LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Glanzvolles Konzertereignis der Internationalen Orgeltage in St. Marien

Denkmäler barocker Tonkunst

 

Lemgo (k­w). Un­ge­wöhn­li­che und vor­züg­li­che Ein­drü­cke ba­ro­cker Mu­sik er­leb­ten die Be­su­cher der Kir­che St. Ma­rien bei der Auf­führung gran­dio­ser Werke des Rastät­ter Hof­ka­pell­meis­ters Jo­hann Cas­par Fer­di­nand Fi­scher. Der Abend stellte eine kon­zer­tante Glanz­leis­tung als ein her­aus­ra­gen­des Kul­tur­er­eig­nis im Rah­men der 26. In­ter­na­tio­na­len Lem­goer Or­gel­tage dar. Das Kon­zert des Pro­jek­tes um­fasste nicht nur die Auf­führung und Pro­duk­tion von Fi­schers »­Missa S. Mi­chae­lis Ar­chan­ge­li« und sei­ner »­Missa in Con­tra­punk­to«. Seine Or­che­s­ter­mu­sik aus dem »­Jour­nal du Prin­temps« wurde mit dem re­nom­mier­ten Or­che­s­ter Han­del‘s Com­pany er­stein­ge­spielt und vom WDR 3 live mit­ge­schnit­ten.

­Fi­scher (1656-1746) lebte als wich­ti­ger Ver­tre­ter des Hoch­ba­rock. Sein aus­ge­reif­ter Kom­po­si­ti­ons­s­til machte ihn zu ei­nem der be­deu­tends­ten Kom­po­nis­ten sei­ner Zeit. So­wohl in der Or­gel- und der In­stru­men­tal­mu­sik als auch im Be­reich der Chor­mu­sik schuf er großar­tige Werke und kein ge­rin­ge­rer als Jo­hann Se­bas­tian Bach be­zeich­nete Fi­scher als ei­nes sei­ner Vor­bil­der. Als mut­maß­li­cher Schü­ler von Jean Bap­tiste Lul­ly, des Ver­sail­ler Kom­po­nis­ten Lud­wigs XI­V., hat er we­sent­li­chen An­teil an der Ver­brei­tung der neuen franzö­si­schen Kom­po­si­ti­ons­kunst in Deutsch­land ge­habt. Fi­schers präch­ti­ges Or­che­s­ter­werk spie­gelt den Glanz des Le­bens bei Hofe wi­der. Die Sui­ten be­ste­hen aus Tanz­sät­zen, de­nen Fi­scher pracht­volle Ou­ver­türen vor­an­stellt. Di­ri­gent Rai­ner Jo­han­nes Hom­burg sorgte mit Han­del‘s Com­pany für eine sti­lechte In­ter­pre­ta­tion und ver­mit­telte ein aus­ge­zeich­net re­prä­sen­ta­ti­ves Klang­bild der ba­ro­cken Kost­bar­kei­ten ho­her Güte, die ü­ber eine ge­ho­bene Tech­nik hin­aus ein aus­drucks­vol­les Spiel for­dern. Mit his­to­ri­schen In­stru­men­ten aus­ge­stat­tet, aber ohne his­to­ri­sie­rende Scheu­klap­pen ent­wi­ckelte Han­del‘s Com­pany un­ter Hum­bold ein be­son­ders leb­haf­tes Mu­si­ker­leb­nis bei ei­nem ebenso fri­schen und be­mer­kens­wert wei­chen Klang­bild. Fest­lich be­setzt mit Trom­pe­ten, Strei­chern, Ge­ne­ral­bass und Schlag­zeug wurde ein Wech­sel­ge­spräch zwi­schen den In­stru­men­ten­grup­pen ent­fal­tet, wie es in den ein­zel­nen Tanz­sät­zen der Or­che­s­ter­sui­te, zum Bei­spiel dem Echo, dem Ca­na­ries oder Me­nuett kom­po­si­to­risch an­ge­legt ist. Nu­an­ciert und trans­pa­rent wurde die ba­ro­cke Ton­spra­che zum Aus­druck, Af­fekt­ma­le­reien in be­ein­dru­cken­der Emp­find­sam­keit zur Gel­tung ge­bracht. Dies gilt ins­be­son­dere für die Auf­führung der zwei wich­ti­gen und ver­schie­de­nen kir­chen­mu­si­ka­li­schen Wer­ke, die Fi­schers viel­fäl­tige kom­po­si­to­ri­sche Mög­lich­kei­ten zei­gen und in der er­wei­ter­ten Be­set­zung mit dem Kam­mer­chor der Ma­ri­en­kan­to­rei Um­set­zung fan­den. Die »­Missa in Con­tra­punc­to« ver­traut den li­tur­gi­schen Text dem Chor und dem Basso Con­ti­nuo an.

­Man hört die Me­lo­die des Ad­vent­scho­rals »­Nun komm der Hei­den Hei­lan­d« deut­lich zu Be­ginn des ers­ten Ky­ries in al­len Stim­men. An an­de­ren Stel­len in der Mes­se, wie dem Ky­rie und den »A­men« von Glo­ria und Cre­do, taucht sie kunst­voll und eher ver­steckt mehr­mals auf. Auch für die »­Missa S. Mi­chae­lis Ar­chan­ge­li« spielt der Cho­ral eine wich­tige Rol­le, diese ent­fal­tet ihn mit So­li, Chor und Or­che­s­ter.

­Durch das er­freu­lich zurück­hal­tende Mu­si­zie­ren des Or­che­s­ters von kam­mer­mu­si­ka­li­scher Trans­pa­renz ka­men die fünf her­vor­ra­gen­den Vo­kal­so­lis­ten – Ve­ro­nika Win­ter und Jenny Hae­cker (So­pran), Hen­ning Voss (Al­tus), Nils Gie­bel­hau­sen (Te­nor) und Matt­hias Ger­chen (Bass) – stets voll zum Tra­gen. Das En­ga­ge­ment, die Kör­per­spra­che, das Auf­ein­an­der-Ein­ge­hen der Spe­zia­lis­ten für Auf­führungs­pra­xis al­ter Mu­sik fand die Er­gän­zung in der Ar­chi­tek­tur und herr­li­chen Akus­tik der St. Ma­rien Kir­che. Durch Aus­wahl und Ab­folge der Kon­zert­pro­gramm­punkte ent­fal­tete sich ein wir­kungs- und kon­trast­vol­les Wech­sel­spiel zwi­schen fei­er­lich tän­ze­risch Be­wegt­heit der Or­che­s­ter­sui­ten und be­we­gen­den mu­si­ka­li­schen Mo­men­ten af­fekt­ge­la­de­ne­ner In­nig­keit und fließen­der Ru­he, die der Aus­ge­wo­gen­heit zwi­schen Li­ni­en­führung und Har­mo­nik von Fi­schers Mess­kom­po­si­tio­nen in ho­hem Maße ge­recht wur­de.

vom 03.11.2007 | Ausgabe-Nr. 44B

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten