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Alter ist die größte Gefahr, an Demenz zu erkranken

Irgendwann sind alle Puzzleteile im Gehirn verschwunden

 

Kreis Lippe (n­r). "­Was macht Deine Brille im Kühl­schrank?" Die Frage bringt ih­ren Ge­genü­ber nur kurz aus der Fas­sung. Er ant­wor­tet: "Ich habe in ei­ner Do­ku­men­ta­tion ge­se­hen, dass sie dann we­ni­ger be­schläg­t." Aus­re­den sind Selbst­schutz, wenn plötz­lich Worte feh­len, man Dinge stän­dig ver­legt, man die Ori­en­tie­rung ver­liert. Diese kurze Kon­ver­sa­tion ist Rea­lität. Manch­mal ver­birgt sich hin­ter be­sag­ter Brille im Kühl­schrank nur Schus­se­lig­keit, zu viel Hek­tik oder ein­fach ein Zu­viel an un­ter­schied­li­chen Ge­dan­ken, die ab­len­ken. Manch­mal ist es al­ler­dings mehr; dann, wenn im­mer mehr ver­ges­sen und es ir­gend­wann of­fent­sicht­lich wird, dass eine Form von De­menz ihr Ge­sicht zeigt. Bis zu die­ser Er­kennt­nis ist es manch­mal ein lan­ger Weg. Wei­ter auf Seite 2

De­menz – oder bes­ser – das de­men­zi­elle Syn­drom ist weit mehr, als nur ein Stück Ver­ge­ss­lich­keit. Der un­auf­halt­same Ver­fall des Ge­hirns be­raubt nach und nach al­ler geis­ti­gen und in­tel­lek­tu­el­len und ko­gni­ti­ven Fähig­kei­ten, zer­stört Ge­dächt­nis und Spra­che glei­cher­maßen, schränkt die Be­we­gung ein, bis – ja, bis am Ende so­gar ver­ges­sen wird, was Hun­ger ist, wie man isst, schluckt oder sich be­wegt. Man ver­liert sich selbst. "­De­menz"– schon der Be­griff ist ein Schreck­ge­spenst. Ei­gent­lich ist das Wort "­De­menz" ein Sam­mel­be­griff für eine Reihe von Krank­hei­ten, die zwar höchst un­ter­schied­lich ver­lau­fen, aber letzt­end­lich alle lang­fris­tig das Ge­hirn zer­set­zen. Die meis­ten Er­krank­ten lei­den un­ter Alz­hei­mer-De­menz. Hier ster­ben die Ge­hirn­zel­len aus noch nicht er­forsch­ten Grün­den ver­mehrt ab. Das Ge­hirn wird re­gel­recht durch­löchert. Der vas­kulären De­menz als zweit­häu­figs­ter Form der Krank­heit, lie­gen Ge­fäß­ver­än­de­run­gen im Ge­hirn zu­grunde – häu­fig durch zum Teil un­be­merkte Schlagan­fäl­le. Hier kann das Ge­däch­nis län­ger funk­tio­nie­ren als bei Alz­hei­mer, dafür meh­ren sich Ori­en­tie­rungs- und Kon­zen­tra­ti­ons­schwächen. Ist die De­menz Folge ei­ner an­de­ren Er­kran­kung, wie etwa der ei­ner De­pres­sion, ist bei früh­zei­ti­ger Be­hand­lung der Grunder­kran­kung eine Er­ho­lung des Ge­hirns mög­lich. Der Ver­lauf ei­ner De­menz kann höchst un­ter­scheid­lich ver­lau­fen. Mit­un­ter kön­nen viele Jahre ver­ge­hen, in de­nen das Ge­hirn De­fi­zite aus­zu­glei­chen ver­mag, Liegt der de­men­zi­el­len Er­kran­kung das Ab­ster­ben der Ner­ven­zel­len zu­grun­de, was etwa 90 Pro­zent al­ler De­men­zer­kran­kun­gen be­trifft, ist eine Hei­lung der­zeit nicht mög­lich, al­ler­dings lässt sich durch The­ra­pien der Krank­heits­ver­lauf ver­zö­gern. Ak­tu­ell sind welt­weit mehr als 45 Mil­lio­nen Men­schen an De­menz er­krankt. Ex­per­ten zu­folge soll sich diese Zahl bis 2050 ver­drei­fa­chen. In Deutsch­land sind 1,7 Mil­lio­nen Men­schen (Stand: 2017) an ei­ner De­menz er­krankt, bis zum Jahr 2050 sol­len es Schät­zun­gen nach rund 3 Mil­lio­nen sein. Die meis­ten von ih­nen (etwa 90 Pro­zent) lei­den an ei­ner De­menz vom Typ Alz­hei­mer. Grundsätz­lich wächst mit stei­gen­dem Al­ter das Ri­si­ko, an ei­ner De­menz zu er­kran­ken. Sta­tis­ti­ken nach trifft es aber vor al­lem äl­tere Frau­en, da sie die höhere Le­bens­er­war­tung ha­ben. Sind bei Men­schen zwi­schen 65 bis 69 Jah­ren le­dig­lich 1,6 Pro­zent an ei­ner De­menz er­krankt, so sind es bei den ü­ber 90-Jäh­ri­gen be­reits 40,95 Pro­zent. De­menz ist im­mer noch ein Ta­buthe­ma. Der geis­tige Ver­fall ei­nes Men­schen ist ei­ner Stig­ma­ti­sie­rung un­ter­zo­gen und – der la­tei­ni­sche Be­griff "­De­men­tia" ("Ohne Geist" oder "Ohne Ver­stan­d") ist al­les an­dere als schmei­chel­haft und für das Gros der Men­schen ein weitaus schlim­me­rer Ma­kel, als alle kör­per­li­chen Ge­bre­chen – auch wenn diese im Krank­heits­ver­lauf ei­ner de­men­zi­el­len Er­kran­kung un­wei­ger­lich da­zu­kom­men. Be­trof­fene wer­den un­aus­weich­lich ir­gend­wann zu Pfle­ge­fäl­len. Dass De­menz auch an­dere Ge­sich­ter hat und es neue Wege gibt, Be­trof­fe­nen zu hel­fen, er­klären auf den fol­gen­den Sei­ten Men­schen, die tag­täg­lich mit De­menz­kran­ken und de­ren An­gehö­ri­gen zu tun ha­ben. BUZ De­menz ist ein we­nig wie ein Rück­wärts­puzz­le: Dass, was am we­nigs­ten wich­tig war, ver­gisst man zu­er­st. Fo­to: px­here

vom 30.01.2019 | Ausgabe-Nr. 5A

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