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Verantwortung für das Sterbenlassen

Mobile Ethikberatung Lippe unterstützt bei Entscheidungsfindungen

Lemgo (n­r). Zu­ge­ge­ben – es ist ein The­ma, das wohl fast je­der in un­er­reich­ba­rer Ferne wis­sen will: Kann, darf oder soll man gar die Ver­ant­wor­tung ü­ber­neh­men, wenn die Be­hand­lung ei­nes An­gehö­ri­gen nur zur Ver­län­ge­rung der Ster­be­zeit, aber nicht zum Er­halt der Le­bens­qua­lität führt? Be­trof­fene wis­sen nur zu gut, dass es in sol­chen Ex­trem­si­tua­tio­nen auch zu Kon­flik­ten zwi­schen An­gehö­ri­gen, Ärz­ten oder Pflege kom­men kann. Ge­nau hier setzt die mo­bile Ethik­be­ra­tung Lippe (ME­LIP) an, die Teil des Pal­lia­tiv­net­zes Lippe ist.

Ster­ben las­sen, wenn es keine Hoff­nung mehr gibt - ein Fall­bei­spiel: Seit zwei Jah­ren liegt Frau H. mit ei­nem schwe­ren Schlag­an­fall im Pfle­ge­heim. In der Akut­be­hand­lungs­phase hat sie alle me­di­zi­ni­schen Maß­nah­men er­hal­ten, die mög­lich wa­ren, den­noch hat sich an ih­rem Zu­stand nichts ver­än­dert. Sie ist we­der bei Be­wusst­sein, noch an­sprech­bar oder fähig, selbst­stän­dig zu schlu­cken und sich ih­rer Um­welt mit­zu­tei­len. Mit­tels ei­ner Ernährungs­sonde wird sie künst­lich am Le­ben ge­hal­ten. Für eben die­sen Fall hatte Frau H. eine Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung ver­fasst, die klar stellt, keine le­bens­ver­län­gern­den Maß­nah­men er­hal­ten zu wol­len, wenn keine Aus­sicht auf Hei­lung be­ste­he. Dem Pfle­ge­heim ge­genü­ber hat die Fa­mi­lie dement­spre­chend den Wunsch geäußert, die künst­li­che Ernährung ein­zu­stel­len. Laut Bun­des­ge­richts­hof von 2005 gilt der Wil­le, der durch die Pa­ti­en­ten­ver­fü­gung geäußert wur­de. Für das Pfle­ge­heim und vor al­lem die Pfle­ge­kräfte selbst, war die Ein­stel­lung der künst­li­chen Ernährung ethisch und mo­ra­lisch aber erst ein­mal nicht ver­tret­bar. Trin­ken und es­sen gehöre zur Grund­ver­sor­gung. Die An­gehö­ri­gen ent­schie­den sich, ME­LIP zu kon­tak­tie­ren. "Das kön­nen grundsätz­lich alle Be­trof­fe­nen", er­klärt Pro­fes­sor Dr. Fred Sa­lo­mon, ehe­ma­li­ger Chef­arzt Anäs­the­sie und In­ten­siv­me­di­zin am Kli­ni­kum Lemgo und als Me­di­zi­net­hi­ker auch In­itia­tor der Ethik­be­ra­tung. "Drei Mit­glie­der des ME­LIP-Teams tref­fen sich zeit­nah mög­lichst dort, wo die be­trof­fene Per­son lebt und ver­sorgt wird. Wich­tig ist hier, alle Be­tei­lig­ten an einen Tisch zu brin­gen. Die Be­ra­tung wird sehr of­fen ge­führt und zen­tra­ler Punkt ist das Her­aus­ar­bei­ten des Kon­flik­tes." Die Be­ra­tungs­er­geb­nisse seien hier aber nur Ori­en­tie­rungs­hil­fen; sol­len Im­pulse und An­re­gun­gen ge­ben und Per­spek­ti­ven öff­nen. Hier hat sich die An­bin­dung von ME­LIP an den Am­bu­lan­ten Hos­piz- und Pal­lia­tiv-Be­ra­tungs­dienst von un­schätz­bar großem Wert er­wie­sen. Der große Er­fah­rungs­schatz von Haupt- und Eh­ren­amt­lern in der Be­treu­ung und Be­glei­tung Ster­ben­der ist für viele Be­trof­fene eine Art An­ker. Den freien Wil­len ak­zep­tie­ren ist für die meis­ten Men­schen eine Sa­che, als Vor­sor­ge­be­voll­mäch­tigte aber letzt­end­lich eine ethisch und mo­ra­lisch an­nehm­bare Ent­schei­dung zu tref­fen, steht da auf ei­nem an­de­ren Blatt. "Es geht nicht dar­um, das Le­ben ak­tiv zu be­en­den, son­dern das Ster­ben zu­zu­las­sen", sagt Bir­git Blei­baum vom Am­bu­lan­ten Hos­piz- und Pal­lia­tiv-Be­ra­tungs­dienst. "­Die künst­li­che Ernährung ein­zu­stel­len hat kei­nes­wegs et­was mit Ver­hun­gern und Ver­durs­ten las­sen zu tun. Tatsäch­lich be­le­gen me­di­zi­ni­sche Kennt­nis­se, dass Ster­bende kein Hun­ger­ge­fühl ha­ben und nur Durst ver­spüren, wenn der Mund aus­trock­net. Das ist ein we­nig wie eine ein­ge­baute Barm­her­zig­keit des Kör­per­s." Zu tun habe das da­mit, dass der Kör­per be­gin­ne, sich sel­ber aus­zu­trock­nen. Jede In­fu­sion oder auch künst­li­che Ernährung per Son­de, be­deute da für den Kör­per eine zu­sätz­li­che Be­las­tung. Für das Pfle­ge­per­so­nal be­deute das in keins­ter Wei­se, nicht mehr hel­fen zu kön­nen, wie Bir­git Blei­baum be­tont. Die Pflege bleibe sonst un­an­ge­tas­tet. Das ME­LIP-Team, das der­zeit aus rund 30 Mit­glie­dern be­steht, setzt sich aus den un­ter­schied­lichs­ten Be­rufs­grup­pen und Fach­kom­pe­ten­zen zu­sam­men. Diese um­fas­sen Ärz­te, Pfle­ge­per­so­nal, Lo­gopä­den, Psych­ia­ter oder Ju­ris­ten. 2014 gab es die ers­ten Ü­ber­le­gun­gen zu ei­ner mo­bi­len Ethik­be­ra­tung, da durch den Am­bu­lan­ten Hos­piz- und Pal­lia­tiv-Be­ra­tungs­dienst be­reits alle wich­ti­gen Struk­tu­ren vor­han­den wa­ren, konnte die Ar­beit schnell auf­ge­nom­men wer­den. Be­reits seit ü­ber ei­nem Jahr agiert die ME­LIP. An­ders, als alle an­de­ren An­ge­bote des Am­bu­lan­ten Hos­piz- und Pal­lia­tiv-Be­ra­tungs­diens­tes, kann die Ar­beit der ME­LIP nicht kos­ten­los an­ge­bo­ten wer­den. Al­ler­dings beläuft sich der Be­ra­tungs­dienst nur auf 180 Euro pro Fall und setzt sich aus 50 Euro Ho­no­rar für die je­weils drei be­tei­lig­ten ME­LIP-Mit­glie­der plus 30 Euro für den Ver­wal­tungs­auf­wand zu­sam­men. "Wir müs­sen dafür Sorge tra­gen, dass sich das Be­wusst­sein für das Thema in der Ge­sell­schaft än­dert, es ent­ta­bui­sie­ren", for­dert Pro­fes­sor Sa­lo­mon. "Ethik in der Me­di­zin ist ein wich­ti­ges The­ma. Die meis­ten Kran­ken­häu­ser in Deutsch­land ha­ben ei­gene Ethik­ko­mi­tees. Und auch wir bie­ten wir im­mer wie­der Schu­lun­gen und Ethik­grund­kurse an, die man ü­ber den Am­bu­lan­ten Hos­piz- und Pal­lia­tiv-Be­ra­tungs­dienst er­fah­ren kann. Es ist wich­tig zu wis­sen, wo man Hilfe be­kom­men kann" und Bir­git Blei­baum fügt hin­zu: "Angst und Selbstzwei­fel bei der Ent­schei­dung, je­man­den ge­hen zu las­sen, sind nor­mal. Die Wün­sche der be­trof­fe­nen An­gehö­ri­gen sind aber meist be­kannt und im Prin­zip sind die Ent­schei­dungs­trä­ger nur die Sprach­rohre der Ster­ben­den."

vom 29.03.2017 | Ausgabe-Nr. 13A

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