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Textilhaus Engelke in Elbrinxen nach 81 Jahren seit dem 31. März geschlossen

Ernst Engelke: »Wir hatten einfach keine Chance mehr«

El­brin­xen (af­k). »Es war schon ein merk­wür­di­ges Ge­fühl, als ich heute mor­gen zum letz­ten Mal den Schlüs­sel an der La­dentür um­dreh­te, um zu öff­nen« – Elke Doughty vom Tex­til­haus En­gelke im Lüg­der Orts­teil El­brin­xen kann ihre Emo­tio­nen nur müh­sam ver­ber­gen, aber es ist zu spüren: Diese Ent­schei­dung der Fa­mi­lie En­gel­ke/­Dough­ty, das Tex­til- und Bet­ten­haus nach 81 Jah­ren zu schließen geht schon an die Nie­ren. Ernst En­gel­ke, der Va­ter von In­ha­be­rin Elke Dough­ty, sieht es sehr rea­lis­tisch: »­Seit 1992, als wir noch mal ein gu­tes Jahr hat­ten, ist es wirt­schaft­lich mit dem Ge­schäft ste­tig nur noch bergab ge­gan­gen. Das musste ir­gend­wann so kom­men, wie es jetzt ge­kom­men ist. Wir sind je­doch nicht die ein­zi­gen. Das ist zwar kein Trost, aber im Wett­be­werb auch mit den Dis­coun­tern kön­nen wir ein­fach nicht kon­kur­rie­ren.« Ende 2007 fiel die Fa­mi­lienent­schei­dung; am 2. Ja­nuar konnte es die El­brinxer Be­völ­ke­rung Schwarz auf Weiß im Schau­fens­ter le­sen: »Räu­mungs­ver­kauf we­gen Ge­schäfts­auf­ga­be«. »Viele ha­ben dar­auf scho­ckiert rea­gier­t«, be­rich­tet Elke Dough­ty. Die bei­den jah­re­lan­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen Ha­ge­meyer und Tan­lak ver­ließen das Ge­schäft, das in den letz­ten Wo­chen noch von Va­ter und Toch­ter auf­recht er­hal­ten wur­de. Am 31. März um 18 Uhr en­dete nun nicht nur ein Ka­pi­tel Fa­mi­lien- son­dern auch ein Stück Dorf­ge­schich­te.

1927 war das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in El­brin­xen durch Wil­helm En­gelke ge­grün­det wor­den. Die Welt­wirt­schafts­kri­se, der Zweite Welt­krieg, nach Kriegs­ende das Wirt­schaft­wun­der – der Be­trieb stellt sich auf die Her­aus­for­de­run­gen der Zeit ein. Was im­mer ge­blie­ben ist, ist der Dienst am Kun­den. »­Ser­vice«, wie man es heute aus­drückt, stand und steht bis jetzt ganz oben in der Fir­men­phi­lo­so­phie ganz oben an. Zum Bei­spiel such­ten früher Mit­ar­bei­ter Kun­den, die nicht ins Ge­schäft kom­men konn­ten, so­gar zu Hause auf. »Da­mals brach­ten Kun­den so­gar ihr ei­ge­nes Strick­garn mit­«, er­in­nert sich Ernst En­gel­ke. Später wurde es zu güns­ti­ge­ren Kon­di­tio­nen ü­ber einen Tex­ti­lein­kaufs­ver­bund ein­ge­kauft. Der ist in­zwi­schen selbst ein­ge­gan­gen. Mit dem Ge­spür für die Be­dürf­nisse der Be­völ­ke­rung ge­lang es der Fa­mi­lie, das Tex­til­wa­ren­sor­ti­ment im­mer dem Be­darf an­zu­pas­sen. So er­wei­terte man das An­ge­bot zum Bei­spiel um einen Bet­ten- und eine Gar­di­nen­ab­tei­lung und er­lebte durch­aus auch wirt­schaft­lich ro­sige Zei­ten.

1997 ü­ber­nahm Toch­ter Elke als Ein­zel­han­dels­kauf­frau in der drit­ten Ge­ne­ra­tion das Ge­schäft. In den Ge­schäfts­räu­men wurde eine Kin­der­ab­tei­lung eröff­net. Nicht zu­letzt auch beim tra­di­tio­nel­len Mar­tini-Markt Ende Ok­to­ber war das Tex­til­haus En­gelke mit sei­nen Ak­tio­nen stets eine be­son­dere Adresse – ein fest in­te­grier­ter Be­stand­teil des 1.400-Ein­woh­ner-Dor­fes. Das ist nun Ge­schich­te. Die Struk­tur­ver­än­de­run­gen nicht nur im Dorf El­brin­xen for­dern ih­ren Tri­but: Kaum ha­ben in den Dör­fern kleine Ge­schäfte noch eine Chance zum Ü­ber­le­ben. »Un­sere Kun­den ster­ben uns weg«, stellt Elke Doughty mit ei­ner Mi­schung aus Re­si­gna­tion und der rea­lis­ti­schen Er­kennt­nis fest, an die­ser Ent­wick­lung selbst nichts ver­än­dern zu kön­nen. Junge Men­schen ar­bei­ten nicht mehr im Dorf son­dern außer­halb, fah­ren ge­zielt die Ver­brau­cher­märkte an und fin­den dann dort auch die Kin­der-Jeans, die Handtücher, die Bett- und Un­ter­wä­sche, die sie auch im Dorf bei En­gel­kes fin­den könn­ten. »Ich kann’s ver­ste­hen: Die Leute ach­ten mehr auf den nied­ri­gen Preis als auf die Qua­lität, auch wenn sie die bil­li­gen Sa­chen schon bald weg­wer­fen«, sieht Ernst En­gelke die Si­tua­tion.

Das 160 Qua­drat­me­ter große La­den­lo­kal mit ei­ge­nem Park­platz, di­rekt an der El­brinxer Durch­gangs­straße ge­le­gen, steht ab dem 1. April leer – In­ter­es­sen­ten sind gern ge­se­hen und kön­nen sich je­der­zeit un­ter 05283/519 mel­den. »­Zu­erst werde ich den­ken, dass es wie Ur­laub ist, wenn ich nicht mehr mor­gens pünkt­lich die Tür auf­sch­ließe«, er­war­tet Elke Dough­ty, die nun al­les dar­an­setzt, die Ge­schäfts­räume mög­lichst bald wie­der zu ver­mie­ten, denn die Un­ter­hal­tungs­kos­ten für die Räume lau­fen nach wie vor wei­ter. Ihr Mann Roy, selbstän­dig in der Com­pu­ter-Bran­che, wird ein tra­di­tio­nel­les En­gelke-Fir­men­stand­bein, die Bet­ten­rei­ni­gung, wei­ter be­trei­ben; der Be­darf scheint noch vor­han­den. Va­ter Ernst, auch am letz­ten Ge­schäfts­tag wie im­mer stets kor­rekt ganz im Stil ei­nes Ge­schäfts­manns al­ter Schule ge­klei­det, be­rei­tet sich dar­auf vor, sei­nem per­sön­li­chen künst­le­ri­schen Hob­by, der Ü­ber­tra­gung von Tex­ten in die alte Süt­ter­lin-Schrift, nun ver­stärkt nach­zu­ge­hen. Elke Dough­ty, Mut­ter von drei Kin­dern, will sich be­ruf­lich neu ori­en­tie­ren. »Nur nie wie­der im Tex­til­han­del«, ver­si­chert die Ein­zel­han­dels­kauf­frau.

­Ernst En­gelke hatte die Ü­ber­schrift zu sei­ner Do­ku­men­ta­tion zur Fir­men­ge­schichte aus An­lass des 75-jäh­ri­gen Ju­biläums 2002 so for­mu­liert: »Das ein­zig Bestän­dige ist der Wan­del«.

vom 02.04.2008 | Ausgabe-Nr. 14A

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