LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kultur

Ein Hoch auf die Bläser

Orchestergesellschaft gibt Konzert zum Mittsommer

Det­mold (k­h). So kennt man sie, die Da­men und Her­ren der Or­che­s­ter­ge­sell­schaft Det­mold: als am­bi­tio­nierte Lai­en­mu­si­ker, die sich aus freiem Ent­schluss sin­fo­ni­schem Or­che­s­ter­spiel wid­men. Men­schen, die en­ga­giert mu­si­zie­ren. Die le­ben­dig, freu­dig und kennt­nis­reich in große Sin­fo­nik ein­tau­chen. Die be­reit sind, sich un­ter der sach­kun­di­gen Lei­tung ih­res Di­ri­gen­ten auf be­kannte und we­ni­ger be­kannte Werke ein­zu­las­sen. So kennt man sie. Und so wa­ren sie auch in ih­rem jüngs­ten Kon­zert zu er­le­ben: Er­neut de­mons­trier­ten die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker, auf welch ho­hem Ni­veau sie zu mu­si­zie­ren im­stande sind. Während Di­ri­gent Guido Mür­mann ein wei­te­res Mal be­wies, dass er bei der Pro­gramm­zu­sam­men­stel­lung ge­nau weiß, wel­che An­for­de­run­gen er an sein Or­che­s­ter stel­len kann. Und dass es nicht im­mer schlecht sein muss, schein­bare Kli­schees zu be­die­nen. Zu Be­ginn des Abends eine Fei­er: "­Mid­som­mar­va­ka" – Mitt­som­mer­wa­che. Ein schwe­di­sches Mitt­som­mer­fest, das der Kom­po­nist Hugo Alf­vén in sei­nem ab­wechs­lungs­rei­chen Werk ein­falls­reich in Töne ge­setzt hat. In sei­ner von der schwe­di­schen Folk­lore in­spi­rier­ten "Schwe­di­schen Rhap­so­die Nr. 1" prä­sen­tiert er bild­haft Tanz, Es­sen, Trin­ken. Die zum Fest ein­tref­fen­den Men­schen und de­ren Strei­tig­kei­ten. Aber auch wie­gende Baum­wip­fel. Land­schaft. Guido Mür­mann lässt sein Or­che­s­ter wort­lose Ge­schich­ten erzählen, ent­führt den Hö­rer in eine Traum­welt zwi­schen Me­lan­cho­lie und Glück­se­lig­keit. Schnör­kel­los, aber klang­far­big. Wohl­klin­gen­des, Oh­ren schmei­cheln­des Ni­schen­re­per­toire.

Ei­ner, der sich auch mit nor­di­scher Volks­mu­sik aus­ein­an­der­setz­te: Ed­ward Grieg. Hin­reißende Zeug­nisse dafür sind seine "Nor­we­gi­schen Tän­ze" op. 35. Die Mu­si­ker spie­len aus der Kom­po­si­tion die Tänze Nr. 2 und Nr. 3 mit hör­ba­rer Freu­de. Be­herr­schen den ste­ten Wech­sel zwi­schen rhyth­mi­schen und me­lo­diö­sen Pas­sa­gen mit Bra­vour. Kos­ten das Grieg ei­gene skan­di­na­vi­sche Idiom, jene ei­gen­wil­lige Mi­schung aus Har­mo­nik und Me­lo­dik aus. Ver­brei­ten nor­di­sches Lo­kal­ko­lo­rit, nut­zen ge­wusst die große Pa­lette an klang­farb­li­chen Schat­tie­run­gen. Wenn auch zeit­wei­lig nicht im­mer mit dem per­fek­ten Maß ei­nes fe­dern­den Ges­tus oder ei­ner Klang­trans­pa­renz wie man sie viel­leicht von an­de­ren Or­che­s­tern zu hören ge­wohnt ist. Macht nichts – mehr als an­re­gende Un­ter­hal­tung wa­ren die Tänze al­le­mal. Nach dem "s­kan­di­na­vi­schen Brahms", wie Be­wun­de­rer Grieg ti­tu­lier­ten, stand der "ech­te" Brahms auf dem Pro­gramm: Die "­Se­re­nade Nr. 1 D-Dur". Eine Her­aus­for­de­rung für Di­ri­gent und Spie­ler wie zeit­weise spür­bar wur­de. Nicht um­sonst nannte Jo­seph Joa­chim, Brahms’ "­Coach" in Or­che­strie­rungs­fra­gen, die erste Se­re­nade später tref­fend "S­in­fo­nie-Se­re­na­de". Ur­sprüng­lich als Ok­tett kon­zi­piert, diente sie Jo­han­nes Brahms als Ü­bungs­feld auf der Su­che nach der großen sin­fo­ni­schen Gat­tung und wurde zu ei­nem rund 45-minüti­gen groß be­setz­ten sechs­tei­li­gen Werk mit un­ge­wöhn­li­chen Pro­por­tio­nen: Drei lange erste Sät­ze, die vom Auf­bau be­reits als Sin­fo­nie durch­ge­hen könn­ten. Wo­hin­ge­gen die drei letz­ten, kür­ze­ren Sätze von se­re­na­den­haf­tem Duk­tus ge­kenn­zeich­net sind: eine oft un­ter­schätz­te, un­ter­halt­same Mu­sik vol­ler Spiel­freu­de. Kurze Ein­zelstücke, die je­doch kei­nes­wegs eine bloße An­ein­an­der­rei­hung von Stück­werk sind. Das be­son­dere Kenn­zei­chen der Brahm’­schen Se­re­na­de: die kunst­volle Ge­stal­tung des Blä­ser­sat­zes. Warm und er­dig wirkt der Klang an die­sen Stel­len. Satt die Mo­del­lie­rung der Li­ni­en. Ef­fekt­voll in den Vor­der­grund gerückt. Un­ter­legt von wei­chen Streicher­be­we­gun­gen. Kla­ri­net­ten­ge­tra­gen das "­Me­nuet­to". Und natür­lich im­mer wie­der Hör­ner­klang. Das braucht Cou­ra­ge. Hut ab! "Or­che­s­ter­mu­sik ist un­ser Hob­by­", sagte Ver­eins­vor­sit­zen­der Chris­tian Hoff­mann in sei­ner kur­zen Be­grüßung dem Pu­bli­kum. Hobby – ja. Aber ganz of­fen­sicht­lich mehr als nur Zeit­ver­treib. Denn es wirkt so, als hät­ten die Da­men und Her­ren der Or­che­s­ter­ge­sell­schaft Det­mold hier eine wahre mu­si­ka­li­sche Hei­mat ge­fun­den. Ei­ne, die sie ih­rem Pu­bli­kum öff­nen. An der sie es teil­ha­ben las­sen. Mu­sik ist hier nicht ein­fach nur Mu­sik. Das sind keine No­ten, die rou­ti­niert ab­ge­spult wer­den. Die Mu­si­ker las­sen sie le­ben­dig wer­den, in­dem sie sich ihr an­neh­men. Ihre Ideen ein­brin­gen und sich mit ihr be­schäf­ti­gen. Sie freuen sich of­fen­kun­dig am schö­nen Klang und an den phan­tas­ti­schen Ein­fäl­len des Kom­po­nis­ten. Ha­ben so­wohl In­halt als auch Tech­nik im Blick. Wert­schät­zen die Mu­sik, die sie spie­len. Ent­schei­dende Ei­gen­schaf­ten, um im Hö­rer eine Saite zum Schwin­gen zu brin­gen. Ei­gen­schaf­ten, die – jen­seits ei­nes ver­bis­se­nen Stre­bens nach Per­fek­tio­nis­mus – ver­bin­den und ü­ber­zeu­gen.

vom 07.07.2012 | Ausgabe-Nr. 27B

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten