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Bittersüße Komik und großartiges Schauspiel

Lachtränen flossen - »Der dressierte Mann« im Kur- und Stadtheater Bad Salzuflen

Bad Sal­zu­flen (a­me). Wer im Kur- und Stadt­thea­ter Bad Sal­zu­flen zur Eröff­nung der neuen Sai­son in der städ­ti­schen Reihe "­Bou­le­vard­thea­ter" kam, konnte nicht ah­nen, dass er gut daran ge­tan hät­te, jede Menge Ta­schentücher da­bei zu ha­ben. Nicht al­lein, weil John von Düf­fels Stück »­Der dres­sierte Mann« das zum Heu­len und Zäh­ne­klap­pern an­re­gende ge­sell­schaft­li­che Pro­blem der Ge­schlech­terkämpfe the­ma­ti­sier­te, son­dern auch we­gen der Ströme von Lachträ­nen, die ver­gos­sen wur­den. Das Pu­bli­kum juchzte vor Ver­gnü­gen. Con­te­nance? Fehl­an­zei­ge.

So­gar die auf den Arm ge­nom­me­nen und bis zur See­krank­heit ver­schau­kel­ten Män­ner hat­ten ihr Ver­gnü­gen. Da­bei tän­zel­ten die Dia­loge zwi­schen hin­reißend ko­mi­schen Gags und zum Nach­den­ken ani­mie­ren­den Poin­ten mit ei­ner Leich­tig­keit hin und her, als gälte es le­dig­lich aus dem Är­mel Ge­schüt­tel­tes zu prä­sen­tie­ren. Da­bei hat das Stück es je­doch "faust­dick hin­ter den Oh­ren". Das muss John von Düf­fel erst ein­mal je­mand nach­ma­chen: Ein Bou­le­vard­stück mit Tief­gang. Welch eine Her­aus­for­de­rung und wie glän­zend in­sze­niert! Das Stück be­gann recht harm­los: Aus­ge­rech­net an dem Abend, als Bas­tian seine Freun­din mit ei­nem selbst zu­be­rei­te­ten Fünf-Sterne-Candle-Light-Din­ner und dem Ver­lo­bungs­ring da­heim er­war­tet, kommt He­len (Mar­tina Däh­ne) et­was später von der Ar­beit und trumpft mit ei­ner Ü­ber­ra­schung auf, die Bas­tian (Ste­phan Schle­ber­ger) schwer trifft. Der Chef hat He­len den Job als Chief Exe­cu­tive Of­fi­cer an­ge­bo­ten, auf den Bas­tian selbst ins­ge­heim spe­ku­liert hat­te. Statt Ro­man­tik gibt es jetzt eine hand­feste Be­zie­hungs­kri­se, denn wel­cher Mann er­trägt es schon, wenn die Part­ne­rin auf der Kar­rie­re­lei­ter an ihm vor­bei­zieht? Die Lie­bes­nacht wird zum De­sas­ter, doch He­len steckt sich un­gerührt den Ring an den Fin­ger und fühlt sich schwer ver­lobt. Bas­tian aber tritt den Rück­zug an. So­gar mit Al­ko­hol als Treib­mit­tel, was zu ei­ner Szene führt, in der man Ste­phan Schle­ber­ger für seine schau­spie­le­ri­sche Meis­ter­leis­tung lo­ben muss. Viele kön­nen einen An­ge­trun­ke­nen spie­len, aber einen, der so gol­dig ist und so lie­bens­wert, der im Pu­bli­kum Mut­ter­ge­fühle pro­vo­ziert und ein­fach zum Klauen wirkt? Das war ein­zig­ar­tig. He­len sucht Hilfe bei ih­rer Mut­ter und der Schwie­ger­mut­ter in spe. Da gerät sie an die Rich­ti­gen: Mut­ter Kon­stanze En­gel­brecht (Ka­rin Dor) und Bas­tians Mut­ter Dr. Eli­sa­beth Schrö­der-Rö­der (Ma­ri­anne Ro­gée) be­wei­sen die Qua­dra­tur des Krei­se: Die eine (Ka­rin Dor) be­rech­nende Zahn­arzt­gat­tin in drit­ter Ehe, die an­dere män­ner­feind­lich bis ins Mark. Ge­gensätz­li­cher geht’s nim­mer. Und doch ist ihr Ziel ex­akt das­sel­be: Den Mann für ei­gene In­ter­es­sen vor den Kar­ren span­nen. Dazu ist je­des Mit­tel recht. »Hah, auh, joi, oh­h«, säu­selt die re­so­lute He­len plötz­lich mit Piep­se­stimm­chen und ver­sucht Bas­tian mit dem Lasso des Kind­chen­sche­mas wie­der ein­zu­fan­gen. Sie geht shop­pen bis zur Ek­sta­se, stylt sich wie ein Zir­kus­pferd und ist be­reit ih­ren Traum-Job dem Zukünf­ti­gen ab­zu­tre­ten. Ja, sie ist so­gar wil­lig, eine Schwan­ger­schaft vor­zutäu­schen, nur um Bas­tian ins ehe­li­che Körb­chen zu zwin­gen.

Als sie merkt, dass sie tatsäch­lich schwan­ger ist, ist sie dop­pelt mo­ti­viert. Doch Bas­tian ist nicht doof. Er dreht den Spieß um, pu­dert ihr das Nä­schen mit un­schlag­ba­ren Ar­gu­men­ten aus der Frau­en­be­we­gung und avan­ciert flugs zum Haus­mann und Full­time-Va­ter. Das Ende der Ge­schichte ist bit­ter­süß: Bas­tian hat, was er will. Aber nun zahlt er eben ge­nau den Preis, den sonst die Frauen zah­len: Das Ende sei­ner Un­ab­hän­gig­keit.

Die dank­barste Rolle des Abend spielte si­cher­lich Ste­phan Schle­ber­ger, doch seine Kol­le­gin­nen spiel­ten ihre Rol­len eben­falls so au­then­tisch, dass man Spiel und Spaß im­mer wie­der ver­ges­sen konnte und das Thema Ge­schlech­ter­kampf trotz al­ler Ko­mik nicht ver­nied­licht wur­de. Cha­peau für die Künst­ler und Hoch­ach­tung für ein Stück, das viel mehr bie­tet als Un­ter­hal­tung. Mö­gen Esther Vilar und Alice Schwar­zer vor 40 Jah­ren die Kral­len ge­gen­ein­an­der aus­ge­fah­ren ha­ben, das Stück leis­tet, was Thea­ter in sei­nem Ur­sprung leis­te­te: Ge­sell­schafts­kri­tik – durch­aus zeit­gemäß. Aber un­end­lich lie­bens­wert ver­packt.

vom 13.10.2012 | Ausgabe-Nr. 41B

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