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Halbnackter Winnetou
hält Grabrede für SPD

Schroeder und Staub begeistern mit ihrem Jahresrückblick

Lügde (af­k). Die ge­platzte Ja­maika-Ko­ali­tion, das zähe Rin­gen um die Re­gie­rungs­bil­dung, der Auf­stieg der AfD, ein Jahr Do­nald Trump im Weißen Haus: Flo­rian Schro­eder und Volk­mar Staub konn­ten bei ih­rem ka­ba­ret­tis­ti­schen Jah­res­rück­blick "­Zu­ga­be" im voll be­setz­ten Lüg­der Klos­ter­saal sa­ti­risch aus dem Vol­len schöp­fen und ließen die po­li­ti­schen Auf­re­ger und Schlag­zei­len­ma­cher des Jah­res 2017 Re­vue pas­sie­ren. Mit dem Alt-68er Staub (65), Meis­ter der Wort­krea­tio­nen, und dem smar­ten Schro­eder (38), Meis­ter der po­li­ti­schen Par­odie, Schnell­den­ker und -red­ner, ha­ben auf der Bühne zwei ganz un­ter­schied­li­che Her­ren zu­sam­men­ge­fun­den, die den­noch gut zu­ein­an­der pas­sen. An zwei Ti­schen sit­zend, ha­ken sie in bes­ter sa­ti­ri­scher Schärfe höchst un­ter­halt­sam die Po­lit-The­men des Jah­res ab. Ein­ge­spielte Vi­deos mit Clips aus Nach­rich­ten­sen­dun­gen ge­ben den bei­den op­ti­sches Fut­ter für ihr Dau­er­feu­er­werk der ver­ba­len und ge­dank­li­chen Spit­zen.

Der Wahl­ber­li­ner Schro­eder und der Süd­ba­de­ner Staub spie­len ge­wieft die Un­ter­schied­lich­keit ih­rer Cha­rak­tere und Ge­ne­ra­tio­nen aus: Schro­eder kon­zen­triert sich auf Ge­fah­ren durch Big Da­ta, die to­tale Ü­ber­wa­chung, auf Staats­tro­ja­ner, die Po­li­tik, die mit Fa­ce­book pak­tiert, und kon­sta­tiert, dass viele Ge­hirne noch auf "­ver­al­te­ten Be­triebs­sys­te­men" lau­fen. Auch als erst­klas­si­ger Imi­ta­tor und Par­odist tut sich Schro­eder her­vor, etwa in ei­ner Kretsch­mann-Num­mer ü­ber Die­sel-Ga­te, als Mar­kus Lanz, als Fei­er­abend-Tal­ker van de La­ber und zahl­rei­cher Po­lit­größen von Mer­kel ü­ber Blüm, Schar­ping und Schrö­der bis Hel­mut Kohl, der, so Schro­e­der, ihm den Ein­stieg in seine Kar­riere als Par­odist und Ka­ba­ret­tist erst mög­lich ge­macht ha­be. Er ü­ber­zeugt mit mes­ser­schar­fen, zy­ni­schen po­li­ti­schen Ana­ly­sen in ei­nem blitz­schnel­len Sprechtem­po. Volk­mar Staub in sei­ner schein­ba­ren Gemüt­lich­keit, von Freud und He­gel ebenso in­spi­riert wie von Brecht und Dylan, for­dert eine "­De­mo­kra­tie der Schlau­en" und die Ein­führung ei­nes Po­li­tik-Füh­rer­scheins: "­Lie­ber Ver­dum­mungs­ver­bot als Ver­mum­mungs­ver­bot." Zwi­schen­durch greift Staub in ro­cki­ger Pro­test­sän­ger­ma­nier zur Gi­tar­re, singt sich den Frust ü­ber den "Vi­deocheck" im Fuß­ball von der Seele oder bringt im Song "Him­mel­spar­ty­" einen klin­gen­den Nach­ruf auf die To­ten des Jah­res auf "Cloud 66". Sehr viel Selbst­be­wusst­sein de­mons­triert er, als er nach der Pause mit freiem Oberkör­per in ei­ner gran­dio­sen Win­ne­tou-Num­mer einen Ab­ge­sang auf seine "ro­ten Brü­der" von der SPD hält, für die er Schwarz sieht. Spott schüt­tet das Duo auch ü­ber der FDP aus, spricht von der "Rück­kehr der Hor­rorclowns" und blen­det in Vi­deo­pro­jek­tio­nen Chris­tian Lind­ner in Cow­boy­pose ein. Dass FDP-Mann Ku­bicki mit dem Fi­nanz­mi­nis­te­rium ge­lie­bäu­gelt ha­be, sei so, als würde sich Har­vey Wein­stein als Chef­re­dak­teur bei "Em­ma" be­wer­ben, ätzt Schro­eder und plä­diert für eine "O­ber­grenze von 1,5 an CSU-Mi­nis­tern" im Ka­bi­nett. Büh­nen­part­ner Staub kon­tert mit auf­müp­fi­gem Re­bel­len­ch­arme und süf­fi­san­tem Spott in Rich­tung Mar­tin Schulz, der nur "ein Mer­kel mit Bar­t" sei. Die Führungs­schwäche der Kanz­le­rin, die SPD, die nicht weiß, was sie will, das Schock­er­geb­nis, dass "je­der achte Deut­sche sein Ha­ken­kreuz bei der AfD ge­macht hat"– al­les, was das Land 2017 be­weg­te, bringt das bes­tens auf­ein­an­der ein­ge­spielte Dre­am­team aufs Ta­pet. Im zwei­ten Pro­gramm­teil sind starke Sket­che und bit­ter­böse Po­lit­par­odien zu er­le­ben, etwa in Schro­e­ders Talks­how mit pro­mi­nen­ten Gäs­ten, die ü­ber einen Trans­fer­markt für Po­li­ti­ker dis­ku­tie­ren oder im Ka­min­ge­plau­der ü­ber die "­Me­too"-Be­we­gung. Ja, und wenn sich der "Frei­gän­ger" Staub und der Frau­en­ver­ste­her Schro­eder Ge­dan­ken ü­ber die "Ehe für al­le" ma­chen, ist auch das bes­tes Sa­tire-Fut­ter. Mit lang an­hal­ten­dem, be­geis­ter­tem Ap­plaus dankte das Pu­bli­kum den bei­den Prot­ago­nis­ten für die­sen fast dreistün­di­gen, höchst un­ter­halt­sa­men Abend. Das Jahr 2017 er­lebte mit Flo­rian Schro­eder und Volk­mar Staub eine loh­nens­werte Zu­ga­be.

vom 17.01.2018 | Ausgabe-Nr. 3A

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