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"Auch in der Praxis ist der einzige Fehler, nichts zu tun"

Regelmäßige Schulungen für Ärzte und Pflegepersonal Kreis Lippe/ Lemgo (la). Um es vorweg zu nehmen: Sie wissen sehr genau, was sie tun – auch vor der Schulung. Aber es geht um Routine; genauer gesagt, um Routine in einem Notfall; dann, wenn es um Sekunden geht und jeder Handgriff sitzen muss. Selbst in einem Krankenhaus ist die Reanimation nicht Teil der Tagesordnung – zum Glück. Das Klinikum Lippe in Lemgo setzt auf das siebenköpfige Tutoren-Team, unter der Leitung von Oberarzt Daniel Fischer, das sowohl Ärzte, als auch Pflegepersonal aus der Intensivstation, Anästhesie und der Zentralen Notaufnahme einmal im Monat in "Advanced Life Support" (ALS) schult – und das sind immerhin 130 Mitarbeiter, die zweimal im Jahr auf die Kurse verteilt werden. Lippe aktuell durfte einmal hinter die Kulissen schauen und eine Schulung miterleben."Erste Hilfe ist so unglaublich wichtig". Das sagt Sabine Rossbach vom Tutoren-Team des Klinikums in Lemgo. "Auch in der Praxis ist der einzige Fehler, nichts zu tun. Hilfe holen und mit der Herzdruckmassage zu beginnen gilt nicht nur in der Klinik, sondern auch auf der Straße. Seit 2016 sorgen wir hier in Lemgo dafür, dass unser Fachpersonal beim Thema Reanimation auf dem aktuellsten Stand ist." Was Reanimation bedeutet, ist natürlich klar, aber was alles damit zusammen hängt und warum Routine so wichtig ist, wird manchmal erst deutlich, wenn man direkt damit konfrontiert wird...
In diesem Fall ist der Patient glücklicherweise eine Puppe. "Und die ist brandneu", erklärt Jennifer-Lyn Bolze. "Wir setzen sie heute zum ersten Mal ein. Sie kann "atmen", sprechen, würgen oder sogar schreien." Alles eine Sache der Feinabstimmung des integrierten Computers. So echt, als möglich eben.

Ge­braucht wird sie zu An­fang nicht. Da geht es um die Theo­rie: Ist der Pa­ti­ent re­ani­mie­rungs­pflich­tig? Wel­che Maß­nah­men muss man ein­lei­ten? Was muss wann er­fol­gen? Wel­che Zeit­fens­ter ha­ben Erst­hel­fer für Herz­druck­mas­sage und Be­at­mung? Wie hoch ist die Do­sis der zu ver­ab­rei­chen­den Me­di­ka­men­te? Wie viel Sau­er­stoff muss wann ge­ge­ben wer­den? Das sind für uns als Laien nur böh­mi­sche Dör­fer und schwer zu ver­ste­hen. "­Die Kom­mu­ni­ka­tion der Erst­hel­fer un­ter­ein­an­der ist enorm wich­tig" Wir ler­nen, dass eine Re­ani­ma­tion zwi­schen 15 und 90 Mi­nu­ten dau­ern kann, bis der Pa­ti­ent im bes­ten Fall sta­bi­li­siert ist und auf eine In­ten­sivsta­tion ge­bracht wer­den kann. Wir er­fah­ren auch, dass es kein still­schwei­gen­des, fie­ber­haf­tes Ar­bei­ten ist. Nein, das ist nicht rich­tig. Fie­ber­haft schon oder bes­ser – hoch kon­zen­triert. Aber still ist es nicht. "Wir müs­sen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, sagt Jen­ni­fer-Lyn Bol­ze. "Wenn ich eine Herz­druck­mas­sage durch­führe und im Hin­ter­kopf ha­be, dass ich diese al­ler­höchs­tens 10 Se­kun­den un­ter­bre­chen darf, muss ich dies recht­zei­tig kom­mu­ni­zie­ren, um ab­ge­löst zu wer­den, wenn die Kraft nach­lässt und das setzt vor­aus, dass wir mit­ein­an­der re­den." "Wir dür­fen die Herz­druck­mas­sage nur ma­xi­mal 10 Se­kun­den un­ter­bre­chen, le­dig­lich eine Rhyth­mu­s­ana­lyse oder eine De­fi­bri­la­tion recht­fer­tigt eine Un­ter­bre­chung, sonst be­gin­nen wir wie­der ganz von vor­ne", er­klärt Sa­bine Ross­bach. "Das ist im Prin­zip wie bei ei­ner die­ser Was­ser­pum­pen im Gar­ten: Man muss erst eine Weile pum­pen, be­vor ü­ber­haupt Was­ser fließt. Im Kör­per ist das ähn­lich." sagt Ober­arzt Da­niel Fi­scher. Ein an­schau­li­ches Bei­spiel, das selbst wir ver­ste­hen. Kon­zepte zu un­ter­schied­li­chen Lern­in­hal­ten Im Ver­lauf der Schu­lung si­mu­liert erst das Tu­to­ren-Team einen Not­fall, be­vor die Teil­neh­mer an der Reihe sind. "­Der Kurs ist auch wich­tig, um sich selbst zu re­flek­tie­ren", er­klärt Sa­bine Ross­bach. "Viele Dinge ge­sche­hen au­to­ma­tisch. Man nimmt sie gar nicht wahr – ob es nun gut war oder viel­leicht nicht ganz op­ti­mal. Das Feed­back- Ge­spräch am Ende ist der viel­leicht wich­tigste Teil der Schu­lung." Wich­tig sei auch, dass das Tu­to­ren-Team nicht nach Schema F vor­geht. "­Kom­plexe Krank­heits­bil­der oder Not­fal­leinsätze er­for­dern un­ter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­sen. Die Schu­lun­gen sind auf ganz un­ter­schied­li­che Lern­ziele aus­ge­rich­tet, wie zum Bei­spiel Atem­wegs­ma­na­ge­ment oder das Le­gen von Zugän­gen", er­läu­tert Jen­ni­fer-Lyn Bol­ze, die in Zu­sam­men­ar­beit mit Sa­bine Ross­bach und Isa­bella Stul­berg un­ter­schied­li­chen Kon­zepte er­ar­bei­tet hat. "­Zwi­schen re­gel­mäßi­ger Herz­schlag und Null­li­nie gibt es noch viel mehr" Ein­zelne Schritte der Re­ani­ma­tion ken­nen wir aus dem Erste Hilfe-Kurs für den Füh­rer­schein. Was das Tu­to­ren- Team dann si­mu­liert hat dann al­ler­dings ein ganz an­de­res Ka­li­ber und nicht viel mit dem zu tun, was man als Füh­rer­schein­an­wär­ter ge­lernt hat. Je­der Hand­griff sitzt. Herz­druck­mas­sage und Be­at­mung ü­ber die so­ge­nannte i- Gel Maske lau­fen rei­bungs­los und wer­den nur un­ter­bro­chen, wenn der De­fi­bril­la­tor seine Stro­mim­pulse ab­gibt. Und nein, der Pa­ti­ent fliegt dann nicht mit dem Brust­korb 30 Zen­ti­me­ter in die Luft, wie man es aus dem Fern­se­hen kennt... "Ü­ber­prü­fen, warum der Pa­ti­ent re­ani­ma­ti­ons­pflich­tig ge­wor­den ist" 
­Der De­fi­bril­la­tor ist an die­sem Vor­mit­tag Ex­trat­he­ma. Wie auch die öf­fent­lich zugäng­li­chen Geräte, die mitt­ler­weile an un­ter­schied­li­chen Punk­ten in vie­len Städ­ten zu fin­den sind, kön­nen die De­fi­bril­la­to­ren in der Kli­nik kon­krete An­wei­sun­gen ge­ben und selbst­stän­dig den Herz­rhyth­mus ü­ber­prü­fen. Diese Funk­tion ist bei dem kli­ni­schen Re­ani­ma­ti­ons Team nicht not­wen­dig, denn sie ana­ly­sie­ren und de­fi­bril­lie­ren ei­genstän­dig. Die auf­ge­zeich­ne­ten Kur­ven kann dann al­ler­dings nur das Fach­per­so­nal deu­ten und dement­spre­chend ein­grei­fen. Span­nend ist das schon für uns Lai­en. Denn zwi­schen "es schlägt re­gel­mäßig, es stol­pert und der Null­li­nie" gibt es noch eine Reihe wei­te­rer mög­li­chen Herz­rhyth­musstörun­gen, die jede für sich an­dere Be­hand­lungs­me­tho­den er­for­dern. "A­ber denkt im­mer dar­an, dass der Pa­ti­ent nach ei­nem er­folg­ten Schock noch nicht sta­bil ist und die Druck­mas­sage wei­ter ge­macht wer­den muss", be­to­nen Isa­bella Stul­berg und Uwe Kla­sing und er­läu­tern das so­ge­nannte AB­CDE Sche­ma. (und führen – wohl eher für uns Laien – noch ein­mal fünf Ex­tra­punkte auf: A wie Air­way – also das Ü­ber­prü­fen, ob die Atem­wege frei sind; B wie Brea­thing – das Ab­hor­chen mit dem Stetho­skop
C wie Cir­cu­la­tion – bei­spiels­weise die re­gel­mäßige Ü­ber­prü­fung des Pul­ses; D wie Di­sa­bi­lity – wie ist der neu­ro­lo­gi­sche Sta­tus? Ü­ber­prü­fen von Zucker­wer­ten und Pu­pil­len;
E wie Ex­pos­ure – Blu­tun­gen ent­de­cken, Haut­ver­än­de­run­gen wahr­neh­men und Tem­pe­ra­tur neh­men.) "Auch hier gilt, dass wir mit­ein­an­der spre­chen – auch, um her­aus­zu­fin­den, warum der Pa­ti­ent ü­ber­haupt re­ani­ma­ti­ons­pflich­tig ge­wor­den ist", er­klärt uns Isa­bella Stul­berg. Wenn wir ein Fa­zit zie­hen sol­len... Re­ani­ma­tion ist kein Wahl­pflicht­fach. Wenn ein Pa­ti­ent um sein Le­ben kämpft, muss ein­fach je­der Hand­griff sit­zen. In sol­chen Mo­men­ten ste­hen auch Ärzte und Pfle­ge­per­so­nal un­ter enor­mem Stress. Wer da keine Rou­tine hat, kann nicht adäquat hel­fen. Ein Satz bleibt uns im Kopf: "Auch in der Pra­xis ist der ein­zige Feh­ler, nichts zu tun! Hilfe ho­len und mit der Herz­druck­mas­sage zu be­gin­nen gilt nicht nur in der Kli­nik, son­dern auch auf der Straße." BUZ Ein ein­ge­spiel­tes Team: (von links) Sa­bine Ross­bach, Ober­arzt Da­niel Fi­scher, Uwe Kla­sing, Isa­bella Stul­berg und Jen­ni­fer-Lyn Bol­ze. Im Not­fall muss al­les Hand in Hand ge­hen und die Kom­mu­ni­ka­tion muss pas­sen. Isa­bella Stul­berg, Uwe Kla­sing und Sa­bine Ross­bach de­mons­trie­ren das an der neuen Schu­lungs­puppe im Kli­ni­kum Lem­go. Herz­druck­mas­sa­ge: Sa­bine Ross­bach zeigt, wor­auf das Kli­nik-Team ach­ten soll­te. Fo­tos: Retzlaff

vom 05.12.2018 | Ausgabe-Nr. 49A

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