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Von Klebeeffekt und logistischen Herausforderungen

Interview mit der Gemeinschaftspraxis Drs. Beitze, Stoevesandt und Bartelsmeier aus Leopoldshöhe-Asemissen

Kreis Lip­pe/ Leo­polds­höhe (n­r). Von al­len Sei­ten wird der zukünf­tige Uni­ver­sitäts­kli­nik­ver­bund OWL hoch ge­lobt. Da ist die Rede von Spit­zen­me­di­zin; von Lehre und For­schung und vor al­lem von ei­ner großen Chance für die Re­gion. Da kommt un­wei­ger­lich die Frage auf, was das für die Ver­sor­gungs­me­di­zin be­deu­tet, die man eben nicht nur von Kli­ni­ken, son­dern auch vom Haus­arzt kennt. Bringt die Me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät Bie­le­feld denn auch an der Ba­sis po­si­tive Ver­än­de­run­gen? Was be­deu­tet die Ära Uni­kli­nik für Hausärzte und Pa­ti­en­ten? Lippe ak­tu­ell hat in der Ge­mein­schaft­spra­xis Dr. Den­nis Beit­ze, Dr. Nils Sto­e­ve­sandt und Dr. Mar­kus Bar­tels­meier in Leo­polds­höhe-Ase­mis­sen ein­mal nach­ge­fragt. Eine Uni­kli­nik in und für Ost­west­fa­len... Ist das auch für Hausärzte und Pa­ti­en­ten An­lass zur Freu­de? Dr. Beit­ze: Auf je­den Fall. Wir ha­ben das Thema von An­fang an mit großem In­ter­esse ver­folgt und und set­zen viele Hoff­nun­gen auf die Ent­wick­lun­gen. Seit ei­ni­gen Jah­ren gibt es in ver­schie­de­nen lip­pi­schen Kom­mu­nen einen aku­ten Hausärz­teman­gel. In Leo­polds­höhe be­trägt die me­di­zi­ni­sche Ab­de­ckung durch Hausärzte bei­spiels­weise seit 2016 ge­rade ein­mal 75 Pro­zent. Und das wird nicht bes­ser, denn ei­nige Kol­le­gen in den um­lie­gen­den Ge­mein­den (Bad Sal­zu­flen, Oer­ling­hau­sen) ste­hen be­reits kurz vor dem Ren­ten­al­ter. Et­li­che von ih­nen sind be­reits er­folg­los auf Nach­fol­ger-Su­che ge­gan­gen. Wir selbst ha­ben seit zwei Jah­ren einen Auf­nah­me­stopp für Pa­ti­en­ten, be­han­deln pro Quar­tal etwa 4.000 Pa­ti­en­ten, wo­bei der ak­tive Pa­ti­en­ten­stamm etwa 5.600 Pa­ti­en­ten um­fasst. Mehr ist ein­fach nicht zu schaf­fen, wenn die Qua­lität der Ar­beit nicht lei­den soll. Dr. Sto­e­ve­sandt: Die Ko­ope­ra­tion des Kli­ni­kum Bie­le­feld, des evan­ge­li­schen Kli­ni­kum Be­thel (EvKB) und des Kli­ni­kum Lippe mit der Uni­ver­sität Bie­le­feld ist ab­so­lut be­grüßens­wert und bie­tet große Chan­cen. Es gibt viele ver­schie­dene Fa­cet­ten, die eine me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät mit sich bringt. Eine der wich­tigs­ten ist viel­leicht der "Kle­be­ef­fek­t". Das heißt, viele junge Me­di­zi­ner, die ihre Aus­bil­dung in der Re­gion OWL ab­sol­viert ha­ben, wer­den si­cher­lich vor Ort blei­ben und hier prak­ti­zie­ren. Ne­ben den Ef­fek­ten, die al­lein durch die Strahl­kraft ei­ner me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät auf die Re­gion tref­fen, soll es spe­zi­ell in Bie­le­feld einen ganz we­sent­li­chen Punkt ge­ben, warum so­wohl Stu­die­ren­de, als auch Hausärzte und Pa­ti­en­ten da­von pro­fi­tie­ren wer­den: Der Schwer­punkt in der Aus­bil­dung der Me­di­zi­ner soll hier näm­lich in der All­ge­mein­me­di­zin lie­gen. Das ist eine enorme Chance für uns, denn nor­ma­ler­weise spielt die hausärzt­li­che Me­di­zin an an­de­ren Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­täten eine un­ter­ge­ord­nete Rol­le. Eine weit ver­brei­tete Mei­nung be­sagt, dass Pa­ti­en­ten ei­ner Uni­kli­nik eher Ver­suchs­ob­jekt kli­ni­scher Stu­dien oder Ü­bungs­mo­dell für Stu­den­ten sind. Dr. Sto­e­ve­sandt: Das ist ein Irr­glau­be. Der Pa­ti­ent wird si­cher­lich nicht zu ei­nem Ver­suchs­ka­nin­chen. Hoch­s­pe­zi­fi­sche Schwer­punkt­stu­dien gibt es natür­lich an vie­len re­nom­mier­ten Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­täten. So­ge­nannte Multi-Cen­ter-Stu­dien, also kli­ni­sche Stu­dien, die an vie­len Kli­ni­ken zeit­gleich lau­fen, gibt es schon lan­ge. Und ohne Ein­ver­ständ­nis­er­klärung wird natür­lich kein Pa­ti­ent Teil ei­ner Stu­die. Sol­che Stu­dien und auch die Arz­t­aus­bil­dung sind aber völ­lig ge­trennt von der me­di­zi­ni­schen Grund­ver­sor­gung der Pa­ti­en­ten. Dr. Beit­ze: Es gibt ein Um­den­ken im Hin­blick auf die Aus­bil­dung an­ge­hen­der Me­di­zi­ner. Statt erst ein­mal vier Se­mes­ter reine Theo­rie ohne jeg­li­che prak­ti­sche Um­set­zung vor sich zu ha­ben, wird das Stu­dium von An­fang an prak­tisch ge­stal­tet wer­den. Zum Stu­dium gehört aber eine Viel­zahl an Prak­ti­ka. Dort wer­den die Stu­die­ren­den mit ver­schie­de­nen Krank­heits­bil­dern kon­fron­tiert; kön­nen Zu­sam­men­hänge schnel­ler er­fas­sen; Rück­schlüsse zie­hen; kom­men mit Pa­ti­en­ten und dem Pro­fil des aus­bil­den­den Arz­tes in Kon­takt und ler­nen Ge­sprächs­führung und ak­ti­ves Zuhören. Das ist ver­netz­tes Ler­nen und das för­dert ganz si­cher die Mo­ti­va­tion, ler­nen zu wol­len – so­wohl auf Sei­ten der Stu­die­ren­den, als auch auf Sei­ten der aus­bil­den­den Ärz­te. Denn wer aus­bil­det, muss am Puls der Zeit blei­ben und sich stän­dig wei­ter­bil­den. Aus ei­ge­ner Er­fah­rung wis­sen wir, dass Pa­ti­en­ten kei­nes­wegs Pro­bleme ha­ben, mit Me­di­zin­stu­den­ten in Kon­takt zu kom­men. Sie sind de­ren Aus­bil­dung ge­genü­ber sehr auf­ge­schlos­sen. Dr. Sto­e­ve­sandt: Es gibt einen klei­nen Wer­muts­trop­fen bei der Aus­bil­dung von Stu­die­ren­den in Lehr­pra­xen. Der oder die aus­bil­den­den Ärzte ste­hen vor der lo­gis­ti­schen Auf­ga­be, den ei­gent­li­chen Pra­xis­be­trieb auf­recht zu er­hal­ten, sich aber gleich­zei­tig Zeit für die Stu­den­ten zu neh­men. Ist das eine Auf­ga­be, der Sie sich als Pra­xis gerne stel­len wer­den? Dr. Beit­ze: Auf je­den Fall. Wir sind be­reits Aus­bil­dungs­pra­xis und könn­ten uns gut vor­stel­len auch Lehr­pra­xis zu wer­den. Wie ge­nau das aber funk­tio­niert, steht bis­her noch nicht fest. Tatsäch­lich ist es mo­men­tan nicht ein­mal leicht, Wei­ter­bil­dungs­as­sis­ten­ten zum Fach­arzt zu fin­den, da die Ent­fer­nung zu den nächs­ten me­di­zi­ni­schen Uni­ver­sitäts­stand­orten in Han­no­ver, Müns­ter, Göt­tin­gen und Bo­chum zu groß ist, als dass Lippe ein at­trak­ti­ver Wei­ter­bil­dungs­ort wäre. Das al­les rückt bald in greif­bare Nähe und bie­tet uns so eben diese rie­sige Chan­ce. Die Aus­bil­dung zum Fach­arzt nimmt viele Jahre in An­spruch. Die ers­ten Stu­die­ren­den star­ten im Win­ter­se­mes­ter 2021 in Bie­le­feld. Blei­ben die Nach­wuchs­sor­gen der Hausärzte also noch be­ste­hen? Stirbt das Mo­dell Haus­arzt­pra­xis aus? Dr. Sto­e­ve­sandt: Die Ein­zel­kämp­fer­pra­xis ver­mut­lich schon. Junge Me­di­zi­ner, die sich nach der jah­re­lan­gen Aus­bil­dung selbst­stän­dig ma­chen wol­len, gibt es im­mer we­ni­ger. Die Vor­aus­set­zun­gen, um eine halb­wegs ge­re­gelte Ar­beits­zeit, Fa­mi­lie, Kin­der und Frei­zeit mit der Ar­beit un­ter einen Hut zu brin­gen, sind denk­bar schlecht. In ei­ner al­lein ge­führ­ten Pra­xis be­trägt der Ver­wal­tungs­auf­wand schon deut­lich mehr als die Hälfte der Ar­beits­zeit. Ei­ge­ner Ur­laub oder Krank­heits­tage ge­hen zu Las­ten der Pa­ti­en­ten, die in die­sen Zei­ten eine ge­schlos­sene Pra­xis vor­fin­den. Und – mit ei­ner ei­ge­nen Pra­xis legt man sich für sein gan­zes Le­ben fest. Dr. Beit­ze: Neue, ko­ope­ra­tive Mo­delle sind we­sent­lich fle­xibler. Die Ar­beit ver­teilt sich auf meh­rere Köp­fe. Ur­laubs- und Krank­heits­tage kön­nen durch Kol­le­gen auf­ge­fan­gen wer­den. Das sind Punk­te, mit de­nen ein Kli­nik­arzt gar nicht erst in Berührung kommt. In der Summe der Ant­wor­ten ist das also ein ganz kla­res Be­kennt­nis zum Uni­ver­sitäts­kli­nik­ver­bund OW­L?! Dr. Sto­e­ve­sandt: Ganz si­cher. Die Be­völ­ke­rungs­py­ra­mide steht Kopf. Die Le­bens­er­war­tung der Men­schen steigt. Der Be­darf an me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung nimmt dement­spre­chend zu. Auch der Be­darf an dif­fe­ren­zier­ten The­ra­pien nimmt mit dem de­mo­gra­fi­schen Wan­del zu. Wir sind froh, wenn es leis­tungs­starke Kli­ni­ken und bes­tens aus­ge­bil­dete Ärzte gibt. Mit dem Uni­ver­sitäts­kli­nik­ver­bund kön­nen auch hier im länd­li­chen Raum Im­pulse ge­setzt wer­den. Dr. Beit­ze: Das ist eine im­mense or­ga­ni­sa­to­ri­sche Auf­ga­be, aber ganz si­cher eine un­glaub­lich wich­tige In­ves­ti­tion in die Zu­kunft. Lippe ak­tu­ell be­dankt sich für das In­ter­view.

vom 29.08.2018 | Ausgabe-Nr. 35A

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