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Kabarettist Serdar Somuncu zu Gast in der Schlossscheune Brake

Was andere nicht zu denken wagen

 

Lemgo-Brake (m­k). »­Mein Name ist Ser­dar So­mun­cu. Das spricht sich ‘­So­mund­schu‘ und nicht ‚­So­mun­ku‘«, be­kam das Pu­bli­kum di­rekt zu Be­ginn der ver­gan­ge­nen Ka­ba­rett-Ver­an­stal­tung in der Schloss­scheune Brake di­rekt mal eine kleine Ein­führung in die Tür­ki­sche Aus­spra­che. Ei­ni­gen Sät­zen auf Tür­kisch ließ der Künst­ler di­rekt die ket­ze­ri­sche Frage fol­gen, wer sich nun bes­ser in Deutsch­land in­te­griert hätte – die Deut­schen oder die Tür­ken? Die an­we­sen­den Tür­ken hät­ten ihn im­mer­hin auf tür­kisch und deutsch ver­stan­den.

Der in der Tür­kei ge­bo­rene deut­sche Schrift­stel­ler, Schau­spie­ler, Re­gis­seur und Ka­ba­ret­tist holte di­rekt zu An­fang während der Be­schrei­bung sei­ner »­Deutsch­wer­dung« zu ei­nem Rund­um­schlag auch ge­gen seine ei­ge­nen frühe­ren Lands­leute aus: »Da kom­men Töch­ter von Müt­tern, die 40 oder 50 Jahre für eine sä­ku­la­ri­sierte tür­ki­sche Ge­sell­schaft gekämpft ha­ben und tra­gen ein Kopf­tuch als Zei­chen ih­rer Frei­heit. Da­bei ist das Kopf­tuch seit je­her ein Sym­bol für die Un­ter­drü­ckung der Frau«. Der Hieb saß, und es soll­ten wei­tere fol­gen.

Un­ter dem Motto »Las­sen Sie mich das sa­gen, was Sie sich nicht zu den­ken trau­en« ging So­muncu natür­lich auch auf ganz ak­tu­elle The­men ein. Die ak­tu­el­len Aus­sa­gen von »Eva Braun Her­mann Göring«, Hit­lers Fa­mi­li­en­po­li­tik sei in Ord­nung ge­we­sen ließ So­muncu zum ers­ten Mal so rich­tig ex­plo­die­ren: »Das ist eine Frech­heit und eine Be­lei­di­gung für al­le, die im KZ ge­stor­ben sin­d«, er­klärte So­mun­cu. Für die Ju­den in Deutsch­land sei Hit­lers Fa­mi­li­en­po­li­tik näm­lich »­scheiße« ge­we­sen.

Ü­ber den gan­zen Abend be­diente So­muncu sich ei­ner äußerst deut­li­chen Spra­che. Er schrie und schimpf­te, was das Zeug hält. Da­bei machte er auch vor dem Pu­bli­kum nicht halt: Be­sit­zern klin­geln­der Han­dys wurde de­ren Ver­pflan­zung in ih­ren Al­ler­wer­tes­ten an­ge­droht und eine Zwi­schen­ru­fe­rin durfte sich ei­ner klei­nen Büh­nen­was­ser-Du­sche »er­freu­en«. Doch die un­be­queme Art So­mun­cus hat Sys­tem. Er will mit al­len Mit­teln auf­rüt­teln und sen­si­bi­li­sie­ren. Vor al­lem im zwei­ten Teil sei­nes ak­tu­el­len Pro­gramms »­Bild le­sen«, in dem er im­mer die ta­ges­ak­tu­elle Bild-Zei­tung liest und teils mit kur­zen gran­dios im­pro­vi­sier­ten schau­spie­le­ri­schen In­ter­mezzi kom­men­tiert.

»Wir müs­sen uns ent­schei­den, ob wir ver­ste­hen wol­len, wann uns wer ma­ni­pu­liert. Bei der Bild-Pa­nik­ma­che mit Kli­ma, BSE, Vo­gel­grippe oder SARS wird Geld ge­macht. Es geht der Bild doch nur noch dar­um, Lob­bys zu be­die­nen«, er­klärte So­mun­cu. Dies sei in vie­len an­de­ren Me­dien al­ler­dings eben­so, zum Bei­spiel bei »RTL ak­tu­ell, der fleisch­ge­wor­de­nen Bild­zei­tung«.

Die Bild sei an sich auch gar keine Zei­tung im ei­gent­li­chen Sin­ne, son­dern ein Mei­nungs­ma­cher – quasi ein pro­gram­ma­ti­sches Werk und so­mit (nicht nur von ei­ni­gen In­hal­ten her) Hit­lers »­Mein Kampf« sehr ähn­lich.

In Deutsch­land und ü­ber seine Gren­zen hin­aus be­kannt ge­wor­den ist So­muncu mit sei­nen viel­be­ach­te­ten ü­ber 1.500 kom­men­tier­ten Le­sun­gen von Hit­lers »­Mein Kampf«. Ü­ber das schwer ab­zu­schüt­telnde Stigma »Das ist der Tür­ke, der Mein Kampf liest«, är­gert er sich nicht. »Ich bin stolz dar­auf, und ver­leugne das nicht. Ich bin dank­bar, dass man darü­ber spricht. Das war auch ein mein Bei­trag zur po­li­ti­schen Auf­klärungs­ar­beit in Deutsch­lan­d«, er­klärte So­muncu im In­ter­view nach der Ver­an­stal­tung. »­Doch nun wollte ich mal was ta­ges­ak­tu­el­les ma­chen, und ich wüsste nicht, wie man als Ka­ba­ret­tist ak­tu­el­ler sein könn­te. Bei Hit­ler ging es um Auf­ar­bei­tung von Mei­nung. Bei der Bild geht es dar­um, zu er­grün­den, wie Mei­nung ent­steht«, so So­mun­cu.

­Mit im Gepäck hatte So­muncu ne­ben der Bild ü­b­ri­gens auch eine ta­ges­ak­tu­elle Aus­gabe ei­ner lip­pi­schen Ta­ges­zei­tung, de­ren Lo­kal­teil er sich quasi als Bo­nus zum Schluss wid­me­te. So sorg­ten kon­stru­ierte Ge­spräche, wie »Ich will noch Müll zur Mai­bolte brin­gen – Geht nicht ist Ab­fall­tag. Bring ihn doch zu Bloch ins Büro!« für viel Geläch­ter.

Zum Ab­schied hatte Ser­dar So­muncu noch einen Tipp ans Au­di­to­rium auf La­ger: »La­den Sie nie mehr je­man­den ein, der Ih­nen für 10 Euro das vor­liest, was sie am Ki­osk für 50 Cent kau­fen kön­nen.« Das Pu­bli­kum dankte es ihm mit lan­gan­hal­ten­dem Ap­plaus zum Schluss ei­nes un­ge­wöhn­li­chen aber hoch­klas­si­gen und denk­wür­di­gen Ka­ba­ret­ta­bends in der Schloss­scheu­ne.

vom 27.10.2007 | Ausgabe-Nr. 43B

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