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Clownerie, gepaart mit Virtuosität

Wiener Bläserseptett »Mnozil Brass« im Sommertheater

Det­mold (ks). Haste da noch Tö­ne? Sol­che oder ähn­li­che Fra­gen sah man den vom Hör­ge­nuss förm­lich ü­ber­wäl­tig­ten Kon­zert­be­su­chern förm­lich ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Und die Frage darf ru­hig so platt ge­stellt wer­den, da das ös­ter­rei­chi­sche En­sem­ble "M­no­zil Brass" seine selbst höchste Er­war­tun­gen ü­ber­tref­fen­den Mu­sikd­ar­bie­tun­gen im Som­mer­thea­ter in ei­ner zwar sorg­sam ein­stu­dier­ten, aber den­noch flap­sig lo­cker da­her­kom­men­den Büh­nen­per­for­mance dar­bot.

Die sie­ben Blech­blä­ser aus Wien (drei Trom­pe­ten, drei Po­sau­nen, eine Tu­ba), die sich während des Stu­di­ums an der dor­ti­gen Uni­ver­sität für Mu­sik re­gel­mäßig zum Mu­si­kan­ten-Stamm­tisch in der Gast­wirt­schaft "M­no­zil" tra­fen, bil­de­ten 1992 aus die­ser lo­cke­ren Spie­le­rei eine feste For­ma­tion. Da­bei wuss­ten sie, bei al­ler Strenge hin­sicht­lich mu­si­ka­li­scher Per­fek­tion, ih­ren jun­gen­haf­ten Drang nach un­kon­ven­tio­nel­ler Prä­sen­ta­tion auch in späte­ren Jah­ren zu be­wah­ren. Ur­sprüng­lich ent­stan­den aus dem ju­gend­li­chen Be­dürf­nis her­aus, die eta­blierte Welt der klas­si­schen Mu­sik­lieb­ha­ber mit irr­wit­zi­gen spon­ta­nen Ak­tio­nen vor den Kopf zu stoßen, trei­ben die ge­fei­er­ten Mu­si­ker, als mo­derne Till Eu­len­spie­gel, wei­ter­hin er­folg­reich Scha­ber­nack mit den allzu mensch­li­chen Schwächen der Men­schen.

Unü­ber­treff­lich zum Bei­spiel ist der Auf­tritt des Tuba-Vir­tuo­sen Wil­fried Brand­stöt­ter. Die­ser Mann mit dem ab­ge­bro­che­nen Stu­dium der Land­wirt­schaft, der mit sei­nem rie­si­gen In­stru­ment quasi das Ge­genstück bil­det zu dem welt­berühm­ten Mu­sik-Clown Grock, der ja be­kannt­lich auf der kleins­ten Vio­line seine Bra­vour­stück­chen voll­brach­te, spielt mi­misch per­fekt die Rolle des et­was un­ge­lenk im Ram­pen­licht ste­hen­den, das Pu­bli­kum zag­haft um An­er­ken­nung er­su­chen­den So­lis­ten.

Seine ihn mu­si­ka­lisch be­glei­ten­den Kol­le­gen agie­ren da­bei be­wusst als Stören­friede im Büh­nen­hin­ter­grund, teils ge­lang­weilt, teils miss­mu­tig, un­kon­zen­triert oder ab­ge­lenkt. Ei­ner liest Zei­tung, ein an­de­rer bas­telt un­ge­schickt an sei­nem No­tenstän­der her­um. Am Ende hat er alle Teile so kom­plett ver­bo­gen, dass nur noch ein un­ent­wirr­ba­res Knäuel aus Me­tall­tei­len zurück­bleibt. Ein drit­ter neckt sei­nen Nach­barn, in­dem er stän­dig des­sen No­ten­blät­ter vom Pult reißt. Bei all dem ver­wir­ren­den Ak­tio­nis­mus ist – ü­beraus ge­nial! – nicht eine ein­zige Un­ter­bre­chung in der kon­trast­reich ru­hig dar­ge­bo­te­nen mu­si­ka­li­schen Un­ter­ma­lung des So­los wahr­nehm­bar.

Es ist an die­ser Stelle un­mög­lich, all die vie­len komö­di­an­ti­schen Ein­la­gen dar­zu­stel­len, mit de­nen das mu­si­ka­li­sche Pro­gramm auf­ge­lo­ckert wird. Der für die Ös­ter­rei­cher so ty­pi­sche "­kohl­ra­ben­schwar­ze" Hu­mor ist je­doch nie­mals zu ü­ber­se­hen.

An­ge­sichts der Schil­de­rung des au­gen­fäl­li­gen Büh­nen­spek­ta­kels droht die Wür­di­gung der Qua­lität der mu­si­ka­li­schen Dar­bie­tung in den Hin­ter­grund zu tre­ten. Dass die sym­pa­thi­schen Ak­teure in ers­ter Li­nie hoch­karätige Kön­ner auf ih­rem In­stru­ment sind, kann an­ge­sichts der Ab­sur­ditäten auf der Bühne leicht ü­ber­se­hen wer­den. So man­che Stimme aus dem Pu­bli­kum äußerte sich zu­tiefst be­ein­druckt von der spie­le­ri­schen Leich­tig­keit, mit der die Mu­si­ker selbst schwie­rigste Pas­sa­gen in schwin­del­er­re­gen­der Schnel­lig­keit be­wäl­ti­gen. Trotz der Vir­tuo­sität je­des Ein­zel­nen steht das En­sem­ble-Spiel im­mer klar im Vor­der­grund. Mal klin­gen sie großor­che­s­tral, breit und mäch­tig, mal zart oder nur ge­haucht, mal tem­po­reich, Me­lo­die­fet­zen, die von ei­nem zum an­dern ü­ber­sprin­gen ...

Als Aus­klang und für das große Fi­nale ha­ben die Mu­si­ker mit dem un­wi­der­steh­li­chen Hang zum Kla­mauk ü­b­ri­gens aber­mals eine Kom­po­si­tion ei­nes berühm­ten Wie­ner Meis­ters aus­ge­wählt, ei­nes früh nach Ame­rika aus­ge­wan­der­ten, spät wie­der heim­ge­kehr­ten, lei­der schon 2007 ver­stor­be­nen, her­vor­ra­gen­den Jazz-Mu­si­kers, Kom­po­si­teurs, Ar­ran­geurs und Band­lea­ders – ge­meint ist der ge­bür­tige Wie­ner "­Joe" Za­wi­nul, und die mit viel Pepp ge­spielte Kom­po­si­tion ist das in­zwi­schen zum Welthit avan­cierte "­Bird­lan­d".

Da die Menge nach Be­en­di­gung die­ses Stückes vor Be­geis­te­rung tobt, sind sich die lie­bens­wür­di­gen Mu­si­ker nicht zu scha­de, noch fünf (!) wei­tere "Sch­man­ker­l" als Zu­ga­ben zu ver­ab­rei­chen.

vom 08.09.2012 | Ausgabe-Nr. 36B

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