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Wie will Bad Salzuflen das Andenken an jüdische Mitbürger bewahren?

»Stolpersteine – warum oder warum nicht?«

Bad Sal­zu­flen (dib). Mit sei­nem Pro­jekt »­Stol­per­stei­ne« er­in­nert der Köl­ner Künst­ler Gun­ter Dem­nig seit 1995 an ehe­ma­lige jü­di­sche Mit­bür­ger, die während der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus er­mor­det wur­den. Vor ih­rem letz­ten Wohn­ort lässt er Mes­sing­ta­feln mit Na­me, Ge­burts­jahr, De­por­ta­ti­ons­da­tum und Ster­be­ort ins Pflas­ter ein­set­zen. Ins­ge­samt gibt es in Ös­ter­reich, Un­garn, den Nie­der­lan­den und Deutsch­land in ü­ber 400 Or­ten be­reits ü­ber 18.000 Stol­per­stei­ne.

»­Brau­chen und wol­len wir sol­che Stol­per­steine auch in Bad Sal­zu­flen?« – In ei­ner Po­di­ums­dis­kus­sion mit Bür­gern der Kur­stadt, die der »Rat­schlag ge­gen Frem­den­feind­lich­keit und Rechts­ex­tre­mis­mus« in der Gel­ben Schule ver­an­stal­tet hat­te, leg­ten Franz Meyer (Stadt­ar­chi­var Bad Sal­zu­flen), An­nette Paschke-Leh­mann (Be­reichs­lei­te­rin Kul­tur der Stadt Lem­go), Dr. An­dreas Rup­pert (Stadt­ar­chi­var Det­mold) und Harry Ro­the (Vor­sit­zen­der der Jü­di­schen Ge­meinde Det­mold-Her­ford) zunächst ihre Auf­fas­sun­gen dazu dar. Meyer, Paschke-Leh­mann und Ro­the hal­ten sie für not­wen­dig und er­läu­ter­ten dem Pu­bli­kum, was in den Kom­mu­nen bis­her un­ter­nom­men wur­de, das Ge­den­ken an die jü­di­schen Mit­bür­ger zu be­wah­ren.

Dr. Rup­pert da­ge­gen steht der Ver­le­gung von Stol­per­stei­nen sehr kri­tisch ge­genü­ber. Ihm ist auf­ge­fal­len, daß es in Det­mold »k­eine Rück­spra­che mit An­gehö­ri­gen der Op­fer und der jü­di­schen Ge­meinde ge­ge­ben hat.« Im Fe­bruar 2007 habe es in Det­mold einen run­den Tisch mit Be­für­wor­tern und Geg­nern der Stol­per­steine ge­ge­ben, der nach lan­ger Dis­kus­sion zu dem Schluss ge­kom­men sei, wei­ter darü­ber nach­zu­den­ken. Der Det­mol­der Stadt­ar­chi­var be­zeich­net die Ak­tion Stol­per­steine als welt­weit größtes Mahn­mal und fragt: »­Gibt es hier eine Welt­meis­ter­schaft? Will man hier et­was für die Op­fer tun oder sich selbst er­lö­sen? Um den Stein zu le­sen, muss man sich vor dem Op­fer ver­beu­gen. Doch die meis­ten Men­schen lau­fen acht­los darü­ber. Die NS-Op­fer wer­den her­aus­ge­ho­ben – wol­len es aber meist nicht. Tun wir ih­nen da­mit einen Ge­fal­len? Ich glaube nicht an die Wir­kung der Stei­ne.« Dr. Rup­perts Fa­zit: »­Die Ak­tion Stol­per­steine ist zwar gut ge­meint. Aber mich ihr an­zu­sch­ließen, leuch­tet mir nicht ein.« Der Vor­sit­zende der Jü­di­schen Ge­meinde Det­mold-Her­ford da­ge­gen be­zeich­nete die Er­in­ne­rungs­ar­beit als sehr wich­tig. »­Die Steine sol­len an das Schick­sal der jü­di­schen Men­schen er­in­nern. Wir müs­sen durch mög­lichst viele Punkte dar­auf auf­merk­sam ma­chen, dass hier jü­di­sche Men­schen ge­lebt ha­ben. Al­ler­dings«, so Ro­the wei­ter, »ist die Prä­si­den­tin des Zen­tral­rats der Ju­den in Deutsch­land, Char­lotte Kno­bloch, ge­gen diese Stei­ne, weil sie mit Füßen be­tre­ten wer­den.«

­Mo­de­ra­tor Die­ter Lo­renz vom Bad Sal­zu­fler »Rat­schlag« er­klär­te, dass in der Kur­stadt mit den Haus­be­sit­zern bis­her keine ein­heit­li­che Lö­sung ge­fun­den wer­den konn­te. »­Sonst hät­ten wir Ge­denk­ta­feln an den Häu­sern an­ge­bracht. Auf die Stol­per­steine sind wir erst ge­kom­men, nach­dem wir mit der Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit in eine Sack­gasse ge­ra­ten sin­d.« In der re­gen Dis­kus­sion zum für und wi­der der Stol­per­steine sagte Bri­gitte Scheu­er: »Jede Stadt hat ihre ei­gene Er­in­ne­rungs­kul­tur er­ar­bei­tet. Aber kei­ner kann mir er­klären, warum ge­rade Stol­per­stei­ne. Was macht ihre Be­deu­tung aus? Ich stehe den Stei­nen kri­tisch ge­genü­ber. Auf Pla­ket­ten oder Ta­feln am Haus kann ich mehr In­for­ma­tio­nen er­fah­ren.«

Der Eh­ren­vor­sit­zende des Hei­mat- und Ver­schö­ne­rungs­ver­eins, Wil­helm Haun, war zum Be­ginn der NS-Zeit neun Jahre alt. Er er­in­nerte sich an seine Schul­zeit während des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und an Er­leb­nis­se, die ihm im Ge­dächt­nis ge­blie­ben sind. Er schließt sich mit sei­ner Mei­nung Dr. Rup­pert und Dr. Kno­b­loch an. Wer­ner Wöh­ler da­ge­gen sagt: »Lasst uns die Steine ver­le­gen, und ü­ber Schu­len, Kon­fir­ma­ti­ons­un­ter­richt und Ver­eine das öf­fent­lich ma­chen, was Wil­helm Haun erzählt hat.« Joa­chim Licht ist ü­ber die Po­si­tion von Harry Ro­the sehr er­freut, denn: »­Stol­per­steine sind et­was an­de­res als Geh­stei­ne. Sie sind eine Prä­senz im öf­fent­li­chen Raum und wer­den als Er­in­ne­rung wahr­ge­nom­men.« Und Ingo Scheu­len er­gänzt: »Ich bin zu der Ü­ber­zeu­gung ge­kom­men, wir brau­chen die Stol­per­stei­ne. Denn wir wer­den ge­dank­lich an­ge­stoßen, uns da­mit zu be­schäf­ti­gen.« In sei­nem Schlußwort fasste Franz Meyer zu­sam­men: »Es war eine frucht­bare Dis­kus­sion. Nur sel­ten wurde in Bad Sal­zu­flen ü­ber Ge­schichte und Po­li­tik so kon­tro­vers dis­ku­tiert. Für mich sind die Stol­per­steine ein Mo­sa­ik­stein der Er­in­ne­rungs­kul­tur.«

vom 30.09.2009 | Ausgabe-Nr. 40A

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