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"Wahlberechtigt sind alle deutschen Männer und Frauen"

Am 19. Januar jährt sich die erste demokratische Wahl zum hundertsten Mal

Kreis Lippe (k­m). "­Wahl­recht für al­le! Auch für Frau­en." Das for­der­ten die Men­schen im Ok­to­ber 1918. Am 9. No­vem­ber 1918 rief Phil­ipp Schei­de­mann die deut­sche Re­pu­blik mit den Wor­ten "­Sorgt dafür, dass die­ser stolze Tag durch nichts be­schmutzt wer­de. Er sei ein Eh­ren­tag für im­mer in der Ge­schichte Deutsch­lands. Es lebe die deut­sche Re­pu­bli­k", aus. Drei Tage später, am 12 No­vem­ber, dankte Fürst Leo­pold IV. zur Lippe ab. In Lippe und West­fa­len lief der Ü­ber­gang von der Mon­ar­chie zur Re­pu­blik gemäß dem Grund­satz "Ruhe und Ord­nung" ab. Die gemäßig­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten bil­de­ten da­bei die be­stim­mende po­li­ti­sche Kraft. Die Räte wa­ren da­bei nur eine Ü­ber­gangs­lö­sung bis zu den de­mo­kra­ti­schen Neu­wah­len bei de­nen im Ja­nuar 1919, also ge­nau vor 100 Jah­ren auch erst­mals Frauen teil­neh­men durf­ten. Das neue Reichs­wahl­ge­setz trat am 30. No­vem­ber 1918 in Kraft. Dort heißt es in §2: "­Wahl­be­rech­tigt sind alle deut­schen Män­ner und Frau­en, die am Wahl­tag das 20. Le­bens­jahr vollen­det ha­ben." Der erste Wahl­tag an dem die­ses Ge­setz galt war der 19. Ja­nuar 1919, Da­mals durf­ten Frauen in Deutsch­land al­ler­dings nicht nur zum ers­ten Mal wählen ge­hen, son­dern konn­ten auch ge­wählt wer­den. 82 Pro­zent der wahl­be­rech­tig­ten Frauen ga­ben ihre Stimme ab, 37 weib­li­che Ab­ge­ord­nete zo­gen ins Par­la­ment ein. Die Bemühun­gen um die po­li­ti­sche Gleich­stel­lung der Frauen hatte 1919 be­reits eine sech­zig­jäh­rige Ge­schich­te. Der Be­ginn der Frau­en­be­we­gung lag in der Re­vo­lu­tion von 1849 be­grün­det. Schon da­mals hatte man sich das pas­sive und ak­tive Wahl­recht für Frauen zum Ziel ge­setzt. Im­mer mehr Frauen schlos­sen sich ab der Mitte des 19. Jahr­hun­derts in Grup­pen und ver­ei­nen zu­sam­men, um sich für ihr Recht auf Bil­dung, Er­werbs­ar­beit, po­li­ti­sche Teil­nah­me, ö­ko­no­mi­sche und so­ziale Selbst­stän­dig­keit ein­zu­set­zen, ob­wohl ih­nen nach wie vor eine Mit­glied­schaft in po­li­ti­schen Ver­ei­nen un­ter­sagt war und sie auch kein Ver­samm­lungs­recht hat­ten. Wei­ter auf Seite 2 Der Det­mol­der Frau­en­rat Als sich im De­zem­ber 1917 ab­zeich­ne­te, dass der Deut­sche Kai­ser eine Re­form des Wahl­rech­tes an­streb­te, die vor­her laut ge­wor­de­nen For­de­run­gen der Frau­en, aber nicht be­ach­ten wür­de, ü­ber­ga­ben bür­ger­li­che und so­zia­lis­ti­sche Ak­ti­vis­tin­nen dem Preußi­schen Land­tag eine "Er­klärung zur Wahl­rechts­fra­ge". In die­ser wie­sen sie un­ter an­de­rem auf die, während des Krie­ges von Frauen ge­leis­tete Ar­beit und de­ren große Ein­satz­be­reit­schaft hin und for­der­ten ein "all­ge­mei­nes, glei­ches und di­rek­tes Wahl­recht für alle ge­setz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten." Al­ler­dings sollte es noch etwa ein Jahr dau­ern bis am 30. No­vem­ber 1918 das Ge­setz ver­ab­schie­det wur­de, das al­len Bür­ge­rin­nen und Bür­gern das ak­tive und pas­sive Wahl­recht für die Wahl zur ver­fas­sungs­ge­ben­den deut­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung ga­ran­tier­te. Etwa eine Wo­che nach der Aus­ru­fung der deut­schen Re­pu­blik, ka­men am 17. No­vem­ber 400 Frauen im Fest­saal der Fürst Leo­pold-Aka­de­mie zu­sam­men - die Ge­burts­stunde des Det­mol­der "Frau­en­ra­tes" un­ter der Lei­tung der Kauf­frau Mar­ga­re­the Schweich­ler. "Ei­gent­lich ist es scha­de, dass Mar­ga­re­the Schweich­ler es nie in den Land­tag ge­schafft hat, da sie un­glaub­lich ak­tiv und rege war", erzählt Stadt­ar­chi­va­rin Dr. Bär­bel Sun­der­brink, "al­ler­dings konnte sie nie einen gu­ten Lis­ten­platz für sich be­an­spru­chen." Der Lip­pi­sche Volks- und Sol­da­ten­rat sah den Frau­en­rat eher kri­tisch. "­Die Mei­nung der Frauen des Ra­tes sollte nur bei Be­darf hin­zu­ge­zo­gen wer­den", so die Ar­chi­va­rin. Das hin­derte die Frau­en, des ein­zi­gen Frau­en­rats ü­ber­haupt, al­ler­dings nicht dar­an, sich ge­gen ge­plante Ent­las­sun­gen zur Wehr und für die Ver­sor­gung von Wit­wen und Kriegs­wai­sen ein­zu­set­zen. Fast hätte es in Lippe aber auch mit dem Wahl­recht nicht ge­klappt. Wäre es nach den kon­ser­va­ti­ven Po­li­ti­kern, wie Adolf Neu­mann-Ho­fer, ge­gan­gen, so hät­ten die Lip­pe­rin­nen erst 1928 das erste Mal zur Wahl­urne ge­hen dür­fen. Da das haupt­säch­li­che po­li­ti­sche Ge­sche­hen al­ler­dings in Ber­lin statt­fand und dort der Rat der Volks­be­auf­trag­ten im De­zem­ber 1918 das Wahl­recht für alle fest­leg­te, kam es nie zu die­ser Son­der­re­ge­lung, so­dass Frauen nicht nur wählen, son­dern sich auch wählen las­sen durf­ten. Au­guste Bracht und Clara Lüken Von ih­rem Wahl­recht durf­ten die Frauen in Lippe gleich aus­gie­big Ge­brauch ma­chen, denn nach der Wahl zur Na­tio­nal­ver­samm­lung am 19. Ja­nuar folgte eine Wo­che später die Wahl zum Lip­pi­schen Land­tag und wie­derum noch eine Wo­che später die des Stadt­par­la­ments. Während die für die Na­tio­nal­ver­samm­lung auf­ge­stell­ten Frauen aus Lippe keine Chance hat­ten, schaffte es die Wä­schenähe­rin Au­guste Bracht aus Oer­ling­hau­sen für die SPD in den Lip­pi­schen Land­tag. Erst Ende 1920 rückte die Leh­re­rin Clara Lüken für die li­be­rale DDP in den Lip­pi­schen Land­tag nach. Au­guste Bracht ist da­mit die erste Frau, die es in den Lip­pi­schen Land­tag schaff­te. "Au­guste Bracht ist eine ganz span­nende Per­son, auch wenn von ih­rem po­li­ti­schen Wir­ken nicht ganz so viel ü­ber­lie­fert ist", be­rich­tet die Lei­te­rin des Stadt­ar­chivs Dr. Bär­bel Sun­der­brink. Die am 17. Juli 1875 ge­bo­rene Oer­ling­hau­se­ne­rin gehört außer­dem zu den ers­ten Frau­en, die sich ge­werk­schaft­lich or­ga­ni­sier­ten. Als Vor­sit­zende des Wä­sche­ar­bei­te­rin­nen­ver­bands war sie mit den Be­lan­gen be­rufs­täti­ger Frauen bes­tens ver­traut und setzte sich im Land­tag un­ter an­de­rem mit der Frage der De­mo­bil­ma­chung aus­ein­an­der. "­Man dürfe den Frauen da, wo sie auf Er­werb an­ge­wie­sen sein, die­sen nicht neh­men, weil sie sonst großen sitt­li­chen Ge­fah­ren ent­ge­gen­ge­hen", er­klärte sie. Al­ler­dings ver­trat sie an­sons­ten die eher kon­ser­va­tive Mei­nung ih­rer männ­li­chen Kol­le­gen und sah die Frauen in der Fa­mi­lie, wo sie sich vor al­lem der Kin­der­er­zie­hung wid­men soll­ten. Clara Lüken hin­ge­gen ver­trat das Bil­dungs­bür­ger­tum. Als Frauen das Stu­die­ren er­mög­licht wur­de, be­warb sie sich um einen Stu­di­en­platz in Göt­tin­gen und wurde nach ih­rem Stu­di­en­ab­schluss zunächst Lei­te­rin des Leh­re­rin­nen­se­mi­nars in Det­mold und später Stu­di­en­rätin an der Auf­bau­schu­le. 1933 wurde sie von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zur Pen­sio­nie­rung ge­drängt. Die Wahlen 1919 Vor der Wahl 1919 hatte man große Sor­gen, wie denn die Frauen wählen und wie sie sich in den Par­la­men­ten und Land­ta­gen po­li­tisch ver­hal­ten wür­den. Der li­be­rale lip­pi­sche Po­li­ti­ker Max Staer­ke, der sich, an­ders als sein Par­tei­kol­lege Neu­mann-Ho­fer, sehr für das Frau­en­wahl- und stimm­recht aus­sprach, ver­fasste eine Bro­schüre mit dem Ti­tel "­Den lip­pi­schen Frauen zum Ein­tritt in die Po­li­ti­k". "Ei­gent­lich ist es et­was ver­wun­der­lich, dass er in der Bro­schüre so einen be­leh­ren­den Ton an­schläg­t", erzählt Stadt­ar­chi­va­rin Dr. Bär­bel Sun­der­brink. Die Wahlen zu Be­ginn des Jah­res 1919 wa­ren nicht nur die ers­ten Wahlen an de­nen Frauen teil­neh­men durf­ten, son­dern auch die ers­ten de­mo­kra­ti­schen Wahlen in Deutsch­land. Der ehe­ma­lige Prä­si­dent des Lan­des­ar­chivs Nord­rhein-West­fa­len, Prof. Dr. Wil­fried Rei­ning­haus, ist ei­ner der bes­ten Ken­ner die­ser ers­ten Pha­sen der De­mo­kra­tie. Am 31. Ja­nuar um 19 Uhr hält er im Lip­pi­schen Lan­des­mu­seum in Det­mold einen Vor­trag in dem er sich mit die­sen ers­ten de­mo­kra­ti­schen Wahlen in Lippe be­schäf­tigt und die Hin­ter­gründe des po­li­ti­schen Um­bruchs be­leuch­tet. Der Ein­tritt zum Vor­trag ist frei, um Vor­an­mel­dung un­ter 05231-99250 oder shop@lip­pi­sches-lan­des­mu­se­um.de wird ge­be­ten. Die weib­li­chen Ab­ge­ord­ne­ten der MSPD in der Wei­ma­rer Na­tio­nal­ver­samm­lung am 1. Juni 1919. Fo­to: His­to­ri­sches Mu­seum Frank­furt Ti­tel der Bro­schüre "­Glei­ches Recht, Frau­en­stimm­recht. Wacht auf Ihr deut­schen Frauen al­ler Stände al­ler Par­tei­en!" (1907). Fo­to: His­to­ri­sches Mu­seum Frank­furt Pla­kat der Frau­en­be­we­gung zum Frau­en­tag 8. März 1914. Es wird das Frau­en­wahl­recht ge­for­dert. Bild: Karl Ma­ria Stad­ler Au­guste Bracht war die erste Frau, die 1919 in den Lip­pi­schen Land­tag ein­zog. Fo­to: Stadt­ar­chiv Det­mol­d/Pri­vat­be­sitz

vom 16.01.2019 | Ausgabe-Nr. 3A

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