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Die Sache mit dem Bock

Kleists zerbrochner Krug im Theater am Alten Markt (TAM)

Bie­le­feld (r­h). Ein kar­ges Büh­nen­bild (Ka­trin Wit­tig), be­ste­hend aus den drei Turn­geräten Spros­sen­wand, Bock und Kas­ten so­wie zwei großen schwar­zen Kis­ten, ließ eine Kon­zen­tra­tion auf das ge­spro­chene Wort er­hof­fen. Doch be­vor der Ge­richts­schrei­ber Licht den ers­ten Satz aus­spre­chen konn­te, musste sich der in­ter­es­sierte Zu­schauer ge­fühlte zehn Mi­nu­ten ge­dul­den. Re­gis­seu­rin Mar­tina Eit­ner-Ache­am­pong ließ die Ak­teure auf der Bühne zu fet­zi­ger Mu­sik ro­cken. Aber war das ei­nem Lust­spiel aus dem Jahre 1802, ent­stan­den nach ei­nem Gemälde von Phi­li­bert-Louis De­bu­court (Le juge ou la cru­che cassée – Der Rich­ter oder der zer­bro­chene Krug) an­ge­mes­sen? Ge­wiss, die Uraufführung 1808 in Wei­mar war wohl et­was bie­der ge­ra­ten, aber muss man heute des­we­gen in das Ge­gen­teil ver­fal­len? Pfif­fi­ger war dann schon der Ein­fall, dass der Ge­richts­schrei­ber na­mens Licht (Guido Wach­ter) nach dem rich­ti­gen Licht such­te, da­mit das ei­gent­li­che Stück be­gin­nen konn­te, ge­wis­ser­maßen ein "­Licht-Vor­spiel auf dem Thea­ter". Und der Turn­bock wies auf des Dorf­rich­ters Adam nächt­li­che Es­ka­pade und, et­was sub­ti­ler, auf "­den ver­fluch­ten Zie­gen­bock am Ofen" hin, mit dem der Mann des Rech­tes ge­foch­ten ha­ben woll­te, um so eine Er­klärung für seine Kopf­wunde pa­rat zu ha­ben.

Doch das ist nur der An­fang ei­nes Ge­flechts von Lü­gen, durch wel­ches der Rich­ter peu à peu zum An­ge­klag­ten wird. Denn lei­der muss er an die­sem Tag ein Ver­fah­ren eröff­nen, als Frau Marte Rull (Do­reen Nix­dorf) er­scheint und stimm­ge­wal­tig Wie­der­gut­ma­chung für einen zer­bro­che­nen Krug ein­for­dert. Er hätte die­sen Pro­zess lie­bend gerne ver­scho­ben, aber der un­ver­mu­tet zur In­spek­tion an­ge­reiste Ge­richts­rat Wal­ter (Ja­kob Wal­ser) lässt dies nicht zu. Wal­ser füllt seine Rolle ge­rade durch seine schein­bar lei­den­schafts­lose Sach­lich­keit ü­ber­zeu­gend aus. Im schwar­zen An­zug hebt er sich op­tisch deut­lich von dem weitaus we­ni­ger wür­de­voll ge­klei­de­ten Rich­ter Adam ab, der zu­dem seine Perü­cke ein­ge­büßt hat und sich auch nicht auf die Schnelle Er­satz be­sor­gen kann. Da die Schau­spie­ler in Ge­gen­warts­klei­dung auf­tre­ten, ist die Be­deu­tung des Perü­cken­ver­lus­tes für die Recht­spre­chung nicht so ganz ein­fach nach­zu­voll­zie­hen. Auch da­durch, dass im 2. Auf­tritt die Mägde Marg­rete und Liese ein­ge­spart wor­den sind, wird Adams dies­be­züg­li­ches Bemühen nur sehr un­voll­kom­men deut­lich. Die an­sons­ten erst später in die Hand­lung ein­ge­führte "­Kron­zeu­gin" Frau Bri­gitte (Ni­cole Lip­pold) muss hier den Bo­ten­dienst ü­ber­neh­men! Rich­ter Adam (Se­bas­tian Graf) führt in­zwi­schen ohne Kopf­be­de­ckung die Ver­hand­lung, be­schwörend und mit lei­ser Stimme ge­genü­ber Eve, Marte Rulls Toch­ter, barsch und ein­schüch­ternd ge­genü­ber Eves Ver­lob­ten Ru­precht, der als Ü­bel­täter fest­zu­ste­hen scheint, und sich in pseu­do­ge­lehr­ten ju­ris­ti­schen Ex­kur­sen ge­genü­ber dem Ge­richts­rat win­dend wie ein Spul­wurm. Da­mit bringt er den gan­zen Fa­cet­ten­reich­tum die­ser Rolle ü­ber­zeu­gend auf die Büh­ne. Eve (Hen­ri­ette Na­gel) und Ru­precht (Guido Schi­ko­re) er­hal­ten durch das Ein­schrei­ten des Ge­richts­ra­tes an­ge­mes­se­nes recht­li­ches Gehör; durch ihre Mi­mik ver­lei­hen sie den Rol­len un­ver­wech­sel­ba­res Pro­fil, während sie stimm­lich durch­aus et­was mehr Zurück­hal­tung hät­ten wal­ten las­sen kön­nen. Aber viel­leicht gab es da ja Vor­ga­ben der Re­gie. Im­mer wie­der wird an pas­sen­den Stel­len der Sprech­ge­sang "So nimm Ge­rech­tig­keit denn dei­nen Lauf!" vom gan­zen En­sem­ble in­to­niert. Schließ­lich wird die Hand­lung, an­ders als im Ori­gi­nal bei Kleist, un­ter­bro­chen: bis die ent­schei­dende Zeu­gin Frau Bri­gitte ein­trifft, er­ge­hen sich die Mi­men im Trom­meln auf dem Kas­ten, im Sprin­gen ü­ber den Bock und im Ge­trän­ke­kon­sum. Dann prä­sen­tiert die Zeu­gin die im Ge­sträuch vor Eves Zim­mer hän­gen­ge­blie­bene Perü­cke und be­rich­tet, un­ter Zu­hil­fe­nahme ei­nes Ta­ges­licht­schrei­bers, von den Fuß­spu­ren, die von Marte Rulls Haus bis ins Ge­richts­ge­bäude führen. Rich­ter Adam, sol­cher­maßen in die Enge ge­trie­ben, sucht schließ­lich sein Heil in der Flucht. Da­mit ist die Ge­schichte ei­gent­lich zu En­de: Ge­richts­rat Wal­ter muss in der Kleist­schen Fas­sung nur noch den Schrei­ber Licht mit der wei­te­ren Rechts­pflege in Hui­sum be­trauen und Marte Rull we­gen ih­res zer­bro­che­nen Kru­ges an die höhere In­stanz in Ut­recht ver­wei­sen. Nicht so im Bie­le­fel­der Thea­ter am Al­ten Markt: Da hat Eve noch ein­mal einen großen Auf­tritt. Sie trom­melt auf dem Kas­ten, was das Zeug hält, sie tanzt ü­ber die Bühne und deu­tet mit her­un­ter­ge­las­se­nem Hö­schen den ge­we­se­nen Ge­schlechts­ver­kehr mit Rich­ter Adam an. Die­ser er­scheint zu die­sem Zwe­cke in weißer Maske ge­wis­ser­maßen als Phan­tom hin­ter ihr. Was hät­ten Kleist selbst und Goe­the als Er­st­re­gis­seur wohl zu ei­nem sol­chen Schluss ge­sagt?

vom 25.01.2017 | Ausgabe-Nr. 4A

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