LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Lemgo

"Ich bin die älteste Schülerin meiner Schule"

Karla Raveh kommt zu ihrem 90. Geburtstag nach Lemgo

 

Lemgo (n­r). Ihre Hand­schrift ziert als ers­ter Ein­trag das neue, gol­dene Buch der Al­ten Han­se­stadt. Lem­gos ein­zige Eh­ren­bür­ge­rin, Karla Ra­veh fei­erte am Mon­tag ih­ren 90. Ge­burts­tag im Rah­men ei­ner Fei­er­stunde in "ih­rer" Ge­samt­schu­le. Be­we­gende Worte und ein ganz be­son­de­res Buch zoll­ten ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Frau große Ach­tung.

"­Nie­mand kann er­mes­sen, wel­cher mensch­li­chen Größe es be­darf, wie­der Kon­takt zu ih­rer al­ten Hei­mat her­zu­stel­len; ei­nem Land, das Ih­nen schrei­ende Un­ge­rech­tig­keit an­ge­tan und das fast Ihre ge­samte Fa­mi­lie er­mor­det hat", fand Bür­ger­meis­ter Dr. Rei­ner Aus­ter­mann rührende Wor­te. Dem schloss sich auch Land­rat Dr. Axel Leh­mann an, der her­vor­hob, wel­che Be­deu­tung und wel­chen Ein­fluss die Ju­bi­la­rin auch als eine der we­ni­gen noch le­ben­den Zeit­zeu­gin­nen für To­le­ranz, Re­spekt und Ver­ständ­nis für die He­te­ro­ge­nität der Ge­sell­schaft ha­be. "Ich bin die äl­teste Schü­le­rin mei­ner Schu­le", er­klärte Karla Ra­veh schmun­zelnd. Ein ganz be­son­de­res Ge­schenk gab es dafür von "ih­rer Schu­le": Ein Buch – lie­be­voll ge­füllt mit Ge­dan­ken, Bil­dern, Col­la­gen und Brie­fen von 1.300 Schü­lern und 120 Leh­rern. "­Karla Ra­veh hat Frie­den mit der Ver­gan­gen­heit ge­schlos­sen. Ihre Le­bens­ein­stel­lung, die ge­prägt ist von Wert­schät­zung, Hu­mor, Ach­tung, Ver­söh­nung und Völ­ker­ver­stän­di­gung, prä­gen un­se­ren Schulall­tag", fand Schul­lei­ter Bernd Hen­dig berührende Wor­te. Karla Ra­veh Karla Ra­veh wurde am 15. Mai 1927 in Lemgo ge­bo­ren. Am 28. Juli 1942 wurde sie mit ih­ren El­tern, ih­ren drei Ge­schwis­tern und bei­den Großmüt­tern vom Na­zi­re­gime nach The­re­si­en­stadt de­por­tiert. Sie ü­ber­lebte das Grauen in ver­schie­de­nen La­gern al­lein mit ei­ner ih­rer Großmüt­ter. 1945 kehrte sie heim und hei­ra­tete 1949 ih­ren Mann Sz­mu­el. Ge­mein­sam wan­der­ten sie nach Is­rael aus. Lemgo blieb aber ein Teil ih­res Le­bens und sie be­suchte die Stadt re­gel­mäßig. 1998 wurde Karla Ra­veh Na­mens­ge­be­rin der Ge­samt­schu­le. 2003 er­hielt sie das Bun­des­ver­dienst­kreuz. 2015 wurde sie zur Eh­ren­bür­ge­rin der Al­ten Han­se­stadt Lemgo er­nannt. Was ihr am Her­zen liegt, hat sie vor vie­len Jah­ren in ih­rem Buch "Ü­ber­le­ben" nie­der­ge­schrie­ben: "Das Fren­kel-Haus hat große Be­deu­tung für mich. Das großel­ter­li­che Haus ist mein Heim ge­we­sen. (…) Es ist mir wich­tig, mit den Leu­ten zu spre­chen, zu re­den, ih­nen von mei­ner Fa­mi­lie, von ih­rem Schick­sal, von dem Schick­sal der ehe­ma­li­gen jü­di­schen Lem­goer zu erzählen. (…) Ich will die Er­in­ne­rung wach hal­ten. Ich will, dass nicht ver­ges­sen wird. Das ist mir zur Le­bens­auf­gabe ge­wor­den. Die Men­schen müs­sen es von je­man­dem hören, der es er­lebt hat." Karla Ra­veh (Aus­zug aus dem Buch "Das Fren­kel-Haus Lem­go" von Mu­se­ums­lei­ter Jür­gen Scheff­ler, das im Mu­seum He­xen­bür­ger­meis­ter­haus er­hält­lich ist.

vom 20.05.2017 | Ausgabe-Nr. 20B

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten