LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Der Weihnachtshimmel über Turin

Alle Jahre wie­der der Wunsch nach per­fek­ten Weih­nach­ten! Alle Jahre wie­der bringt aber lei­der die­ser Wunsch of­fen­sicht­lich auch so­fort Stress in un­se­ren vor­weih­nacht­li­chen All­tag. Je näher das Fest der Feste rückt, de­sto in­ten­si­ver krei­sen die Ge­dan­ken und Pla­nun­gen um je­nen Tag im De­zem­ber. Er soll, er muss per­fekt sein die­ser Tag!

Nur was be­schert uns denn ein per­fek­tes Weih­nachts­fest? Gibt es das ü­ber­haupt und hat Weih­nach­ten grundsätz­lich noch einen Sinn? Ei­nige be­ant­wor­ten diese Frage durch Re­li­gio­sität und Glau­ben wei­test­ge­hend schnell. An­dere fra­gen sich wei­ter­hin. Im hin­te­ren Stüb­chen der Ideal­vor­stel­lung kei­men sie dann, jene Be­griffe wie fa­mi­liäre Nähe, Be­sinn­lich­keit, Ru­he. Kind­heits­er­in­ne­run­gen kom­men auf, da­mals be­scherte die Weih­nachts­zeit Plätz­chen­ba­cken und einen Ad­vents­kranz.

Neu­er­dings in­for­miert uns pflicht­be­wusst der Han­del ü­ber das "­per­fek­te" Weih­nach­ten. Weit vor De­zem­ber zei­gen die Aus­la­gen der Ge­schäf­te, was in die­sem Jahr un­be­dingt noch fehlt, um das Fest wei­ter zu op­ti­mie­ren. Die Be­schäf­ti­gung mit Weih­nachts­ge­bäck, pas­sen­der Deko und dem adäqua­ten Weih­nachts-Out­fit ü­ber­fällt uns un­ver­hofft bei noch som­mer­li­chen Außen­tem­pe­ra­tu­ren. Spe­ku­la­tius und Do­mi­no­steine ha­ben da­durch schon weit vor Weih­nach­ten den Ret­tungs­ring in der Bauch­re­gion an­schwel­len las­sen, nicht aber die Vor­freu­de.

­Kurz vor Weih­nach­ten ge­ben wir uns dem Kauf­rausch hin. Hek­tik in der Vor­weih­nachts­zeit gehört ir­gend­wie doch da­zu. Im­mer­hin er­war­ten "all die Lie­ben", wenn­gleich man sie ü­ber das Jahr gar nicht so hätte be­zeich­nen wol­len, ein Ge­schenk. Möge die zigste Kra­watte oder der neue Groß­bild­fern­se­her un­ter dem Christ­baum die Ant­wort auf die Weih­nachts­frage brin­gen. Alle su­chen kau­fend, kei­ner scheint zu fin­den. Viel­leicht weil das An­ge­bot ein­fach nicht der Nach­frage ent­spricht? Die Su­che nach ei­nem schö­nen Weih­nach­ten fin­det sich schlicht­weg nicht im Su­per­markt­re­gal. Ich per­sön­lich ent­deckte mein per­fek­tes Weih­nachts­ge­heim­nis wo­an­ders, ganz ü­ber­ra­schend vor ei­ni­gen Jah­ren im nor­di­ta­lie­ni­schen Tu­rin. Seit­dem su­che ich nicht mehr.

Es war we­ni­ger die Tat­sa­che, dass ich die Si­tua­tion als Mu­si­ker ge­noss. Noch we­ni­ger, dass sich Brahms ge­gen die mu­si­ka­lisch kit­schige Weih­nachts­s­tim­mung stell­te, als viel­mehr die Ru­he, die auf dem Platz un­ter der kunst­vol­len Weih­nachts­be­leuch­tung herrsch­te. Diese Stil­le, sie ver­folgt mich bis heu­te. Der Ne­bel schaffte es, je­den Laut und je­des Stress­mo­ment der Stadt zu schlu­cken. Ich konnte plötz­lich un­mit­tel­bar die Stille und die di­rekte zwi­schen­mensch­li­che An­spra­che er­le­ben, die uns all­täg­lich ü­ber­all ge­raubt wird. Auch außer­halb Ita­li­ens. Ob Han­dy­klin­geln, die un­aus­weich­li­che An­wei­sun­gen des Na­vi­ga­ti­ons­gerätes, Getöse durch I-Pod, Ra­dio, Fern­se­hen, ja so­gar die Wasch­ma­schine speit Tö­ne, um ihr Ar­beitsende zu kom­mu­ni­zie­ren. Die Tech­nik tönt von ü­ber­all zu uns herü­ber, Ma­schi­nen spre­chen mit uns. Da­bei schei­nen al­ler­dings un­sere ei­ge­nen, mensch­li­chen Töne ab­zu­neh­men. Wir ver­stän­di­gen uns lie­ber ü­ber ton­lose SMS, Text­nach­rich­ten via Twit­ter oder Fa­ce­book. Viel­leicht ist das das Weih­nachts­ge­heim­nis: Zeit für ge­mein­sa­mes Kom­mu­ni­zie­ren, re­den oder mu­si­zie­ren, ohne Tech­nik oder ein­fach nur Stille – ein­mal, alle Jahre wie­der.

(­Ve­ne­zia Frö­scher)

vom 22.12.2012 | Ausgabe-Nr. 51B

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten