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Alles aus Liebe (Teil III)

Die Schauspielpremieren 2017/2018 des Landestheaters Detmold

 

Det­mold (vf­c). Ist die Liebe eine Fähig­keit, ü­ber die wir von Na­tur aus ver­fü­gen oder müs­sen wir sie erst er­ler­nen? Sie macht in je­dem Fall einen wich­ti­gen Teil un­se­rer mensch­li­chen Exis­tenz aus. Wir lie­ben, das ist zunächst nicht un­ge­wöhn­lich. Aber die un­ter­schied­li­chen Spiel­ar­ten der Lie­be, las­sen sie so be­son­ders wer­den.

Doch wie lässt sich in Zei­ten der Schnell­le­big­keit, des Ego­is­mus und der Ver­ein­ze­lung diese er­sehnte in­nige Ver­bun­den­heit er­rei­chen? Ein Un­ter­fan­gen, das meist mit un­ge­heu­ren Hoff­nun­gen und Er­war­tun­gen be­ginnt und re­gel­mäßig fehl­schlägt. Ein The­ma, dem sich nicht nur der So­zi­al­psy­cho­loge Erich Fromm in den 60er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sends durch sein po­pulär ge­wor­de­nes Werk, die "­Kunst des Lie­bens"– der Slo­gan ist un­trenn­bar mit ihm ver­knüpft –, wid­me­te. Auch für das Thea­ter ist die Lie­be, die Kunst des Lie­bens, ein un­er­schöpfli­ches und fas­zi­nie­ren­des Ge­biet. In all ih­ren man­nig­fal­ti­gen, sim­plen wie kom­pli­zier­ten Aus­wir­kun­gen zieht sich die Lie­bes-The­ma­tik durch das Re­per­toire des Mu­sik- und Sprech­thea­ters. Für das Det­mol­der Lan­des­thea­ter Det­mold An­lass, die kom­mende Sai­son 2017/2018 un­ter das Motto "Aus Lie­be" zu stel­len. Ne­ben sechs Pre­mie­ren im Mu­sik­thea­ter und zwei Bal­lett-Neu­pro­duk­tio­nen (Lippe ak­tu­ell be­rich­te­te) kann sich das Pu­bli­kum auf zwölf Schau­spiel­pre­mie­ren freu­en, vier un­ter ih­nen fin­den im Grabbe-Haus statt, eine im Det­mol­der Schloss­hof. Da­bei ste­hen ne­ben ori­ginären Sprech­thea­ter­wer­ken fast ebenso viele Be­ar­bei­tun­gen von Fil­men oder Ro­ma­nen auf dem Spiel­plan. Es ist of­fen­sicht­lich mitt­ler­weile un­ü­ber­seh­bar Usus, Ro­man- oder Film­vor­la­gen für die Thea­ter­bühne zu ad­ap­tie­ren. Dra­ma­tur­gen ha­ben daran ihre helle Freu­de, kön­nen sie hier ih­rer wah­ren und ur­sprüng­li­chen Be­stim­mung nach­kom­men. Natür­lich kann man sich auch fra­gen, ob sich das reich­hal­tige Re­per­toire an Büh­nenstü­cken tatsäch­lich im 21. Jahr­hun­dert aus­ge­spielt hat, dass so in­ten­siv auf an­dere Gen­res aus­ge­wi­chen wird. Am Det­mol­der Thea­ter­haus liebt man je­den­falls die­ses Prin­zip. Ohne Thea­ter fehlte der Ge­sell­schaft ein ent­schei­den­der Sehn­suchtsort. Das Thea­ter mag wie die Liebe schmerz­haft sein, auf­re­gen(d), einen zur Ver­zweif­lung brin­gen, zu­gleich hält es Ant­wor­ten oder zu­min­dest Vor­schläge auf so man­che Frage um die Liebe selbst be­reit. Was in der Rea­lität et­waig un­mög­lich scheint, wird Thea­ter er­freu­li­che Tat­sa­che: Hier wird ge­liebt. Ohne die Lie­be, so Erich Fromm, könne die Mensch­heit nicht einen Tag exis­tie­ren. Das­selbe sollte auch für die Liebe zum Thea­ter gel­ten. •"­Lie­bes­klas­si­ker"– Mit ei­ner der größten Lie­bes­ge­schich­ten par ex­cel­lence be­ginnt das Lan­des­thea­ter die Sai­son: Sha­ke­s­pea­res "Ro­meo und Ju­lia"– trotz al­ler Wi­der­stän­de, trotz Hass und Ge­walt, die dem Paar ent­ge­gen­schlägt, ver­sucht es seine Liebe zu le­ben. Doch die Un­fähig­keit der sie um­ge­ben­den Ge­sell­schaft zu Frie­den, Ver­söh­nung und Mit­mensch­lich­keit lässt ihre Liebe nur im ge­mein­sa­men Tod leb­bar sein. •"­Lie­bes­mär­chen"– Ob von den Brü­dern Grimm, Walt Dis­ney oder Charles Per­rault: Ad­ap­tio­nen des Mär­chens um Dorn­rö­schen und ih­ren Tief­schlaf gibt es vie­le. Das Lan­des­thea­ter fügt mit sei­ner Ver­sion noch eine wei­tere Fas­sung hin­zu: Mit dem In­ten­dan­ten des Güters­lo­her Thea­ter, Chris­tian Schä­fer, und der Bie­le­fel­der Kin­der-Rock­band "Ran­da­le" bringt es den Stoff als mu­si­ka­li­sches Mär­chen mit ei­gens dafür kom­po­nier­ten Songs auf die Büh­ne. •"­Liebe oder Ab­grun­d"– In Tho­mas Vin­ter­bergs Film "Das Fest" eröff­nen sich während ei­ner Fa­mi­li­en­feier Ab­grün­de: der Pa­tri­arch wird durch die Fa­mi­li­en­mit­glie­der des se­xu­el­len Miss­brauchs an­ge­klagt; die gut­bür­ger­li­che Fassade fällt. Das Lan­des­thea­ter bringt eine Be­ar­bei­tung des Films in der In­sze­nie­rung von Det­mol­der Schau­spiel­di­rek­tor Mar­tin Pfaff, hoch­karätig be­setzt mit dem Schau­spie­ler Gu­stav Pe­ter Wöh­ler, ei­nem Ur­ge­stein des Fern­se­hens und der Thea­ter­bühne zu­gleich (un­ter an­de­rem ar­bei­tete er am Ham­bur­ger Schau­spiel­haus mit Pe­ter Zadek). In hu­mo­ris­ti­scher Form hält Dür­ren­matts letz­ter Ro­man "­Durch­ein­an­der­tal" die Ab­gründe der mensch­li­chen Exis­tenz be­reit. Als die­ser 1989 er­scheint, wird er durch das sa­gen­um­wit­terte "­Li­te­ra­ri­sche Quar­tet­t" (mit Mar­cel Reich-Ra­nicki) zer­ris­sen: Der Ti­tel sei Pro­gramm – der Ro­man ein ein­zi­ges Durch­ein­an­der. Das Det­mol­der Lan­des­thea­ter hin­ge­gen be­weist seine Liebe zu dem kla­mau­ki­gen Werk und bringt es in ei­ner Büh­nen­fas­sung. Sher­lock Hol­mes, der un­ter Zu­hil­fe­nahme sei­ner Pfeife und sei­nes As­sis­ten­ten Dr. Wat­son so manch mör­de­ri­sche Ab­gründe auf der bri­ti­schen In­sel auf­deckt, ist als Ro­man­held in Ar­thur Co­nan Doy­les Kri­mis zur Kult­fi­gur avan­ciert. Der Dra­ma­ti­ker und Re­gis­seur Ken Lud­wig ad­ap­tiert für die Bühne einen der span­nends­ten und ge­fähr­lichs­ten Fälle des bri­ti­schen De­tek­ti­ves: Der Hund von Bas­ker­vil­le. Als Ku­lisse für die Mord­ge­schichte in Bas­ker­ville Hall in den Moore von De­v­ons­hire dient der Det­mol­der Schloss­hof. •"­Liebe und Hei­mat"– Das vom Lan­des­thea­ter bei John von Düf­fel in Auf­trag ge­ge­bene Büh­nen­schau­spiel "O­dys­see" ist eine An­leihe an den gleich­na­mi­gen Klas­si­ker der Welt­li­te­ra­tur: Ho­mers Epos, in dem die Liebe zu Frau und Kind wie auch zur Hei­mat der An­trieb des Hel­den sind, zahl­rei­che aben­teu­er­li­che Irr­fahr­ten auf sich zu neh­men, um end­lich sein er­sehn­tes Ziel zu er­rei­chen. Auch die Haupt­fi­gur in "­Soul Kit­chen" muss Ü­ber­le­bens­kunst und Irr­wege auf sich neh­men, um sei­nen Sehn­suchts­ort zu er­rei­chen, einen Ort, der ihm ein Zu­hause bie­tet: sein Szene-Lo­kal "­Soul Kit­chen". Der gleich­na­mige Film von Fa­tih Akim bie­tet die Vor­lage für die Büh­nen­fas­sung am Lan­des­thea­ter. Mit den Künst­le­rin­nen und Künst­lern al­ler Spar­ten öff­net Mar­tin Pfaff in der "­Thea­ter­rau­m­in­ter­ven­tion, Das Haus" Türen und To­ren und führt an un­be­kann­te, un­ge­wöhn­li­che, skur­rile und ge­ahnte Orte des Det­mol­der Thea­ter­hau­ses. Nicht nur hier ließe sich spätes­tens be­wei­sen: Thea­ter ist mehr als nur eine Bühne mit Zu­schau­er­plät­zen. Thea­ter ist Sehn­suchtsort, ist Lie­be.

vom 30.08.2017 | Ausgabe-Nr. 35A

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