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Der "Lange Gottfried" hat viel erlebt

Heimatforscher Werner Höltke hat die wechselvolle Geschichte des Hauses ermittelt

 

Oer­ling­hau­sen (k­d). Wenn Steine re­den könn­ten, dann hät­ten sie ü­ber das Haus an der Haupt­straße 53 in Oer­ling­hau­sen eine Menge zu erzählen. Ver­läss­li­cher sind da Ur­kun­den, Pro­zess- und Stan­des­amts­ak­ten, amt­li­che Briefe und an­dere nach­prüf­bare Quel­len. Als pas­sio­nier­ter Hei­mat­for­scher hat Wer­ner Höltke eine Menge ü­ber die vier­hun­dert­jäh­rige Ge­schichte des Hau­ses her­aus­ge­fun­den, im Volks­mund auch "Lan­ger Gott­frie­d" ge­nannt. Beim Ver­ein Alt-Oer­ling­hau­sen hat Höltke kürz­lich seine Er­kennt­nisse vor­ge­tra­gen.

Be­vor Jo­hann Bark­hau­sen das Ge­bäude er­rich­ten konn­te, muss­ten zunächst noch et­li­che Sand­steine aus dem Süd­hang des Töns­bergs ge­bro­chen wer­den. Der Auf­wand lohnte sich, denn das Grund­stück lag stra­te­gisch güns­tig – am Pass­weg ü­ber den Töns­berg und in der Nähe der Kir­che. Die Dorf­schaft Oer­ling­hau­sen um­fasste da­mals ganze 26 Haus­hal­te, die Haupt­straße exis­tierte noch nicht. Das neue Ge­bäude hatte eine ver­gleichs­weise be­acht­li­che Größe: Es war 15 Me­ter lang, mit Erd- und Ober­ge­schoss al­ler­dings noch nicht so hoch wie heu­te, auch der An­bau an der Sü­dost­seite kam erst später hin­zu.

1618 wurde der Bau­herr Jo­hann Bark­hau­sen zum Vogt er­nannt und er­hielt vom lip­pi­schen Gra­fen Si­mon VI. die Er­laub­nis, einen Krug zu eröff­nen. In dem Hause wurde ihm auch der Han­del mit Garn und Lei­nen­wa­ren ge­stat­tet. Wer­ner Hölt­ke: "Als in sei­nem Krug mehr Be­trieb als im Krug vom ehe­ma­li­gen Vogt To­fall war, be­schwerte sich die­ser in Det­mold. Die Klage wurde mit der Be­grün­dung ab­ge­wie­sen, dass auch aus­wär­tige Pass­weg­be­nut­zer nach den Stei­gun­gen Durst hät­ten."

Nach dem Tod von Jo­hann Bark­hau­sen im Jahre 1636 er­warb sein Sohn Si­mon den Krug. Er brannte zu­dem Schnaps und braute Bier, das er auch nach außer­halb ver­trieb. Das Ge­schäft flo­rier­te, denn im Vieh­stands­re­gis­ter von 1652 sind vier Pfer­de, 19 Kühe, 20 Schweine und 187 Schafe ver­merkt. Den­noch hin­ter­ließ Si­mon Bark­hau­sen sei­nen Kin­dern einen großen Schul­den­berg, als er 1681 verstarb. Mit fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung des Mei­ers Jo­hann Ar­nold zu Bark­hau­sen konnte das Haus der Fa­mi­lie er­hal­ten blei­ben. Si­mons Toch­ter Anna Chris­tian und ihr Mann Cord Hen­rich Grote führ­ten die Ge­schäfte wei­ter. Der Krug wurde zu Eh­ren des Vog­tes Jo­hann Bark­hau­sen "­Zum al­ten Vog­t" ge­nannt.

1745 wird Hen­rich Ernst Wis­ting­hau­sen als neuer Ei­gentü­mer ge­nannt. Ver­mut­lich hat er den An­bau im Fach­werk­stil an der Ost­seite in Auf­trag ge­ge­ben. In die­ser Zeit er­hielt das Ge­bäude auch den Na­men "Lan­ger Gott­frie­d". Ein wei­te­rer Ei­gentü­mer war ein ge­wis­ser Lüb­berts­mei­er. Er war be­kannt für seine zahl­rei­chen Pro­zes­se, die er we­gen Klei­nig­kei­ten an­strengte und re­gel­mäßig ver­lor. In­zwi­schen wa­ren im Um­kreis der Oer­ling­hau­ser Kir­che fünf Gast­wirt­schaf­ten und Krüge vor­han­den. Lüb­berts­meier wurde zah­lungs­un­fähig, und der Krug mit Bä­cke­rei wur­den 1859 ver­stei­gert. Die Kon­zes­sion für den Krug er­losch.

­Neue Ei­gentü­mer wur­den der Zi­gar­ren­fa­bri­kant Mo­ses Pa­ra­dies und sein Bru­der, der Kauf­mann Hei­ne­mann Pa­ra­dies. An­stelle des Lei­nen­han­dels stell­ten sie Zi­gar­ren- und Pfei­fen­ta­bak her und be­schäf­tig­ten auch Kin­der. Ei­ner von ih­nen war der elf­jäh­rige Fried­rich Blan­ke, der nach Schul­schluss für we­nig Geld dort ar­bei­te­te.

Ein An­bau zum Schnei­der­brink ver­größerte das Ge­bäu­de. Im Keller­ge­schoss ließ die recht große jü­di­sche Ge­meinde 1860 eine Mikwe ein­bau­en. Das Tauch­bad wurde von Frauen zur ri­tu­el­len Körper­rei­ni­gung be­nutzt. In ei­nem an­de­ren Raum be­fand sich bis 1892 die jü­di­sche Ele­men­tar­schu­le.

Nach dem Kon­kurs der Brü­der Pa­ra­dies er­warb der Kauf­mann Fried­rich Wis­ke­mann das Haus. Er be­lie­ferte mit sei­nem Pfer­de­ge­spann die Gast­wirt­schaf­ten mit al­ko­ho­li­schen Ge­trän­ken. Da er den Kel­ler­raum benötig­te, um Fäs­ser zu la­gern, konnte die Mikwe nicht mehr be­nutzt wer­den. "Ü­b­ri­gens wies eine noch im Jahr 2011 vor­han­dene Ver­tie­fung im Kel­ler­bo­den auf den Platz der Mikwe hin­", be­rich­tete Wer­ner Hölt­ke.

­Neue Ei­gentü­mer ka­men und gin­gen. Im Haus war zeit­wei­lig ein Fo­to­fach­ge­schäft un­ter­ge­bracht, hier wohn­ten die Fa­mi­lien ei­nes Zi­gar­ren­ma­chers, ei­nes Bild­hau­ers und ei­nes Schu­ma­chers, hat Höltke her­aus­ge­fun­den.

­Bei den Kampf­hand­lun­gen zu Os­tern 1945 er­litt das Haus nur ge­ringe Schä­den. "Als ein ame­ri­ka­ni­scher Pan­zer an­ge­schos­sen lie­gen blieb, ver­zö­gerte sich der Vor­stoß und die Ein­nahme von Oer­ling­hau­sen um ei­nige Stun­den", be­rich­tete Hölt­ke.

Nach­dem der "Lange Gott­frie­d" eine ge­wisse Zeit leer stand, ließ der neue Ei­gentü­mer das Ge­bäude in den Jah­ren 2011 und 2012 um­bau­en. Heute sind hier acht Miet­par­teien zu Hau­se.

vom 26.10.2013 | Ausgabe-Nr. 43B

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