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Mit Pistole statt Degen

Romeo und Julia im Landestheater

Det­mold (r­h). Ei­gent­lich hätte es ein Thea­ter­abend wer­den kön­nen, der Sha­ke­s­pea­res Bot­schaft von der Lie­be, die den Hass ü­ber­win­den hilft, für die Oh­ren des Pu­bli­kums sprach­lich gut trans­por­tiert, hatte man sich doch sei­tens der Re­gie für eine Zu­sam­men­fü­gung der Ü­ber­set­zun­gen Au­gust-Wil­helm Schle­gels und Frank Gün­thers ent­schie­den. Doch da die Zahl der Rol­len von 32 auf 12 zu­sam­men­ge­stri­chen war, stellte sich eine ge­wisse in­halt­li­che Un­wucht fast zwangs­läu­fig ein. Ro­meos El­tern (die Mon­ta­gues) ka­men schlicht­weg nicht vor, dafür zeich­ne­ten Ju­lias Va­ter und Mut­ter (die Ca­pu­lets) das Bild von Mit­glie­dern der "­So­cie­ty­", die für die Be­lange ih­rer Toch­ter zunächst we­nig In­ter­esse zeig­ten.

Für die Feind­schaft zwi­schen den Fa­mi­lien wa­ren des­halb vor­nehm­lich Ro­meos Cou­sin Ben­vo­lio zu­sam­men mit sei­nem Freund Mer­cu­tio und Ju­lias Cou­sin Ty­balt "­zu­stän­dig". Aber Es­ca­lus, der Fürst von Ve­ro­na, der für Frie­den in sei­nem Land sor­gen sollte und der das Ver­ban­nungs­ur­teil ü­ber Ro­meo zu spre­chen ge­habt hät­te, kam nur in ei­ner Mi­ni­rolle vor. Diese Rolle war be­set­zungs­mäßig mit der­je­ni­gen von Ju­lias Amme ver­bun­den, die ih­rer­seits da­durch we­sent­lich stär­ker ak­zen­tu­iert wird, als es der Sha­ke­s­pea­re­schen Vor­lage ent­spricht. Re­gis­seur Mar­tin Pfaff hatte der Ver­su­chung nicht wi­der­ste­hen kön­nen, das Ge­sche­hen aus Ve­rona in ein ma­fiö­ses Am­biente rund um eine ü­ber­di­men­sio­nale Pis­tole Marke Se­a­peal (im Ori­gi­nal ü­b­ri­gens 8 x 5 cm) zu ver­le­gen. Diese rich­tete ih­ren Lauf vor der Pause auf die rechte Büh­nen­seite und nach der Pause di­rekt aufs Pu­bli­kum. Was wollte uns die Re­gie da­mit sa­gen? Und die Pis­tole musste auch den Bal­kon im 2. Akt er­set­zen, von dem aus Ju­lia sich mit ih­rem Ro­meo un­ter­hält. Die bei­den hat­ten sich zu­vor auf ei­nem Mas­ken­ball (so bei Sha­ke­s­pea­re) ken­nen­ge­lernt, die Mas­ken wur­den al­ler­dings dem Ma­fia-Kli­schee ent­spre­chend von der Aus­stat­tung (Ma­thias Rümm­ler) durch Son­nen­bril­len si­mu­liert, und das Party-Ge­sche­hen durch un­ver­kenn­bar ero­ti­sche Akte be­lebt. Auch als Ro­meo und Ju­lia er­ken­nen, dass sie zu ver­fein­de­ten Fa­mi­lien gehören, bleibt ihre Liebe fest, und Bru­der Lo­ren­zo, der in sei­nem Out­fit eher an den blin­den Se­her Ti­re­sias der grie­chi­schen Tragö­die (So­pho­kles: Ö­di­pus bzw. An­ti­go­ne) er­in­ner­te, sorgt für eine dis­krete Hoch­zeit. Denn ei­gent­lich war Ju­lia dem Gra­fen Pa­ris ver­spro­chen. Die­ser eitle Geck, far­ben­froh in Pink aus­staf­fiert, war der Fa­vo­rit der El­tern, die stets in ele­gan­ter weißer Gar­de­robe auf­tra­ten und wohl nicht nur zu­fäl­lig an das ak­tu­elle ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten­paar er­in­nern soll­te. Aber was hatte das mit Sha­ke­s­peare zu tun? Weil Ro­meo sich dann schlich­tend in einen Streit zwi­schen sei­nem Freund Mer­cu­tio und Ty­balt ein­mischt, aber den Tod sei­nes Freun­des nicht ver­hin­dern kann, er­sticht, par­don: er­schießt er Ty­balt. Die Fol­ge: Ver­ban­nung Ro­meos nach Man­tua und Vor­be­rei­tung der Hoch­zeit mit Graf Pa­ris; Bru­der Lo­renzo reicht Ju­lia einen Trank, da­mit sie die an­ge­setzte Hoch­zeit "­ver­schla­fen" kann; man hält sie für tot, Graf Pa­ris singt in Det­mold et­was ge­quält "I will al­ways love you"; man bet­tet sie zur letz­ten Ru­he; als der zu spät her­bei­ge­holte Ro­meo das sieht, bringt er sich mit dem Gift, das er von ei­nem Apo­the­ker in Man­tua er­hal­ten hat­te, um; die ge­nau in die­sem Mo­ment wie­der auf­ge­wachte Ju­lia mag dann auch nicht mehr le­ben. Hier ist Sha­ke­s­peare dem Py­ra­mus-und-Thisbe-Mo­tiv des rö­mi­schen Dich­ters Ovid ge­folgt – aber dort steht auch et­was von der Ver­söh­nung der El­tern ü­ber dem Grab –"o bro­t­her Mon­tague give me thy han­d", sagt darum Va­ter Ca­pu­let in der Schluss­s­ze­ne, aber der Mon­tague kommt in Det­mold eben nicht vor, ebenso we­nig wie der "gloo­ming pe­a­ce", ü­ber den sich Fürst Es­ca­lus von Ve­rona freut. Bei die­sen Vor­ga­ben war es nicht ein­fach für die Schau­spie­ler, sich zu­recht­zu­fin­den. Ni­cola Schu­bert (Ju­lia) und Lu­kas Schenk (Ro­meo) muss­ten sich zunächst ein we­nig warm spie­len, ha­ben dann aber vor al­lem nach der Pause ihre Rol­len ü­ber­zeu­gend wahr­ge­nom­men, vor al­lem der Dia­log während der ku­sche­li­gen Lie­bes­nacht strahlte Au­then­ti­zität aus. Hu­ber­tus Brandt (Mer­cu­tio) und Hart­mut Jo­nas (Ben­vo­lio) sorg­ten für sprühende Le­bens­freude mit ei­nem star­ken ho­moe­ro­ti­schen Ein­schlag, während Ste­phan Cle­mens in sei­ner Dop­pel­rolle den Spa­gat zwi­schen dem eis­kal­ten, streitsüch­ti­gen Ty­balt und dem eit­len, ober­fläch­li­chen Gra­fen Pa­ris bes­tens meis­tert. Kers­tin Klin­der als Ju­lias Amme nutzte die Chan­ce, die der um­fang­rei­che Part ih­rer Rolle ihr bot: loya­litäts­mäßig zwi­schen den El­tern und Ju­lia und ih­ren El­tern ver­schafft sie sich ein ei­ge­nes Pro­fil mit in­sze­nier­ter Weib­lich­keit und hin­ter­grün­di­gem Hu­mor. Die El­tern: das sind Ma­rie Luisa Kerk­hoff (Lady Ca­pu­let), die ih­ren Le­bens­stil als Lu­xus­frau durch ihre Be­we­gun­gen auf "high heels"ü­ber­zeu­gend ver­mit­teln kann, und Hol­ger Tess­mann (Va­ter Ca­pu­let), der im Din­ner­jacket – nach dem Tod Ty­balts mit Trau­er­flor – einen Mann ver­kör­pert, der al­les zu ma­na­gen und er­rei­chen ge­wohnt ist (Hei­ratspro­jekte in­klu­si­ve), qua­si, wie be­reits an­ge­deu­tet, als Spie­gel rea­ler Per­sön­lich­kei­ten. Jür­gen Roth (Bru­der Lo­ren­zo) hatte un­ter dem un­glück­li­chen Zu­schnitt sei­ner Rolle zu lei­den, hat sich aber letzt­lich mit Ge­winn in die En­sem­ble-Leis­tung ein­ge­bracht, die als sol­che aus­drück­lich lo­bend er­wähnt sei, während bei den Ein­fäl­len der Re­gie doch ei­nige Ab­stri­che zu ma­chen wa­ren. Ma­fia-At­titü­den und Tanz um die Pis­tole neh­men dem Ge­sche­hen durch ihre ka­ri­kie­rende Wir­kung ei­ni­ges von der ihm in­ne­woh­nen­den Tra­gik, und der Ge­danke vom "Frie­den ü­ber dem Grab" kommt am Ende zu kurz.

vom 27.09.2017 | Ausgabe-Nr. 39A

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