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Karla Raveh erhält Gedenkstein

Am Ostertorwall wird der Holocaust-Überlebenden und Ehrenbürgerin in einer feierlichen Zeremonie gedacht

Nachfahren von Karla Raveh, darunter auch Enkel und Urenkel, legen am Denkmal für Lemgos Ehrenbürgerin am Wall Steine nieder und zünden Kerzen an. Foto: Ellerbrake

Nach­fah­ren von Karla Ra­veh, dar­un­ter auch En­kel und Ur­en­kel, le­gen am Denk­mal für Lem­gos Eh­ren­bür­ge­rin am Wall Steine nie­der und zün­den Ker­zen an. Fo­to: El­ler­brake

Lemgo (ne). Mehr als hun­dert Gäste er­in­nern bei der fei­er­li­chen Enthül­lung des Ge­denk­steins an Lem­gos 2017 ver­stor­bene Eh­ren­bür­ge­rin Karla Ra­veh. Am Os­ter­tor­wall wurde der Ge­denk­stein für die Ho­lo­caust-Ü­ber­le­ben­de, in Sicht­weite ih­res Lieb­ling­sor­tes, ein­ge­weiht. Karla Ra­veh hat Spu­ren in Lemgo hin­ter­las­sen wie kaum eine an­dere und zahl­rei­che Men­schen be­wegt: ihre Hin­ter­blie­be­nen und die Stadt ha­ben in en­ger Ab­stim­mung einen Ge­denk­stein ge­plant. Sams­tag ist die­ser im Bei­sein von mehr als 100 Gäs­ten am Wall ein­ge­weiht wor­den. Di­rekt ne­ben dem al­ten jü­di­schen Fried­hof, un­weit von Karla Ra­vehs Ge­burts­haus und in Sicht­weite der großen Wei­de, un­ter der sie am liebs­ten saß, steht der hohe und läng­li­che dun­kel­graue Stein. Die In­schrift lau­tet: "Eh­ren­bür­ge­rin Karla Ra­veh". Dar­un­ter steht: "Wenn wir ein­mal aus­ein­an­der­ge­ris­sen wür­den, tref­fen wir uns in Lemgo wie­der­". Die­ser Satz stammt aus Ra­vehs Buch "Ü­ber­le­ben – der Lei­dens­weg der jü­di­schen Fa­mi­lie Fren­kel aus Lem­go". In die­sem erzählt Karla Ra­veh un­ter an­de­rem, dass sie mit ih­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­dern nie viel ü­ber die Zeit in Lemgo ge­spro­chen ha­be, da es zu schmerz­haft ge­we­sen sei. Ge­fer­tigt wor­den ist der Ge­denk­stein von der ehe­ma­li­gen Nach­ba­rin Karla Ra­vehs, Ca­ro­lin En­gels, ih­res Zei­chens Stein­metz­meis­te­rin. Er hält die Er­in­ne­rung wach an eine Frau mit ih­rer of­fe­nen, ehr­li­chen, vor­be­halt­lo­sen und freund­schaft­li­chen Art, die sehr viele Men­schen berührt hat. Karla Ra­veh fand mit der Zeit eine Auf­gabe und wurde bis an ihr Le­bens­ende nicht mü­de, nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen vom da­ma­li­gen Ge­sche­hen, das sie haut­nah mit­er­leb­te, zu erzählen. Eine be­son­ders in­nige Be­zie­hung pflegte sie zu ih­rer Part­ner­schu­le, der nach ihr be­nann­ten Ge­samt­schu­le. Dort war sie stets gern ge­se­he­ner Gast und be­zeich­nete sich selbst im­mer als Schü­le­rin. Mi­chael Ra­veh, Kar­las Sohn, war ei­gens mit der ge­sam­ten Fa­mi­lie für den be­son­de­ren Tag aus Is­rael an­ge­reist. Auf Deutsch ver­las er eine Re­de, die auch auf die Ge­schichte des al­ten jü­di­schen Fried­ho­fes ein­ging. Die­ser war näm­lich auf den Tag ge­nau vor 80 Jah­ren zer­stört wor­den. Grab­steine von jü­di­schen Bür­gern wur­den zer­stört und weg­ge­schafft. In ei­nem Be­richt der Po­li­zei vom 17. No­vem­ber 1938 soll es laut Mi­chael Ra­veh ge­heißen ha­ben, der Fried­hof solle künf­tig als Spiel­platz ge­nutzt wer­den. "­Meine Mut­ter ist in den 30 Jah­ren, in de­nen sie je­des Jahr nach Lemgo reis­te, stets an die­sen Ort zurück­ge­kehrt. Un­ter der großen Trau­er­wei­de, ein paar Me­ter wei­ter, hat sie im­mer ge­ses­sen", er­in­nerte sich Ra­veh. "­Sie blickt nun stolz herab und sieht ihr Le­bens­werk mit die­sem Stein vollen­det". Bür­ger­meis­ter Dr. Rei­ner Aus­ter­mann be­ton­te, der Stein könne keine Wie­der­gut­ma­chung für das Un­recht sein, dass Karla Ra­veh er­lit­ten ha­be. "­Die Ver­gan­gen­heit lässt sich nicht wie­der­gut­ma­chen. Der Kreis schließt sich nicht mit ih­rem Tod im ver­gan­ge­nen Jahr, son­dern heute mit der Ein­wei­hung die­ses Stei­nes". Nach jü­di­scher Tra­di­tion legte je­des der 21 Fa­mi­li­en­mit­glie­der einen Stein vom Wohn­haus in Ti­von an den Fuß des Denk­mals. "Das be­deu­tet: Ich war hier", sagte Mi­chael Ra­veh. Mu­si­ka­lisch be­glei­tet wurde die Ze­re­mo­nie von den Mu­si­kern Beate Ra­misch und Mike Pi­gor­sch. Sie spiel­ten jü­di­sche Mu­sik – auch ei­nes von Karla Ra­vehs Lieb­lings­lie­dern war dar­un­ter. "S­hirt­ta’E­mek" han­delt vom Traum vom ge­lob­ten Land Is­rael. Die­ses Lied hatte Karla Ra­veh einst im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger von ei­nem tsche­chi­schen Mu­sik­leh­rer ge­lernt. 



vom 24.11.2018 | Ausgabe-Nr. 47B

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