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Poetischer Tiefgang mit Ruhrpott-Slang

Kaberetist Fritz Eckenga erweist sich als unterhaltsamer Nachdenker

 

Lügde (af­k). "­Frisch von der Hal­de" be­dient sich Ruhr­pott-Ka­ba­ret­tist Fritz Ecken­ga. Aber es ist nichts Weg­ge­wor­fe­nes oder Ü­ber­flüs­si­ges – im Ge­gen­teil. Ak­tu­ell ist das meis­te, was er in sei­nem So­lo­pro­gramm jetzt auch im Klos­ter­saal in Lügde prä­sen­tier­te.

Firtz Eckenga ist en­ga­giert. Er zeigt klare Kante und be­zieht durch­aus Stel­lung. Wer einen Abend er­war­tet, in dem die Witze rei­hen­weise ü­ber die Büh­nen­kante in den Saal flie­gen, der ist bei dem 62-Jäh­ri­gen an der falschen Adres­se. Der Buch­au­tor und Ra­dio­mo­de­ra­tor hat ein Fai­ble für Phi­lo­so­phi­sches und Li­te­ra­tur. Aber es ge­lingt dem Schlacks mit dem ver­schmitz­ten Lächeln und dem un­ü­ber­hör­ba­ren Ruhr­pott-Slang trotz Tief­gang im­mer wie­der die Kurve zum Po­si­ti­ven. Mit sei­nem Hu­mor trifft der be­ken­nende BVB-Fan mit­ten ins Epi-Zen­trum des Ver­stan­des. Un­ter des­sen Dik­tat än­dert sich auch die Be­find­lich­keit des Wort-Künst­lers stän­dig. So lei­det er zwi­schen­durch un­ter dem Be­dürf­nis, das Land und des­sen Kanz­le­rin in Schutz zu neh­men – eine vor­ü­ber­ge­hende Schwäche, die sich ge­legt hat, wie er ver­si­chert und lässt SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz durch eine herz­er­wei­chende Bä­cke­rei-Szene zum "Je­sus Schulz" avan­cie­ren. Aber auch die AfD und Do­nald Trump oder Er­do­gan be­kom­men seine Ab­leh­nung zu spüren. "Ich will die Sor­gen und Nöte der als Wut­bür­ger ver­klei­de­ten, un­zi­vi­li­sier­ten Schreihälse nicht dau­ernd ernst neh­men müs­sen", kom­men­tiert er das denk­faule und ver­lo­gene Ge­la­ber ü­ber je­ne, die ihre pri­va­ten Res­sen­ti­ments zu ei­nem na­tio­na­len Not­stand auf­put­schen. "Da müsste man oben­rum schon ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men sein." Natür­lich wird auch or­dent­lich ge­lacht im Klos­ter­saal, aber eben nicht aus­nahms­los. Ge­nau das ist aber auch die Qua­lität, die Eckenga aus­zeich­net: Er ist kein plum­per Wit­ze­reißer, son­dern ein un­ter­halt­sa­mer Nach­den­ker, was ihm schon meh­rere hoch­karätige Preise ein­ge­bracht hat. Eckenga ist ein Freund der deut­schen Spra­che, der er im­mer wie­der ge­schlif­fene Wen­dun­gen und wohl­ge­stal­tete poe­ti­sche Kunst­werke ab­ge­winnt. Das Schöne da­bei ist, dass er sei­nem Pu­bli­kum nicht nach dem Mund re­den will. Er nimmt es aber mit auf in­ter­essante Ge­dan­kengänge und schubst es un­vor­be­rei­tet in Per­spek­tiv­wech­sel, die ge­rade in die­ser für Büh­nen­künst­ler so schwie­ri­gen wie dank­ba­ren Zeit einen ü­ber­ra­schen­den Aus­gang neh­men kön­nen. Das führt un­ter an­de­rem da­zu, dass kei­ner sei­ner Auf­tritte dem an­de­ren gleicht. Ak­tua­lität und Spon­ta­neität (o­der wie er es nennt: "­Brea­king News") baut er in das Gerüst ein. Ob die be­vor­ste­hende Land­tags­wahl ("Hier ent­schei­det es sich, wer die neue Lan­des­mut­ter wird, Kraft oder La­schet"), der Kampf mit der di­gi­ta­len Welt ("­Die frühere Hölle heißt jetzt Clou­d") und den Pass­wör­tern, die Lü­gen­presse ("­Der Baye­ri­sche Rund­funk hat er­mit­telt, das 60 Pro­zent der Be­völ­ke­rung der Presse nicht glau­ben. Das glaubt man dort aber nicht, denn man habe er­fah­ren, dass 28,9 Pro­zent der Be­völ­ke­rung keine Pro­zent­rech­nung kön­nen. Und das sind laut Um­frage des WDR et­was mehr als die Hälf­te") oder auch der lip­pi­sche Bun­desprä­si­dent Frank-Wal­ter Stein­meier ("Er er­füllt alle An­for­de­run­gen wie Flug­taug­lich­keit, weil er in zwei Flug­zeu­gen gleich­zei­tig flie­gen kann") sind sein The­ma. Wie auch sein Ra­dio­we­cker "Blöd­mann", die Krimi-Li­te­ra­tur oder auch das Au­to­quar­tett sei­ner Ju­gend­zeit. Im­mer wie­der hält Eckenga die Nase in die Luft und er­schnup­pert sich die Welt. Be­son­ders emp­find­lich ist er für kul­tu­relle Spe­zia­litäten. Der Dia­log zwi­schen sei­nen Freun­den Ö­mer und Er­win gerät zum amüsan­ten Cul­ture-Clash und um­kreist in­tel­li­gent die Fra­ge: Ab wann ist man ei­gent­lich Deutsch? Es geht um in­ter­kul­tu­relle Kom­pe­ten­zen. Und Fritz Eckenga ist ei­ner der we­ni­gen, die der mensch­li­chen Bunt­heit das Wort re­den kön­nen, ohne in Pa­thos und Mo­ra­lin ab­zusau­fen.

vom 06.05.2017 | Ausgabe-Nr. 18B

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