, um sich in der Mu­sik und dem Klang die­ser wun­der­schö­nen Stimme zu ver­lie­ren. Ti­mo­thy Ri­chards in der Rolle des Hoff­mann ... Ja, man sollte wohl doch zwei Mal in die Vor­stel­lung ge­hen. Ein­mal zum An­gu­cken und ein­mal zum Zuhören mit ge­schlos­se­nen Au­gen. Die­ser Mann hat eine Kraft in sei­ner Stim­me, die ih­res­glei­chen sucht. Er singt und man schluckt. Mit großen Au­gen sitzt man da und denkt: »Whow«! Et­was ver­störend wirkte die Sze­ne, als Spa­lan­zani (Li­ang­hua Gong), der »Va­ter« und Er­schaf­fer der Puppe Olym­pia, auf ei­nem Kunst-Hap­pe­ning eine Per­for­mance ab­lie­fert, bei der er, vor den Au­gen des Ver­nis­sa­ge­pu­bli­kums, ein Schieß­bild er­stellt. Er schießt auf eine ü­ber­le­bens­große Nana, also eine Plas­tik nach Art der franzö­si­schen Künst­le­rin Niki de Saint Phal­le. Aus der Puppe tropft dar­auf­hin an den Ein­schuss­stel­len bunte Far­be. Diese Art der Per­for­mance hat es wirk­lich ge­ge­ben, sie wurde von Niki de Saint Phalle in­iti­iert. Ab 1956 machte sie mit ih­ren Schieß­bil­dern auf sich auf­merk­sam. Al­ler­dings ar­bei­tete sie mit Gips­re­li­efs und darin ein­ge­ar­bei­te­ten Farb­beu­teln, auf die sie während der Ver­nis­sage schoss.

In der In­sze­nie­rung be­merkt das Pu­bli­kum, dass Spa­lan­zani kaum Au­gen für seine le­bende Toch­ter hat. Zu sehr ist er mit dem Schaf­fen­spro­zess der Puppe Olym­pia be­schäf­tigt. Die le­bende Toch­ter schlüpft nun aus Ver­zweif­lung ü­ber die Miss­ach­tung des Va­ters in die Rolle der Pup­pe. Spa­lan­zani schießt auf die ver­meint­li­che Puppe und trifft so­mit seine Toch­ter, die blutü­ber­strömt im­mer wie­der zu­sam­men­bricht und natür­lich am Ende stirbt. Die In­sze­nie­rung will hier­mit die Frage auf­wer­fen, wie weit Kunst ge­hen darf und ob man dafür mensch­li­che Be­zie­hun­gen op­fern darf. Das ist si­cher­lich eine in­ter­essante The­ma­tik. Da aber ne­ben der Puppe Olym­pia in an­de­ren In­sze­nie­run­gen keine le­bende Toch­ter exis­tiert, kommt das Ganze doch sehr ü­ber­ra­schend.

Die Oper ver­langte den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern ne­ben wirk­lich schwie­rig zu sin­gen­den Arien auch eine große, so­gar sehr große schau­spie­le­ri­sche Leis­tung ab. Hier bril­lierte Chris­tiane Linke als An­to­nia. Ihr Ge­sang war so­wieso großar­tig, ihr Spiel je­doch war so in­ten­siv, dass die Zuhö­rer ganz in ih­ren Bann ge­zo­gen wur­den. Ge­nial war die Sze­ne, als Dr. Mi­ra­kel (Tuo­mas Pur­sio) den Geist der to­ten Mut­ter An­to­nias be­schwor. Die ste­reo­ty­pen Be­we­gun­gen der Mut­ter (Sünne Pe­ters) sorg­ten für Gän­se­haut. Man wähnte sich mit­ten in ei­nem Alp­traum. An­to­nia stieg in das vor­ge­lebte Le­ben der Mut­ter ein und – starb dar­an.

Die In­sze­nie­rung von He­len Mal­kow­sky, Dra­ma­tur­gie, Jón Phil­lip von Lin­den, am Bie­le­fel­der Stadt­thea­ter ist ganz si­cher­lich keine leichte Kost. Dafür ist sie zu viel­schich­tig. Wer sie an­schau­te, hatte viel nach­zu­den­ken. Wohl auch des­halb wird diese Auf­führung un­ver­ge­ss­lich blei­ben. Die nächs­ten Vor­stel­lun­gen sind am 18., 25. und 30. De­zem­ber.

vom 15.12.2012 | Ausgabe-Nr. 50B

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