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Altlasten am Wall fordern 
mehrstufiges Sanierungskonzept

2020 werden Bauzaun und schweres Baugerät den Wall bestimmen

Das al­les ist nötig, um das kon­ta­mi­nierte Erd­reich zu ent­fer­nen und wei­tere Aus­tra­gun­gen und da­mit eine an­hal­tende Grund­was­ser­be­las­tung zu ver­mei­den. In der Rats­sit­zung am Mon­tag hat­ten Bür­ger­meis­ter Dr. Rei­ner Aus­ter­mann, die aus­führen­den Pla­ner so­wie der Ver­band für Flächen­re­cy­cling und Alt­las­tensa­nie­rung (AAV) die Maß­nah­men­schritte dem Rat vor­ge­stellt.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren sind vom Kreis Lippe und der Stadt Lemgo be­reits ver­schie­dene Un­ter­su­chun­gen zur Ein­schät­zung des Ge­fähr­dungs­po­ten­ti­als auf dem ehe­ma­li­gen Grund­stück Neue Tor­straße 37 und im un­mit­tel­ba­ren Um­feld vor­ge­nom­men wor­den. Er­geb­nis der Un­ter­su­chun­gen: Auf ei­ner Länge von 120 Me­tern und ei­ner Breite von rund 10 Me­tern sind Bo­den und auch Grund­was­ser durch diese che­mi­schen Stoffe ver­un­rei­nigt wor­den. Ins­ge­samt wird von un­ge­fähr 2.200 Ki­lo­gramm Masse an leicht-flüch­ti­gen chlo­rier­ten Koh­len­was­ser­stof­fen im Bo­den aus­ge­gan­gen. Die chlo­rier­ten Koh­len­was­ser­stoffe lie­gen in Schich­ten zwi­schen 2,50 und 5,50 Me­tern Tie­fe. Das Grund­was­ser in dem un­ter­such­ten Be­reich wird nicht durch Brun­nen an die Ober­fläche ge­för­dert. "Das Trink­was­ser kommt aus den Stadt­werke-Brun­nen, die weit außer­halb ei­ner Ge­fah­ren­zone lie­gen. Den­noch ist die Sa­nie­rung des ehe­ma­li­gen Be­triebs­gelände und ent­lang des al­ten Wall­ka­nals nach Wes­ten un­ab­ding­bar", be­tont Ge­schäfts­be­reichs­lei­ter Stadt­pla­nung und Bau­en, Mar­kus Bai­er. Die Kon­ta­mi­nie­rung be­trifft so­wohl das ehe­ma­lige Be­triebs­grund­stück der Rei­ni­gung, die städ­ti­sche Seite des in­ne­ren Wall­gra­bens, als auch pri­vate Par­zel­len am Wall. Im Be­reich der Neuen Tor­straße seien die chlo­rier­ten Koh­len­was­ser­stoffe in tiefe­ren Bo­den­schich­ten (etwa 5 Me­ter) ge­fun­den wor­den. Un­ter­su­chun­gen der be­trof­fe­nen Häu­ser und Grund­stü­cke hat­ten aber kei­ner­lei Ge­fähr­dung für die Be­woh­ner er­ge­ben. Die An­woh­ner sind auch in ei­nem ers­ten Schritt be­reits An­fang Juli ü­ber die an­ste­hen­den Maß­nah­men in­for­miert wor­den. Wei­ter auf Seite 2 We­gen der spe­zi­fi­schen Stand­ort­si­tua­tion wurde in­zwi­schen vom AAV in Ab­stim­mung mit der Stadt Lemgo und dem Kreis Lippe ein Sa­nie­rungs­kon­zept mit drei Sa­nie­rungs­zo­nen ent­wi­ckelt. Sa­nie­rungs­zone 1 um­fasst den Be­reich der ehe­ma­li­gen che­mi­schen Rei­ni­gung und an­lie­gende Grund­stücks­tei­le, Sa­nie­rungs­zo­nen 2 und 3 um­fas­sen den be­trof­fe­nen Be­reich des al­ten Wall­ka­nals und der an­lie­gen­den Häu­ser so­wie die be­ste­hende Grund­was­ser­be­las­tung. Sa­nie­rungs­zone 1 Zunächst wird in Sa­nie­rungs­zone 1 - am "Hots­pot" - der Rück­bau von zwei Teil­ge­bäu­den der ehe­ma­li­gen che­mi­schen Rei­ni­gung an­ge­gan­gen. Daran schließt sich ein Aus­tausch des ver­un­rei­nig­ten Bo­dens auf dem ehe­ma­li­gen Be­triebs­gelände und dem un­mit­tel­bar an­gren­zen­den Be­reich bis in fünf Me­ter Tiefe durch sau­be­res Bo­den­ma­te­rial im so­ge­nann­ten Großloch­bohr­ver­fah­ren an. Bei der Groß­bohr­tech­nik wer­den Boh­rer mit ei­nem Durch­mes­ser von 1 bis zu 1,20 Me­tern schritt­weise ein­ge­setzt, um das kon­ta­mi­nierte Erd­reich zu ent­fer­nen. An­sch­ließend wird je­des Bohr­loch di­rekt wie­der ver­füllt, um die Sta­bi­lität des Bo­dens zu er­hal­ten, be­vor das nächste Loch ge­bohrt wird. "Im Be­reich der Ge­bäude wird ent­spre­chend noch vor­sich­ti­ger ge­ar­bei­tet und die Bohr­löcher mit Be­ton­bohr­pfählen ver­sie­gelt. Auf diese Weise soll ein we­sent­li­cher Teil des Schad­stoff­po­ten­ti­als ent­fernt wer­den. Die Aus­schrei­bung die­ser Ar­bei­ten ist nach der ge­gen­wär­ti­gen Pla­nung für Ende 2019 vor­ge­se­hen. Mit dem Start der Sa­nie­rung wird An­fang 2020 ge­rech­net. "Inklu­sive Vor- und Nach­lauf rech­nen wir hier mit ei­ner Zeit­spanne von etwa neun Mo­na­ten", er­klärt Jür­gen Hen­nigs von Straßen und Ent­wäs­se­rung Lem­go. Für die Bau­stel­len­lo­gis­tik so­wie die bau­be­glei­tende Grund­was­ser­hal­tung wer­den zeit­weise meh­rere hun­dert Qua­drat­me­ter Fläche benötigt. Auf­grund der er­heb­lich ein­ge­schränk­ten Platz­ver­hält­nisse und der Größe der zum Ein­satz kom­men­den Geräte muss hier­für tem­porär ein Teil des Sla­ver­tor­walls in An­spruch ge­nom­men wer­den. "Das heißt, der Be­reich um das ehe­ma­lige Be­triebs­gelände bis zur Leo­pold­straße muss kom­plett ge­sperrt wer­den", so Jür­gen Hen­nigs. Zur vor­be­rei­ten­den Bau­maß­nahme gehöre auch die Ro­dung et­li­cher Bäume in dem Be­reich und es muss eine As­phalt­de­cke auf­ge­bracht wer­den. Diese Fläche wird nach Durch­führung der Sa­nie­rung aber wie­der­her­ge­stell­t." Für den Fuß- und Fahr­r­ad­ver­kehr wird ein klei­ner etwa 100 Me­ter lan­ger Um­weg in Rich­tung Pucke­wiese an­ge­legt. Ein wei­te­rer ge­plan­ter Bau­stein ist eine so­ge­nannte "in-situ che­mi­sche Oxi­da­tion (IS­CO)" (siehe un­ten) von Rest­men­gen noch vor­han­de­ner Schad­stoffe in der Sa­nie­rungs­zone 1. Da­bei wird ein spe­zi­el­les Mit­tel in das Grund­was­ser ein­ge­führt, das dafür sorgt, dass die Schad­stoffe in un­ge­fähr­li­che Be­stand­teile wie Koh­len­di­oxid zer­legt wer­den. Sa­nie­rungs­zone 2 In Sa­nie­rungs­zone 2, die etwa 100 bis 120 Wall­me­ter um­fasst, soll die Bo­den­kon­ta­mi­na­tion ü­ber eine so­ge­nannte in-situ-Sa­nie­rung durch­ge­führt wer­den, de­ren Wirk­sam­keit zu­erst in ei­nem der­zeit durch­ge­führ­ten, vor­lau­fen­den Feld­ver­such ge­prüft wird. Das Ver­fah­ren sieht eine Sti­mu­lie­rung des mi­kro­bi­el­len Schad­stof­fab­baus vor. Dazu wird herkömm­li­ches Spei­seöl als Nähr­lö­sung für Mi­kro­or­ga­nis­men in den Bo­den ein­ge­lei­tet. Für die spätere Sa­nie­rung der Sa­nie­rungs­zo­nen 2 und 3 wird im Vor­feld ein Grund­was­ser­mo­dell er­stellt. Mit die­sem Mo­dell er­folgt im An­schluss die Kon­zep­tion der er­gän­zen­den Grund­was­ser­rei­ni­gung mit Grund­was­ser­ma­na­ge­ment, die ein wei­te­res Ab­strö­men von chlo­rier­ten Lö­se­mit­teln ver­hin­dern soll. Sa­nie­rungs­zone 3 In ei­nem drit­ten Be­reich soll das "­Pump and Treat-Ver­fah­ren" ein­ge­setzt wer­den. Hier sind Schad­stoffe ab­strö­mig Rich­tung Süd-West ins Grund­was­ser ge­langt. Die­ses Ver­fah­ren sei eher eine reine Si­che­rungs­maß­nah­me, um eine wei­tere Aus­brei­tung ins Grund­was­ser zu ver­mei­den. "­Bei die­sem Ver­fah­ren re­den wir aber ü­ber einen Zeit­raum von 25 bis 50 Jah­ren", gibt Jür­gen Hen­nigs zu be­den­ken. "Da­bei wird das Grund­wawsser süd­lich der Gra­ben­straße ab­ge­pumpt, ü­ber Ak­tiv­koh­le­fil­ter ge­rei­nigt und an­sch­ließend an der Nord­seite der Häu­ser wie­der ein­ge­pumpt. Ein Spül­ef­fekt al­so." Kos­ten­trä­ger für die Sa­nie­rungs­maß­nahme sind an­tei­lig der AAV zu 80 Pro­zent, der Kreis Lippe ist bei der Sa­nie­rung des ehe­ma­li­gen Be­triebs­gelän­des be­tei­ligt und für Be­rei­che am Wall, die Alte Han­se­stadt. Hin­ter­grund Die ehe­ma­lige che­mi­sche Rei­ni­gung Neue Tor­straße hat in ih­rer Be­triebs­zeit zwi­schen 1909 und 2003 leicht­flüch­tige chlo­rierte Koh­len­was­ser­stoffe (LCKW) fahr­läs­sig in al­te, längst still­ge­legte Rohr­lei­tun­gen ab­ge­führt. Auf dem ehe­ma­li­gen Be­triebs­gelände und dem in­ne­ren Wall­gra­ben in un­mit­tel­ba­rer Um­ge­bung hat sich das gif­tige Ge­misch an­ge­sam­melt. Der Wall­ka­nal ist im Be­reich des ver­lan­de­ten al­ten Wall­gra­bens ver­legt, der Teil der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­be­fes­ti­gung der Stadt Lemgo war. Der Rat hatte die Stadt­ver­wal­tung er­mäch­tigt, einen öf­fent­lich-recht­li­chen Ver­trag mit dem Ver­band für Flächen­re­cy­cling und Alt­las­tensa­nie­rung (AAV) ü­ber die Durch­führung er­gän­zen­der Sa­nie­rungs­un­ter­su­chun­gen und die Er­stel­lung ei­nes Ge­samts­a­nie­rungs­pla­nes ab­zu­sch­ließen. Die Un­ter­su­chun­gen des Un­ter­grunds ha­ben ge­zeigt, dass sich ü­ber­wie­gende Teile der Bo­den­ver­un­rei­ni­gung in der Zone des so­ge­nann­ten Hoch­flut­lehms be­fin­den, der sich ver­mut­lich durch die Ver­lan­dung des al­ten Wall­gra­bens ge­bil­det hat und der bis in eine Tiefe von rund vier Me­tern un­ter der Gelän­deo­ber­kante an­zu­tref­fen ist. Wei­tere Schad­stoff-An­teile sind auch in tiefe­ren Bo­den­schich­ten zu fin­den. Un­ter­su­chun­gen des Grund­was­sers ha­ben ge­zeigt, dass vom Stand­ort eine Ver­un­rei­ni­gung des Grund­was­sers aus­geht, die sich in süd­west­li­che Rich­tung er­streckt. Ü­ber den AAV – Ver­band für Flächen­re­cy­cling und Alt­las­tensa­nie­rung Der AAV ist als un­ab­hän­gige und selbst­ver­wal­tete Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts zu­stän­dig für Flächen­re­cy­cling und Alt­las­tensa­nie­rung in dem das Land NRW und ar­bei­tet eng mit Kom­mu­nen und Wirt­schaft zu­sam­men. Ü­ber­all dort, wo Alt­las­ten in Bo­den und Grund­was­ser zu fin­den sind und ein Ver­ur­sa­cher der Ver­un­rei­ni­gun­gen zum Bei­spiel nicht haft­bar ge­macht wer­den kann, greift der AAV. Der Ver­band ist bei den Pro­jek­ten in der Re­gel Maß­nah­men­trä­ger und bringt bis zu 80 Pro­zent der Fi­nan­zie­rung auf. Seite 2

vom 13.07.2019 | Ausgabe-Nr. 28B

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