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Klingendes Denken und Fühlen

Nicholas Angelich eröffnet Meisterkonzertsaison 2012/13

Det­mold (k­h). Ir­gend­wie ist er kau­zig, die­ser Kerl. Die Tür zum Po­dium schwingt auf, Ni­cho­las An­ge­lich er­scheint auf der Schwel­le. Der ge­wohnte An­fang ei­nes Kla­vier­abends. So ge­wohnt, dass man ihn oft gar nicht Be­wusst­sein wahr­nimmt. Dies­mal schon. Wie viele Me­ter sind es bis zum Flü­gel? Wie viele Schritte dau­ert der Weg vom Büh­nen­rand bis zur Mit­te?

Es gibt Pia­nis­ten, die schei­nen die­sen Auf­tritt zu ge­nießen. Die gerne ins Schein­wer­fer­licht tre­ten und un­ter den Au­gen des Pu­bli­kums freu­dig dem schwar­zen Stein­way ent­ge­gen­ge­hen. Ni­cho­las An­ge­lich gehört nicht zu ih­nen.

Ohne auf­zu­bli­cken, den Kopf be­harr­lich ge­senkt, schlurft er schlep­pen­den Schrit­tes ü­ber das po­lierte Par­kett. Lässt sich auf dem Kla­vier­sche­mel nie­der und be­ginnt fast so­fort zu spie­len. Eben noch ein bei­nahe schwer­fäl­li­ger Mann, lässt er nun un­ter sei­nen Fin­gern fi­li­gran Ak­korde er­wa­chen.

Zwei der zwei­und­dreißig Kla­vier­so­na­ten von Lud­wig van Beetho­ven hat der Pia­nist in den Mit­tel­punkt sei­nes Kon­zertabends ge­stellt. Des­sen frühe, die so­ge­nannte "klei­ne", aber kei­nes­wegs leichte So­nate c-Moll op. 10 Nr. 1, so­wie die letzte von Beetho­ven kom­po­nierte So­nate für Kla­vier: Sein "­So­na­ten-Tes­ta­ment", das Opus 111, eben­falls in der "­Schick­salston­ar­t" c-Moll. Frühes und spätes c-Moll al­so. Was ist nicht schon al­les ü­ber und zu den So­na­ten des Bon­ner Jahr­tau­send­ge­nies ge­schrie­ben, ge­sagt, in­ter­pre­tiert, ver­gli­chen und ge­strit­ten wor­den. Künst­ler, Kri­ti­ker, Stil­kund­ler, Mu­sik­wis­sen­schaft­ler, Schlau­ber­ger – sie alle ha­ben nicht an Wor­ten und Deu­tun­gen ge­spart. Sei­ten fül­lend. Bücher spren­gend. Und auch der In­ter­pre­ta­tio­nen gibt es vie­le. Berühren­de, mit­reißen­de, an­re­gen­de, po­la­ri­sie­ren­de. Im Kon­zert­saal ge­spielt oder klang­kon­ser­viert von Tas­ten­ta­len­ten wie Ho­ro­witz, Ru­bin­stein, Bren­del, Gould, Schiff.

Kann man sich als Pia­nist aus der Ü­ber­fülle de­rer her­aus­he­ben, die sich da im Hai­fisch­be­cken des Klas­sik-Mu­sik­be­trie­bes tum­meln? Muss man es ü­ber­haupt? Und – Hand aufs Herz – muss man sich als Hö­rer mit die­sem Ü­be­r­an­ge­bot in­ten­siv be­fas­sen? Muss man ana­ly­sie­ren? Muss man wis­sen, wo­durch sich "Piano-Ti­tan I" von "Tas­ten­löwe II" in der Masse der In­ter­pre­ta­tio­nen un­ter­schei­det?

Mal ehr­lich. Warum nicht ein­fach Platz neh­men, die Hände in den Schoß le­gen, den Kopf frei ma­chen und die Ge­dan­ken weit? Und hören. Hin­hören. Zuhören. Dem einen, der da auf dem Po­dium spielt. Ein­fach je­nem zuhören, je­nen be­wusst wahr­neh­men, der in die­sem Au­gen­blick vor dem Flü­gel Platz ge­nom­men hat und spielt wie kein an­de­rer, son­dern nur wie er selbst. Ge­nau so, wie es für ihn rich­tig ist. Mit lo­gi­schem Den­ken und in­tui­ti­vem Fühlen. Und dann Zuhören und Hin­hören. Sich nicht mit Ur­tei­len und Ver­glei­chen den man­nig­fa­chen Mei­nun­gen ü­ber­las­sen. Hören, das vom ei­ge­nen Den­ken be­glei­tet wird. Von Emo­tio­nen. Und Be­grei­fen. Ni­cho­las An­ge­lich fin­det sei­nen per­sön­li­chen Weg durch die Beetho­ven­schen Her­aus­for­de­run­gen. An Tech­nik denkt man da­bei zu kei­ner Se­kun­de. An­ge­lich de­mons­triert seine in­di­vi­du­elle Les­art und gibt diese Bot­schaft an sein Pu­bli­kum wei­ter. Fin­det eine ganz ei­gene Qua­lität und lässt mit je­dem Tas­ten­druck No­ten zu ver­blüf­fen­den Ton­fol­gen wer­den. Ein­zig­ar­tig. Nicht noch ein­mal so wie­der­hol­bar. Beetho­vens frühe, fast kam­mer­mu­si­ka­li­sche So­nate op. 10 steht an die­sem Abend dem End­punkt des­sen un­ver­gleich­lich rei­chen So­na­ten­schaf­fens ge­genü­ber. Ei­ner Kla­vier­so­na­te, un­kon­ven­tio­nell, ex­pe­ri­men­tell, von ei­ner Dichte und Kom­pro­miss­lo­sig­keit, in ih­rem per­sön­li­chen Aus­druck die klas­si­sche Form spren­gend. Mu­sik, die ihr hüb­sches Kleid­chen ab­legt und sich un­ge­bän­digt zeigt. Von ek­sta­tisch bis in­nig, von tem­pe­ra­ment­voll bis kon­tem­pla­tiv reicht die Klang­pa­let­te. Auf­schwünge vol­ler Ener­gie, be­schau­li­che Aus­bli­cke – es ist ein gan­zes Le­ben­span­ora­ma, das Ni­cho­las An­ge­lich den schwar­zen und weißen Tas­ten ent­lockt. Mit dif­fe­ren­zier­ter An­schlags­kul­tur er­weckt er einen tief emo­tio­na­len Kos­mos zum Le­ben. Wer ihn hör­bar ma­chen will, muss sich zurück­zu­neh­men wis­sen. Und trotz­dem ü­ber­zeu­gen. Auch wenn Ni­cho­las An­ge­lich im ers­ten Au­gen­blick nicht ele­gant oder kan­ta­bel wirkt, viel­leicht so­gar allzu sehr in sich ge­kehrt – was zu hören ist und zu spüren, ist wohl­pro­por­tio­niert. Im zwei­ten Teil des Abends: Ser­gej Rach­ma­ni­noffs "Étu­des-Ta­bleaux" op. 39. "­Bil­der-Etü­den", Meis­ter­werke der Klein­form in der Kla­vier­mu­sik, die fan­ta­sie­voll die Vir­tuo­sität der Kon­zer­tetüde mit der bild­haft in­spi­rier­ten Ton­dich­tung ver­ei­nen. Mit höchs­ter Sen­si­bi­lität sei­ner of­fen­bar un­fehl­ba­ren Fin­ger spürt An­ge­lich der enor­men Sug­ge­s­tiv­kraft der Stim­mungs­bil­der nach. Be­ein­druckt auch hier durch die Band­breite mu­si­ka­lisch aus­ge­drück­ter Emo­tio­nen. Bald kraft­voll, bald träu­me­risch formt er Klän­ge. So ge­schmei­dig als knete er Ton, gibt er nicht nur Tö­nen, son­dern auch der Stille Ge­stalt. Zuhören. Hin­hören. Emp­fin­den. Nach­spüren. Und am Ende ap­plau­die­ren. Ei­nem Mann, der – nach­dem er sein Pu­bli­kum ein Stück weit in seine in­nere Welt hat schauen las­sen – schließ­lich doch einen Blick in den Saal hin­aus ris­kiert.

vom 20.10.2012 | Ausgabe-Nr. 42B

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