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Der lange Schatten der Revolution

Dr. Bärbel Sunderbrink hält Vortrag

Det­mold. "­Liebe Ir­ma, du wirst in­zwi­schen mein Te­le­gramm er­hal­ten ha­ben. Ich wurde ein­stim­mig ge­wähl­t", schreibt Fe­lix Fe­chen­bach am 18. Sep­tem­ber 1929 an seine Ehe­frau. Nach­dem man ihn gründ­lich ge­prüft hat­te, hatte man sich dazu ent­schlos­sen, ihn als neuen Lei­ter des Det­mol­der Volks­blat­tes ein­zu­stel­len. Aus­schlag­ge­bend für seine Ein­stel­lung, so meint er, sei seine Aus­sage ge­we­sen, dass ihm der Teu­to­bur­ger Wald lie­ber sei, als die Zer­streu­un­gen der Groß­stadt. Aus der Sicht der Ber­li­ner Hei­mat Fe­chen­bachs ge­se­hen, war Det­mold tatsäch­lich Pro­vinz. Umso ü­ber­ra­schen­der, dass sich der junge Jour­na­list auf die Stelle des Chef­re­dak­teurs beim "Volks­blat­t" be­wor­ben hat­te. Dass man sei­nen Na­men in Det­mold den­noch kann­te, lag an sei­ner po­li­ti­schen Rolle während der Re­vo­lu­tion 1918, mehr als zehn Jahre vor sei­ner Be­wer­bung beim "Volks­blat­t". Fe­chen­bachs Wir­ken in Det­mold ist bis heute im Be­wusst­sein vie­ler Men­schen: Als Jour­na­list trat er für de­mo­kra­ti­sche Ideale ein, deckte rechte Ge­walt­ta­ten auf und ana­ly­sierte die Po­li­tik der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten – seine Glos­sen sind le­gen­där. Jü­di­scher Jour­na­list und kon­se­quen­ter Geg­ner der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten – das al­lein war 1933 le­bens­ge­fähr­lich. Doch der Hass der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten grün­dete tiefer: In sei­nem po­li­ti­schen Wir­ken als jun­ger Re­vo­lu­tionär in Mün­chen. Dass Fe­chen­bach 1918 der engste Mit­ar­bei­ter des ers­ten de­mo­krati-schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten des Frei­staa­tes Bay­ern war, ist heute kaum noch be­kannt. Nichts hat den da­mals 24jäh­ri­gen po­li­tisch so sehr ge­prägt wie die Zu­sam­men­ar­beit mit dem lin­ken So­zia­lis­ten Kurt Eis­ner in Mün­chen. Als am 7. No­vem­ber 1918 die große Frie­dens­de­mons­tra­tion auf der The­re­si­en­wiese in Mün­chen statt­fand, war es Fe­lix Fe­chen­bach, der das Si­gnal für den Marsch zu den Ka­ser­nen gab, der mit der Aus­ru­fung des Frei­staats Bay­ern en­de­te. Nach der Wahl Eis­ners zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten be­rief ihn die­ser als sei­nen Pri­vat­se­kretär in die Staats­kanz­lei. Da­mit ü­ber­nahm Fe­chen­bach po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung an höchs­ter Re­gie­rungs­stel­le. Die Re­gie­rungs­zeit Kurz Eis­ners en­dete dra­ma­tisch: Er wurde am 21. Fe­bruar auf of­fe­ner Straße von ei­nem völ­kisch-na­tio­na­lis­ti­schen Stu­den­ten er­mor­det. Fe­chen­bach kehrte Mün­chen den Rü­cken, doch seine Po­si­tion als en­ger Ver­trau­ter Eis­ners wurde von rechts­ge­rich­te­ten Krei­sen nicht ver­ges­sen. 1922 wurde er vom Mün­che­ner Volks­ge­richts­hof we­gen an­geb­li­chen Lan­des­ver­rats an­ge­klagt und zwei Jahre in­haf­tiert, bis er 1924 be­gna­digt wur­de. Mit sei­ner re­vo­lu­tionären Vor­ver­gan­gen­heit galt Fe­chen­bach zu Recht als "­große Num­mer". Dass er ein­mal in der ers­ten po­li­ti­schen Reihe ge­stan­den hat­te, spielte für ihn in Det­mold keine Rolle – für die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten aber schon. Für sie war er nicht nur ein kri­ti­scher Jour­na­list. Für sie war der Pa­zi­fist und Jude Fe­chen­bach die Per­so­ni­fi­zie­rung des "­Dolch­stoßes", der zur Nie­der­lage im Ers­ten Welt­krieg ge­führt ha­be. Dass er als ei­ner der ers­ten Geg­ner des Re­gi­mes er­mor­det wur­de, hatte seine Vor­ge­schich­te, die in Mün­chen lag, weit vor sei­ner Det­mold Zeit.

vom 17.11.2018 | Ausgabe-Nr. 46B

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