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Mehr als Ackerbau und Viehzucht

Zwischen Handarbeit und Hightech – Landwirtschaft im 21. Jahrhundert

von Ka­ren Hans­meier

­Kreis Lippe . Wol­ken­los blauer Him­mel. Sonne satt. Auf aus­ge­dehn­ten grü­nen Wie­sen gra­sen schwarz­bunte Rind­vie­cher. Schweine suh­len sich in ei­ner Schlammpfütze während ne­benan Hüh­ner und Gänse schar­rend nach Kör­nern su­chen. Be­wacht von ei­nem ge­fleck­ten Misch­lings­hund, der, beäugt von ei­ner ge­ti­ger­ten Kat­ze, träge vor den Stu­fen zum Ein­gang des schmu­cken Bau­ern­ho­fes liegt. Den Bau­ern sieht man – wie soll es an­ders sein – in Gum­mis­tie­feln und aus­ge­beul­ter Latz­hose mit sei­nem klei­nen Trak­tor ü­ber die Feld­wege tu­ckern. Der­weil seine Frau in der hei­me­li­gen Küche Ku­chen­teig kne­tet. Idyl­lisch, fried­voll, glück­lich – sieht so das Bau­ern­le­ben aus­?

"Wohl nicht", weiß Die­ter Ha­ge­dorn, Vor­sit­zen­der des Lip­pi­schen Land­wirt­schaft­li­chen Haupt­ver­eins (LL­H­V). Auch dann nicht, wenn viele Bücher das Bild des Bau­ern noch im­mer in die­ser Weise dar­stel­len. Nur allzu oft wer­den ver­al­tete Pro­duk­ti­ons­wei­sen und Hal­tungs­for­men von Tie­ren ge­zeigt: "Und das, ob­wohl sich in kaum ei­nem an­de­ren Wirt­schafts­be­reich in Deutsch­land in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten der Struk­tur­wan­del in ei­nem sol­chen Maße voll­zo­gen hat wie in der Land­wirt­schaft."

Noch im­mer exis­tie­ren in der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung viele Kli­schees ü­ber den "­ty­pi­schen" Bau­ern. Was ist dran am land­läu­fi­gen Bild vom Land­le­ben? Wir fra­gen nach. Schauen hin. Denn darum soll es in der neuen Se­rie von Lippe ak­tu­ell ge­hen: um eine kor­rekte und zeit­gemäße, aber auch durch­aus kri­ti­sche Dar­stel­lung der mo­der­nen Land­wirt­schaft. Sie be­wusst ins Blick­feld zu rü­cken, ihre Be­deu­tung für die Ernährung auf­zu­zei­gen und für die Si­tua­tion der Bau­ern zu sen­si­bi­li­sie­ren.

­Fer­ner soll es darum ge­hen auf­zu­zei­gen, dass die Land­wirt­schaft ne­ben der Si­che­rung der Ernährung eine ent­schei­dende Rolle in der Ener­gie­ver­sor­gung spielt . Sie trägt zu­dem zum Kli­ma­schutz und zur Pflege un­se­rer bäu­er­lich ge­präg­ten Kul­tur­land­schaft bei. The­men wie "­bio­lo­gi­sche und kon­ven­tio­nelle Land­wirt­schaft", "­Land­schafts­ge­stal­tung und -pfle­ge", "­Be­wirt­schaf­tungs­auf­la­gen", "­Tech­ni­sie­rung", "er­neu­er­bare Ener­gien" und "re­ge­ne­ra­tive Roh­stof­fe" wer­den ebenso zur Spra­che kom­men wie Ü­ber­le­gun­gen zu den Ar­ten der Vieh­hal­tung oder dem ö­ko­lo­gi­schen An­bau als Bei­trag zur Ge­sund­heit und zum Na­tur­schutz. Und auch Vo­ka­beln wie "­Sub­ven­tion", "Quo­te" und "Re­for­men der EU-Agrar­po­li­tik " gehören in die­sen Kon­text. Ge­nauso wie der Blick auf die Land­wirt­schafts­po­li­tik im Zu­sam­men­hang mit Eu­ropa und der Welt.

Er ist an­spruchs­voll und viel­sei­tig – der Be­ruf des Land­wirts. Es gilt viele Auf­ga­ben und auch Auf­la­gen zu er­fül­len, um einen Hof er­folg­reich zu be­wirt­schaf­ten. Um einen Be­trieb ver­ant­wor­tungs­voll zu führen, be­darf es Köpf­chen und ei­ner sach­kun­di­gen Hand. Es gibt Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, die Ernte und Ein­kom­men be­tref­fen. Kauf­män­ni­sche und tech­ni­sche Ab­läu­fe, Kos­ten und Ein­nah­men sind ge­nauso im Blick zu be­hal­ten wie es gilt, Ge­schick in der Be­die­nung kom­pli­zier­ter Hight­ech­ma­schi­nen zu be­wei­sen und sich Fach­kennt­nisse bei de­ren Pflege an­zu­eig­nen. Und nicht zu­letzt braucht es eine gehö­rige Por­tion Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent. Die heu­tige Land­wirt­schaft ver­sorgt eine ste­tig wach­sende Welt­be­völ­ke­rung zu­ver­läs­sig mit kon­ven­tio­nel­len oder bio­lo­gisch er­zeug­ten Nah­rungs­mit­teln, nach­wach­sen­den Roh­stof­fen und Ener­gie. Längst sind Bau­ern zu mo­der­nen, um­welt­be­wuss­ten und gut aus­ge­bil­de­ten Un­ter­neh­mern ge­wor­den.

Je­den Tag es­sen wir Pro­dukte aus der hei­mi­schen Land­wirt­schaft. Be­die­nen uns im Su­per­markt ganz selbst­ver­ständ­lich ei­nes üp­pi­gen An­ge­bots aus Brot, Milch­pro­duk­ten, Fleisch, Gemüse oder Obst. Nur allzu oft ver­ges­sen wir, dass wir die Viel­falt und die Qua­lität der Pro­dukte der enor­men Ent­wick­lung der Land­wirt­schaft ver­dan­ken. Der Be­zug zwi­schen Le­bens­mit­tel und Er­zeu­gung ist vie­len Ver­brau­chern gar nicht mehr im Be­wusst­sein. Das Wis­sen um die Ab­läufe ver­lo­ren ge­gan­gen. Be­richte um Fut­ter­mit­tels­kan­dale oder un­rei­nes Fleisch, um Mas­sen­tier­hal­tung und Pflan­zen­schutz ho­len die Land­wirt­schaft in re­gel­mäßi­gen Ab­stän­den in den Fo­kus der Öf­fent­lich­keit, ver­un­si­chern und scha­den aber in vie­len Fäl­len eher als dass sie auf­klären.

53.517 Hektar land­wirt­schaft­lich ge­nutzte Fläche mit 892 land­wirt­schaft­li­chen Be­trie­ben gibt es in Lip­pe. 1987 wa­ren es noch 1747 Be­trie­be*. Ei­nige da­von wer­den wir Ih­nen in den kom­men­den Wo­chen vor­stel­len: Wir von Lippe ak­tu­ell be­glei­ten Land­wirte bei ih­rer täg­li­chen Ar­beit aufs Feld. Be­ge­ben uns auf eine Ex­pe­di­tion in den Kuh­stall, las­sen uns den kom­pli­zier­ten Me­cha­nis­mus ei­nes Mäh­dre­schers er­klären oder ge­hen Fra­gen nach wie der Zu­cker aus der Rübe kommt und was das Korn so wert­voll macht.

­Be­ruf(ung) Land­wirt. Ein All­tag im grü­nen Be­reich. 365 Tage im Jahr. Sie­ben Tage die Wo­che rund um die Uhr. Zu­pa­cken im Span­nungs­feld zwi­schen Welternährung und Res­sour­cen­schutz. Zwi­schen Fu­sio­nen, Spe­zia­li­sie­rung und Ver­mark­tung, Vor­schrif­ten und An­trags­wahn. Aber auch ein span­nen­der Ar­beits­be­reich mit vie­len Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten und ei­nem ho­hen Maß Ei­gen­ver­ant­wor­tung. Ein Be­rufs­bild im Wan­del, das nur we­nig ge­mein hat mit idyl­lisch-ro­man­ti­schen Vor­stel­lun­gen. Nichts für Agrar­ro­man­ti­ker. Das ist nun mal so.

(* Zah­len aus dem Jahr 2010)

vom 26.06.2013 | Ausgabe-Nr. 26A

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