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Vom Spiel mit Saiten und Klischees

Harfenglück mit Xavier de Maistre im Meisterkonzert der Hochschule für Musik

Det­mold (k­h). ... und gut aus­se­hen tut er auch noch. Punkt. Punkt? Darf man einen Kon­zert­be­richt mit solch ei­ner Äußer­lich­keit be­gin­nen? Fra­ge­zei­chen. Darf man? Man darf. Kann doch ei­ner sa­gen, was er will – Otto Nor­mal­kon­zert­be­su­cher sitzt ga­ran­tiert nicht zwei Stun­den mit ge­schlos­se­nen Au­gen da. Ja­wohl, man schaut gerne hin an die­sem Abend. Und warum auch nicht? Schließ­lich ist nicht alle Tage ein so wohl­ge­stal­tet Manns­bild an ei­nem In­stru­ment zu er­le­ben, das man ge­mein­hin mit hol­der Weib­lich­keit ver­bin­det.

Denn Xa­vier de Maistre ist Har­fe­nist. Ei­ner der we­ni­gen Män­ner sei­ner Zunft. Und dazu ei­ner, der gleich mit noch mehr Kli­schees auf­räumt: Etwa mit dem, dass man nur Mu­sik spie­len darf, die für Harfe ge­schrie­ben ist. Oder dass man es als Or­che­s­ter­mu­si­ker nicht zum So­lis­ten brin­gen kann. Ja, auch das muss man sich erst mal trauen – nach elf Jah­ren den Dienst bei den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern zu quit­tie­ren, um auf So­lo­pfa­den zu wan­deln. Dass die Harfe weitaus mehr kann als im Or­che­s­ter­klang süße Ap­pli­ka­tio­nen zu we­ben – die­ses land­läu­fige Vor­ur­teil rückt de Maistre gleich von Be­ginn des jüngs­ten Meis­ter­kon­zer­tes der Hoch­schule für Mu­sik an zu­recht. Fast be­schämt wird man ge­wahr, wie we­nig ver­traut ei­nem doch so manch Ei­gen­schaft der Harfe ist. Horcht auf, wenn das no­bel ge­schwun­gene und reich ver­gol­dete In­stru­ment klang­voll be­legt, dass es für mehr taug­lich ist als ro­man­tisch-äthe­ri­schen Schmelz, En­gels-Ar­peg­gien und Rutsch­bahn-Glis­san­di. Und spätes­tens jetzt geht es aus­sch­ließ­lich um die klei­nen schwar­zen Punkte auf dem No­ten­pa­pier und um In­ner­lich­keit; nicht um schö­nen Schein oder ir­gend­wel­che Äußer­lich­kei­ten. Ganz au­to­ma­tisch hört man auf, ü­ber Kli­schees zu spre­chen. Auch ü­ber tech­ni­sche Bril­lanz denkt längst nie­mand mehr nach. Oder ü­ber den kör­per­li­chen Kraftakt, den das Har­fen­spiel be­deu­tet: Das Ge­wicht des ele­gan­ten, aber schwe­ren In­stru­ments lehnt las­tend auf der rech­ten Schul­ter, die Arme müs­sen frei schwe­bend ge­hal­ten wer­den, der­weil die Fin­ger­kup­pen an den 47 enorm straff ge­spann­ten Sai­ten zu­gange sind und die Füße auf den sie­ben Pe­da­len ihre ganz ei­gene Cho­reo­gra­fie auf­führen. Zwei Me­ter Her­aus­for­de­rung für Muckis und Köpf­chen Nichts von die­sem bis in die Fin­ger­spit­zen rei­chen­den Ganz­kör­per­ein­satz, der kraft­auf­wen­di­gen Tech­nik und den Ko­or­di­na­ti­ons­auf­ga­ben ist zu be­mer­ken, wenn de Maistre zu spie­len an­hebt. Al­les wird Klang, fein­füh­li­ges Emp­fin­den. Leich­tig­keit. Stau­nen. So selbst­ver­ständ­lich wie ein Zau­be­rer das Ka­nin­chen aus dem Hut zieht, lässt der 1973 in Tou­lon ge­bo­rene Fran­zose Me­lo­dien­schauer durch den Saal rie­seln. Glin­ka, Chatscha­tur­jan, Liszt, Tschai­kow­ski, Fauré, De­bus­sy. Fast ist es egal, wel­che Werke es sind, mit de­nen er mit hell­glän­zen­dem, dann wie­der samtschwer-dunklem Ton in den un­ter sei­nen Hän­den ins schein­bar Gren­zen­lose wach­sen­den Har­fen­kos­mos ein­taucht – das Au­di­to­rium lauscht hin­ge­ris­sen. Welch un­ge­ahnte Aus­drucks­fül­le: pro­du­ziert mit dem Hand­bal­len, den Fin­gern, den Hand­flächen. Grob ge­schla­gen. Gra­ziös ge­zupft. Me­lo­disch und sanft. Oder rhyth­misch poin­tiert. Mit großer Geste oder fi­li­gra­nem Fin­ger­spiel. Spie­le­risch-tän­ze­risch. Zu­pa­ckend und zärt­lich zu­gleich rauscht de Maistre die Sai­ten rauf und run­ter. Fast per­kus­si­ve, mann­haft derbe Griffe wech­seln mit ver­füh­re­ri­schen Fla­geo­letts. Silb­rig per­len Ton­kas­ka­den – stets ein­deu­tige Klän­ge, nicht bloß va­ges Ge­wa­bere oder in­halts­lee­rer Schön­klang. Zart­heit ja, süß­li­cher Si­rup, nein. Ein Fest der Pia­nis­si­mo­kul­tur Ü­ber­haupt sind es die lei­sen Mo­men­te, mit de­nen de Maistre be­son­ders für sich ein­nimmt: Dann, wenn er die Sai­ten ge­ra­dezu strei­chelt und es fer­tig­bringt, ein Pia­nis­simo glas­klar und rein bis in die letzte Saal­reihe hin­auf hör­bar blei­ben zu las­sen. Mit ver­blüf­fen­dem Far­ben­reich­tum malt er fi­li­grane Hör­bil­der in den Kon­zert­saal. Raum­fül­len­des, flim­mern­des Sai­ten­spiel, gleich­sam den Fä­den ei­nes fi­li­gran ge­wo­be­nen Net­zes, das sich im Wind wiegt. Elas­tisch-leicht, und doch prä­zise kon­tu­riert. Selbst­be­wusst und char­mant zeigt de Maistre, was in sei­nen Hän­den steckt, und macht sich mit sei­nem letz­ten Pro­gramm­punkt gar ein Or­che­s­ter­werk zu ei­gen: Be­d­rich Sme­ta­nas "­Mol­dau" (ar­ran­giert von Hans Trne­cek). Und tatsäch­lich: Der Lauf der Mol­dau, be­gin­nend mit quir­lig plät­schern­dem Quell­was­ser ü­ber reißende Strom­schnel­len bis hin zum stolz flu­ten­den Strom lässt sich auch auf Har­fen­sai­ten aufs Schönste ab­bil­den. Da ist Wir­beln, Rau­schen, Fun­keln. Sieht man von ei­ni­gen "Fluss­re­gu­lie­run­gen" ab und da­von, dass es dem Strom in der Ver­sion für Solo-Harfe am Ende dann doch an der Ma­jestät der Or­che­s­ter­fas­sung man­gelt, so be­ein­druckt doch die Klang­fül­le, die de Maistre ent­facht, wenn er die alt­be­kannte Kom­po­si­tion in ein un­ge­wohn­tes Klang­ge­wand klei­det. Und während das Stau­nen ü­ber die Be­herzt­heit sei­ner Ton­bil­dung mit ih­ren ent­schlos­se­nen For­tis­simi und den schwe­re­lo­sen Piani wächst, ver­dich­tet sich das Me­trum, das Strö­men und Pul­sie­ren des zu Tö­nen ge­wor­de­nen Flus­ses gleich­sam zum Herz­schlag – oder ist es das Po­chen des ei­ge­nen Her­zens, das man in die­ser fein ge­spon­ne­nen Mu­sik mit­hört? Ja, und dann ... dann schaut man doch wie­der hin. Be­trach­tet je­nes kost­bare In­stru­ment, des­sen Op­tik lo­cker je­den Stein­way aus­sticht. Lässt den Blick auf der Ge­stalt des Har­fe­nis­ten ru­hen. Ver­weilt bei sei­nen ü­ber die Sei­ten tan­zen­den Fin­gern. Ge­nießt un­wi­der­steh­li­chen Oh­ren­schmaus und betören­den Blick­fang in ei­nem. Er­lebt tech­ni­sche Meis­ter­schaft ge­paart mit an­ste­cken­der Freude an Mu­sik. Be­schwing­ten Schrit­tes geht man in die Nacht hin­aus. Und vor­her: Ap­plaus für den Mann an der Har­fe. Ap­plaus für Xa­vier de Maistre.

vom 14.01.2017 | Ausgabe-Nr. 2B

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