LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Ungewöhnliche Kontraste

Premiere von Verdis Oper Macbeth am Stadttheater

Bie­le­feld (a­me). Die Pre­miere von Ver­dis Oper Mac­beth, die kürz­lich am Stadt­thea­ter Bie­le­feld ge­fei­ert wur­de, ließ die Zu­schauer so­wohl be­geis­tert, als auch ein we­nig rat­los zurück. "Mu­tig, mu­tig", mur­melte ein Herr in der Pau­se, wohl um ü­ber­haupt et­was zu sa­gen. Mu­tig? Das wäre sie viel­leicht 1970 ge­we­sen. Heut­zu­tage ist es schwer, noch mit op­ti­schen Mit­teln zu pro­vo­zie­ren, die ei­nem ü­ber die Me­dien so­wieso stän­dig ser­viert wer­den.

Der He­xen­chor war Mou­lin-Rouge-ent­sprun­gen und weil Sha­ke­s­peare sei­nen Mac­beth we­gen des Bar­tes der He­xen darü­ber rät­seln lässt, wes­sen Ge­schlechts diese gru­se­li­gen We­sen denn nun wohl seien und das Li­bretto dies eins zu eins ü­ber­nimmt, ließ die In­sze­nie­rung von Balázs Ko­va­lik gleich meh­rere Ab­kömm­linge "sty­led li­ke" Con­chita Wurst ü­ber die Bühne schrei­ten und an späte­rer Stelle Dro­gen kon­su­mie­rend ü­ber sel­bige rob­ben – natür­lich ge­mein­sam mit den Da­men des He­xen­cho­res und hier war die Würde der Frau wirk­lich un­fass­bar. Nicht we­gen des Ge­samt­bil­des, son­dern we­gen so man­cher De­tails. Warum das Ganze und das of­fen­sicht­lich ex­akt so ge­wollt? Viel­leicht, weil wir heute nicht mehr im Mor­gen­grauen ü­bers Moor schlei­chen, wenn wir uns gru­seln wol­len. Da gibt es grif­fi­gere Bil­der, die uns das Fürch­ten leh­ren. Wie man deut­lich se­hen konn­te. Das außer­ge­wöhn­li­che und wirk­lich ge­nial ge­machte Büh­nen­bild von Her­mann Feuch­ter war ge­baut wie ein Apo­the­ker­schrank - die her­aus­zieh­ba­ren Schübe sorg­ten für den Sze­nen- und Büh­nen­bild­wech­sel. Dass das ab­grund­tief Böse aus ei­ner grü­nen Licht­ku­gel wa­bert, ha­ben Hell­sich­tige hin­läng­lich be­schrie­ben, in Man­gas wurde es eben­falls als sym­bol­träch­ti­ges Bild auf­ge­nom­men – es mag Zu­fall sein, dass eine sol­che Ku­gel in Form ei­nes Balls ü­ber die Bühne roll­te. Wenn es je­doch kein Zu­fall war, dann war es schon sehr spe­zi­ell und tief­grün­dig. Dann auch un­be­dingt Cha­peau - und zwar mit tiefer Ver­beu­gung! Doch nicht im­mer wa­ren die Bil­der tief­grün­dig. Manch­mal wirk­ten sie eher schlicht: Da­mit zum Bei­spiel schon ein­mal ganz sim­pel ver­deut­licht wur­de, mit wel­chen Mit­teln die böse Ehe­frau ih­ren Mac­beth ma­ni­pu­lier­te, muss­ten beide gleich zu Be­ginn erst ein­mal durchs Bett tur­nen und viel­leicht weil sie schon ein­mal da­bei war, turnte Lady Mac­beth, kaum, dass ihr Gatte ver­schwun­den war, gleich mit sei­nem Freund Banco - herr­lich bla­siert dar­ge­stellt von Moon Soo Park - wei­ter. Ach, so eine ist das! Je­den­falls in die­ser In­sze­nie­rung. Da­mit kam die Lady lei­der sehr ge­wöhn­lich da­her und die Op­tik der Bitch im Volks­for­mat – das Gemälde ü­ber dem Bett deu­tete den geis­ti­gen Ho­ri­zont an - passte so gar nicht zu dem furcht­ein­flößen­den We­sen, das die zum Bö­sen ver­führende "E­va" ei­gent­lich be­seelt. Ge­nauso gut hätte die Lady Fens­ter put­zen kön­nen. Ein Wi­der­spruch also zwi­schen Klang und Op­tik? De­fi­ni­tiv! Soo­jin Moon-Se­bas­tian sang, dass die Trom­mel­felle beb­ten – we­nigs­ten jetzt konnte man es mit der Angst zu tun be­kom­men, denn die­ser Dia­mant schnei­det selbst Pan­zer­glas. Das Pu­bli­kum ju­belte ob die­ser wirk­lich al­les hin­weg fe­gen­den Stim­me. Im späte­ren Ver­lauf mochte man solch ei­ner Frau die Selbst­vor­würfe nicht recht ab­neh­men – sie ka­men zu un­er­war­tet. Nun - das ist halt so in die­ser Oper, aber man hätte sich dafür einen An­knüpf­punkt ge­wünscht, der später so auf­ge­nom­men wird, dass man den psy­chi­schen Ver­fall der Lady Mac­beth hätte vor­au­sah­nen kön­nen. Ev­gue­niy Ale­xiev ver­kör­perte einen Mac­beth, der so sehr fern­ge­steu­ert wirk­te, dass man des­sen ei­gene Per­sön­lich­keit nicht mehr aus­ma­chen konn­te. Mac­beth ge­riet im­mer tiefer in den Stru­del aus Angst und Ge­walt, aber er rutschte den Ab­grund so ru­hig hinab wie ein Kind mit dem Schlit­ten ü­ber schnee­be­deckte Hü­gel. Als ihm der Geist des er­mor­de­ten Kö­nigs er­schien, griff zwar das schlechte Ge­wis­sen nach Mac­beth, aber es führt nicht zum In­ne­hal­ten, nicht zur gründ­li­chen Selbs­t­re­fle­xion. Mac­beth fragt sich nur, wie das al­les für ihn selbst en­det und sucht er­neut den Rat der He­xen. Sha­ke­s­peare schrieb: "­Din­ge, die einen bö­sen An­fang ha­ben, kön­nen nur durch Ue­bel­tha­ten fort­ge­führt wer­den." In sei­ner Kon­se­quenz schau­er­lich be­schau­lich mor­dete Mac­beth also mun­ter wei­ter. Dass es dem Volk un­ter sol­chen Herr­schern nicht gut geht – nicht in der Ver­gan­gen­heit und auch nicht ak­tu­ell – wurde ü­ber den "E­len­den­chor" ver­deut­licht. Er kam in schmut­zig-grauer Un­ter­wä­sche auf der dop­pel­ten Ebene der Bühne op­tisch deut­lich ver­armt zu Wort. Die wär­men­den Gold­fo­lien hol­ten das Bild der ge­ret­te­ten Flücht­linge hoch – an­ge­strahlt wie ein mit La­metta be­han­ge­ner Christ­baum, was ge­nau so lange be­ein­dru­ckend wirk­te, bis sich die Szene laut ra­schelnd und knis­ternd auf­lös­te. Das wirkte dann un­frei­wil­lig ko­misch, aber zu­vor sah man eben ein Bild, das so nur großes Thea­ter malt und das man auch nur in­ner­halb ei­nes Thea­ters so er­le­ben kann – via Fern­sehü­ber­tra­gung würde seine Wir­kung kom­plett ver­puf­fen. Es tut durch­aus gut, sich des­sen zwi­schen­durch im­mer wie­der ein­mal be­wusst wer­den zu dür­fen. Wo­bei man sa­gen muss, dass in Sa­chen Be­leuch­tung das Stadt­thea­ter Bie­le­feld dank sei­nes Chef­be­leuch­ters Ralf Scholz so­wieso kaum zu ü­ber­tref­fen sein dürf­te. Die Mu­sik Ver­dis ist in die­ser Oper eher Be­gleit­mu­sik. Es ent­steht an kei­ner Stelle der Wunsch ein­fach die Au­gen zu schließen, um sie zu ge­nießen. Umso wich­ti­ger ist sie in ih­rer "­Funk­tion" für den Ge­sang. Hier blie­ben un­ter der Lei­tung von Alex­an­der Ka­la­jd­zic keine Wün­sche of­fen. Auch der Thea­ter­chor un­ter Ha­gen Enke war wie­der ein­mal großar­tig. Da­niel Pa­taky spielte den Mac­duff mit zum Nie­der­knien schö­ner Stim­me. Dass er als ein im dop­pel­ten Sinn "viel ver­spre­chen­der", auf­stre­ben­der Po­li­ti­ker in Szene ge­setzt wur­de, hatte Witz. Denn es ist wohl wahr - nach Mac­beth Er­mor­dung durch Mac­duff weiß schließ­lich nie­mand, ob bes­sere Zei­ten fol­gen wer­den. Be­vor Mac­beth stirbt, kom­men seine Feinde und zer­stören mit ih­rem Er­schei­nen die pseu­do­heile Welt, die Mac­beth sich durch sein Mor­den er­schaf­fen hat. Hier setzt die In­sze­nie­rung das Idyll des Schlaf­zim­mer­gemäl­des in Szene – auch das war wit­zig ge­macht. Ü­ber­haupt gab es an die­sem Abend viel zu schmun­zeln. Fa­zit: Die in die­ser In­sze­nie­rung ent­ste­hen­den Emo­tio­nen tau­chen den Zu­schauer in ein Wech­sel­bad der Ge­fühle. Aber die Kon­traste wa­ren nicht wie warm oder kalt oder wie süß und sau­er. Eher wurde man zwi­schen Grau­sam­kei­ten und Ko­mik hin und her ge­wor­fen. Viel­leicht war das dann wirk­lich mu­tig.

vom 27.01.2016 | Ausgabe-Nr. 4A

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten