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Mit dem mobilen Fachdienst der Lippe pro Arbeit unterwegs

Hartz IV – so verlaufen Hausbesuche

Nächste Wo­che in »Ein Auge auf Lip­pe«: Ein Blick auf die Ar­beit der Ju­tiz­voll­zugs­be­am­ten.

Kreis Lippe (go). Ein lip­pi­scher Cam­ping­platz. Sven Kra­mer (Name von der Re­dak­tion geän­dert) sitzt hin­ter dem Steuer ei­nes LKW. Die La­de­fläche hat er wohn­lich aus­ge­baut mit Hoch­bett, Sitz­ge­le­gen­heit, Hän­ge­schrank und Ar­beits­plat­te. Eine Fe­rie­ni­dyl­le? Mit­nich­ten. Be­reits der dritte Win­ter in sei­ner Be­helfs­woh­nung steht ihm be­vor. Der ge­lernte Tisch­ler ist schon seit zwei Jah­ren ohne Ar­beit. Er be­zieht Ar­beits­lo­sen­geld II und hat ein Dar­le­hen für einen Kühl­schrank, eine Ma­tratze und Win­ter­klei­dung be­an­tragt.

Der mo­bile Fach­dienst der Lippe pro Ar­beit soll sich ein Bild von den Wohn­ver­hält­nis­sen ma­chen. Mit Hilfe des Vor­ort-Pro­to­kolls wird dann von Sach­be­ar­bei­tern im In­nen­dienst ent­schie­den, ob das Dar­le­hen be­wil­ligt wird oder nicht. Lippe pro Ar­beit ist eine Toch­ter­ge­sell­schaft der Agen­tur für Ar­beit und des Krei­ses Lippe und zu­stän­dig für alle Emp­fän­ger von Ar­beits­lo­sen­geld II. Fast täg­lich ist ein Team des mo­bi­len Fach­diens­tes – heute sind es Mi­chael D. und Na­dine H. – für Lippe pro Ar­beit im ge­sam­ten Kreis­ge­biet un­ter­wegs und stat­tet Haus­be­su­che ab.

Mi­chael D. fo­to­gra­fiert Sven Kra­mers Ma­trat­ze, die an der Un­ter­seite rie­sige Stock­fle­cken hat. Sie sei schon 14 oder 15 Jahre alt, sagt Kra­mer. Mi­chael D. fo­to­gra­fiert auch den ma­ger bestück­ten Klei­der­schrank und die Ar­beits­plat­te, auf der Kra­mer mit Hilfe ei­nes Cam­ping­ko­chers seine Mahl­zei­ten zu­be­rei­tet. Einen Herd be­sitzt er nicht. Der Lippe pro Ar­beit Mit­ar­bei­ter ach­tet streng dar­auf, dass er keine Per­so­nen fo­to­gra­fiert. Das diene der Sach­lich­keit. Ebenso werde größter Wert dar­auf ge­legt, dass die Pro­to­kolle ü­ber die Haus­be­su­che ob­jek­tiv ab­ge­fasst wer­den, sagt Mi­chael D. Er un­ter­hält sich mit Kra­mer ü­ber den LKW-Aus­bau, eine Fach­sim­pe­lei un­ter Män­nern. »­Su­per für einen Ur­laub, aber keine Dau­er­lö­sung« sind sich beide ei­nig. Kra­mer ge­steht, dass ihm die Si­tua­tion lang­sam auf die Psy­che schlägt, ins­be­son­dere wenn er an den Win­ter denkt.

»U­schi« – so ha­ben sie das Na­vi­ga­ti­ons­gerät ge­tauft – lei­tet das Außen­dienst-Team zur nächs­ten Adres­se. Nach dem Klin­geln lan­ges War­ten. Dann öff­net eine Nach­ba­rin. Sie könne auf­sch­ließen. Frau Zir­ner (Name von der Re­dak­tion geän­dert) habe drin­gend zu ih­rer Mut­ter ins Kran­ken­haus ge­musst. Mi­chael D. lehnt das An­ge­bot zum Öff­nen der Woh­nung ab. Wenn Frau Zir­ner nicht da­bei sei, dürfe er die Woh­nung nicht be­tre­ten.

Die Un­ver­letz­lich­keit der Woh­nung zu wah­ren, ist obers­tes Ge­bot für die Mit­ar­bei­ter vom mo­bi­len Fach­dienst. Bei je­dem Hau­be­such blei­ben sie zunächst vor der Haustür ste­hen und be­leh­ren ihre Kun­den ü­ber das Zu­tritts­ver­wei­ge­rungs­recht. Auch darü­ber, dass sie da­von noch während der Be­sich­ti­gung Ge­brauch ma­chen kön­nen, auf gut deutsch, dass sie die Außen­dienst­mit­ar­bei­ter je­der­zeit wie­der hin­aus­bit­ten dür­fen. »Aus Grün­den des Da­ten­schut­zes dür­fen wir auch Nach­barn nicht erzählen, wer wir sind und was un­ser An­lie­gen ist« sagt Mi­chael D.

­Den mo­bi­len Fach­dienst gibt es seit ei­nem Jahr. Er ist auf­grund ei­ner Ge­set­zes­no­vel­lie­rung zum Ar­beits­lo­sen­geld II vor­ge­schrie­ben wor­den. In Lippe gibt es 14.500 Be­darfs­ge­mein­schaf­ten, die Ar­beits­lo­sen­geld II be­zie­hen. Das sind in Lippe 31.000 Men­schen, die von Ar­beits­lo­sen­geld II le­ben. Der Außen­dienst hat bis­her 1.020 Auf­träge er­hal­ten. »A­ber wir sind schon 5.000 mal los­ge­fah­ren. Lei­der tref­fen wir die Kun­den längst nicht im­mer an« be­dau­ert Mi­chael D. Wenn sich das Team an­mel­de, sei zwar die Wahr­schein­lich­keit, je­man­den an­zu­tref­fen größer, aber das Wohn­bild sei dann nicht mehr so au­then­tisch, weil die Kun­den sich ja auf den Be­such vor­be­rei­ten.

An­hand der Kon­to­be­we­gun­gen wurde bei An­dreas Zwan­zi­ger (Name von der Re­dak­tion geän­dert) fest­ge­stellt, dass er sehr viele Käufe ü­ber das In­ter­net getätigt hat. Der mo­bile Dienst soll mit ei­nem Haus­be­such auf­klären hel­fen, ob es ein Wa­ren­la­ger dort gibt, was auf einen miß­bräuch­li­chen Leis­tungs­be­zug hin­wei­sen könn­te. Zwan­zi­ger be­haup­tet, es han­dele sich nur um Käufe zum Ei­gen­ge­brauch, nicht um Wa­ren ge­werbs­mäßig wei­ter zu ver­äußern. Es ist 11 Uhr am Vor­mit­tag. Ins Schlaf­zim­mer will er das Außen­dienst-Duo nicht bli­cken las­sen, da dort ge­rade seine Le­bens­ge­fähr­tin schla­fe. Das müs­sen die bei­den ak­zep­tie­ren. »­Mit der Un­si­cher­heit müs­sen wir le­ben« sagt Mi­chael D. zu dem ver­schlos­se­nen Schlaf­ge­mach.

In Fäl­len, in de­nen sich der Ver­dacht auf Schwarz­ar­beit er­gibt, muss Lippe pro Ar­beit den Zoll in­for­mie­ren. Mi­chael D.: »­Die Zu­sam­men­ar­beit mit der Zoll­behörde ver­läuft gut.«

Bei Fa­mi­lie Kaplan (Name von der Re­dak­tion geän­dert) hat sich Nach­wuchs an­gekün­digt. Dem­nächst zie­hen Kaplans in eine größere Woh­nung. Sie be­an­tra­gen ein Dar­le­hen für eine neue Küche, da die alte dem Ver­mie­ter gehört, und für einen neuen Klei­der­schrank. Des­sen rechte Tür sei de­fekt und zu­dem sei der Schrank zu sper­rig für das neue Schlaf­zim­mer. Mi­chael D. fo­to­gra­fiert die Küche, dann in­spi­ziert er den Schrank. Um des­sen Tür wie­der funk­ti­ons­fähig zu ma­chen, müsse nur die Schiene für die Schie­betür fest an­ge­schraubt wer­den. Der Schrank ist mo­dern, mit blauen Sei­tentüren und ei­ner Spie­gel­tür in der Mit­te. Er sieht sta­bil und gut er­hal­ten aus. Mi­chael D. schlägt Mu­rat Kaplan vor, noch ein­mal ge­nau aus­zu­mes­sen. Viel­leicht könne in der neuen Woh­nung das Kin­der­zim­mer mit dem El­tern­schlaf­zim­mer ge­tauscht wer­den, um den Schrank auf­stel­len zu kön­nen. Na­dine H. rät Semra Kaplan, den Schrank not­falls ü­ber ein »Von Kunde zu Kun­de«-Brett zum Ver­kauf an­zu­bie­ten. Die hin­gen in den meis­ten Su­per­märk­ten. Dann könne das Geld für ein Dar­le­hen doch ge­spart wer­den.

Ein Dar­le­hen für so­ge­nannte Ein­mal­be­darfe wird zurück­ge­zahlt, in­dem ein be­stimm­ter Pro­zent­satz vom Re­gel­geld ein­be­hal­ten wird. Die Re­gel­leis­tung be­trägt für eine al­lein­ste­hende Per­son im Mo­nat 347 Eu­ro. Auf­wen­dun­gen für an­ge­mes­sene Woh­nungs- und Heiz­kos­ten wer­den ge­son­dert er­stat­tet.

Ein Sport­flit­zer vor der Haustür der nächs­ten Adres­se. Eine ge­pfleg­te, junge Frau zeigt dem Lippe pro Ar­beit-Team, wie die Woh­nung zwi­schen ihr und ih­rem Ver­mie­ter auf­ge­teilt ist. Sie wohnt im Dach­ge­schoss, der Ver­mie­ter un­ten. Ei­nige Zim­mer, wie Küche, Ess­zim­mer und Bad, wer­den ge­mein­sam be­nutzt. Die Woh­nung des Ver­mie­ters könnte in »Schö­ner Woh­nen« ab­ge­bil­det sein. »Er ist nur ein gu­ter Freun­d« sagt Bet­tina Schulz (Name von der Re­dak­tion geän­dert) ü­ber ihr Ver­hält­nis zum Ver­mie­ter. Das Lippe pro Ar­beit-Team geht von Zim­mer zu Zim­mer und no­tiert seine Be­ob­ach­tun­gen. Hier und da fo­to­gra­fiert Mi­chael D. Ob nicht doch eine eheähn­li­che Ge­mein­schaft vor­liegt, wel­che den Mann zur fi­nan­zi­el­len Un­ter­stüt­zung sei­ner Freun­din ver­pflich­ten wür­de, sol­len Mi­chael D. und Na­dine H. nicht ent­schei­den. Sie pro­to­kol­lie­ren nur, was sie se­hen. Rück­schlüsse zu zie­hen oder zu wer­ten, sei nicht ihre Auf­ga­be.

Dann sit­zen Na­dine H. und Mi­chael D. wie­der im Au­to. Sie be­rei­ten sich auf den nächs­ten Fall vor. »U­schi« na­vi­giert sie hin.

vom 27.10.2007 | Ausgabe-Nr. 43B

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