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Einer der letzten Zeitzeugen

Sir Hans Kornberg ist im historischen Rathaus empfangen worden

 

Bad Sal­zu­flen (go). Un­ter der Ru­brik "Söhne und Töch­ter der Stadt Bad Sal­zu­flen" ste­hen bei Wi­ki­pe­dia un­ter an­de­ren Korl Bie­ge­mann, Ru­dolph Bran­des oder die Mu­si­ker Frank Be­ge­mann und Ber­na­dette La Hengst. Al­ler­dings gibt es kei­nen Hin­weis auf Hans-Leo Korn­berg, rich­ti­ger Sir Hans-Leo Korn­berg. Der 84-jäh­rige Bio­che­mi­ker ist Pro­fes­sor an der Uni in Bo­ston/U­SA, nach­dem er jahr­zehn­te­lang in Ox­ford und Cam­bridge ge­lehrt hat. Ge­bo­ren ist Korn­berg, der 1978 für seine wis­sen­schaft­li­chen Ver­dienste so­gar in den Adels­stand er­ho­ben wur­de, im Ja­nuar 1928 in Bad Sal­zu­flen. Als Sohn jü­di­scher El­tern konnte er 1939 zu ei­nem On­kel nach Yorks­hire vor dem Na­zi­ter­ror flüch­ten. Nun be­suchte Sir Hans-Leo Korn­berg nach 73 Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der seine Ge­burts­stadt. Für ihn uns seine Frau Lady Donna Korn­berg gab es einen Emp­fang im his­to­ri­schen Rat­haus.

Den Stein ins Rol­len ge­bracht ha­ben im wahrs­ten Sinne des Wor­tes die im No­vem­ber 2010 ver­leg­ten Stol­per­steine für sei­nen Va­ter Max Korn­berg und des­sen zweite Frau Selma Korn­berg vor dem Haus Wen­ken­straße 5 (heute Ho­tel "Klei­ner Grü­nau­er"), dem Ge­burts­haus Hans Korn­bergs. Mit ei­ner Post­karte an Bür­ger­meis­ter Dr. Wolf­gang Hons­dorf hat sich Hans Korn­berg bei der Stadt Bad Sal­zu­flen und bei den Bür­gern der Stadt für die Er­in­ne­rungs­steine für sei­nen Va­ter und seine Stief­mut­ter be­dankt. "Ich freue mich, dass die Bad Sal­zu­fler Mit­bür­ger uns nicht ver­ges­sen ha­ben", wie­der­holte er per­sön­lich beim Emp­fang im Rat­haus und be­dankte sich gleich­zei­tig für die Ein­la­dung nach Bad Sal­zu­flen. Mit bri­ti­schem Un­der­state­ment meinte er, "­sein Deutsch sei ein­ge­ros­tet". Tatsäch­lich war es per­fekt. Viele Er­in­ne­run­gen seien seit sei­nem Be­such in Sal­zu­flen hoch­ge­kom­men. So, wie er am 10. Ja­nuar 1939, vier Tage vor sei­nem 11. Ge­burts­tag in Bad Sal­zu­flen in den Zug stieg und sei­nen El­tern zu­wink­te. Er hatte da­mals nicht ge­dacht, dass er sie dort am Bahn­steig das letzte Mal in sei­nem Le­ben se­hen soll­te. Auch sie woll­ten flüch­ten. Sie hat­ten Aus­rei­se­pa­piere für den 4. Sep­tem­ber 1939; aber der Kriegs­aus­bruch machte die Flucht un­mög­lich. Die El­tern wur­den zunächst im Juni 1939 mit an­de­ren jü­di­schen Fa­mi­lien im Haus in der Lan­gen Straße 41 (Haus Ober­meyer) zwangs­weise un­ter­ge­bracht. 1942 wur­den sie ins War­schauer Ghetto de­por­tiert. Max Korn­berg wurde 1943 im Zwangs­ar­beits­la­ger Traw­niki er­schos­sen, Selma Korn­berg kam im Ver­nich­tungs­la­ger Treb­linka um.

VHS-Di­rek­tor Franz Meyer, der be­reits seit ei­nem Jahr in re­gem E-Mail-Aus­tausch mit Hans-Leo Korn­berg steht, re­fe­rierte vor den rund 30 An­we­sen­den ü­ber die Zeit des Na­zi­ter­rors in Bad Sal­zu­flen. 63 jü­di­sche Fa­mi­lien gab es in Bad Sal­zu­flen und Schöt­mar. Von ih­nen ist Hans-Leo Korn­berg ei­ner der letz­ten le­ben­den Zeit­zeu­gen. Sein Großva­ter, Sa­lo­mon Sil­ber­bach, war als Vor­ste­her der is­rae­li­ti­schen Ge­meinde Sal­zu­flen-Schöt­mar vor dem Na­zi­ter­ror ein all­seits hoch ge­schätz­ter Mann. Er ist auch der Er­bauer des Hau­ses Wen­ken­straße 5. Ab 1933 wa­ren die jü­di­schen Fa­mi­lien fort­währen­den An­fein­dun­gen aus­ge­setzt. Am 15. No­vem­ber 1938 wurde Hans-Leo Korn­berg der Ober­schule ver­wie­sen; ebenso seine jü­di­schen Mit­schü­ler Wer­ner Katz und Hans Ober­meyer.

­Mit An­er­ken­nung nahm Hans-Leo Korn­berg auf, dass die Bad Sal­zu­fler je­des Jahr am 9. No­vem­ber am Mahn­mal "alte Syn­ago­ge" in der Mau­er­straße der jü­di­schen Op­fer des Na­zi­ter­rors ge­den­ken. Bür­ger­meis­ter Dr. Wolf­gang Hons­dorf be­rich­tete den Ehe­leu­ten Korn­berg von den ver­schie­de­nen Sta­tio­nen der Er­in­ne­rungs­kul­tur in Bad Sal­zu­flen; der Er­rich­tung des jü­di­schen Fried­hofs in der Wer­ler Straße als Ge­denkstätte (1988) und des Mahn­mals in der Mau­er­straße (1998), der Ver­le­gung der Stol­per­steine in Bad Sal­zu­flen und Schöt­mar (2010/2011) so­wie den re­gel­mäßig an­ge­bo­te­nen"­Stadt­rund­gän­gen auf jü­di­schen Spu­ren". Donna und Hans-Leo Korn­berg tru­gen sich zum Ab­schluss des Emp­fangs ins Gol­dene Buch der Stadt ein.

vom 15.08.2012 | Ausgabe-Nr. 33A

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