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Monooper »Das Tagebuch der Anne Frank« im Grabbe-Haus

Erinnerungen aus dem Hinterhaus

Det­mold (jus). Zwei weiße, trans­pa­rente Stoff­bah­nen flan­kie­ren einen großen, weißen Schrank, der sich in der Mitte der Bühne be­fin­det. Der Schrank ist in die­sem Zu­sam­men­hang ein sym­bol­träch­ti­ges Mö­bel, denn hin­ter ei­nem Bücher­re­gal be­fand sich das Ver­steck der jü­di­schen Fa­mi­lie Frank in ei­nem Hin­ter­haus in der Prin­sen­gracht in Ams­ter­dam.

Gri­gori Frid, rus­si­scher Kom­po­nist aus St. Pe­ters­burg, hat aus dem »­Ta­ge­buch der Anne Frank« eine berührende Mo­nooper ge­macht, die Ute M. En­gel­hardt auf die kleine Bühne im Grabbe-Haus brach­te.

Dem sen­si­blen Stoff gemäß – ein Mäd­chen an der Schwelle zur Pu­ber­tät, zwei Jahre auf engs­tem Raum ein­ge­schlos­sen – ist Ute M. En­gel­hardt mit Mi­chael Ze­h­et­ner, mu­si­ka­li­scher Lei­ter, und Tors­ten Rau­er, Aus­stat­ter, eine be­ein­dru­ckende In­sze­nie­rung ge­lun­gen. Für Ver­zweif­lung, Hoff­nung und tiefe Ge­dan­ken in die Zu­sam­men­hänge die­ser Welt, die Anne Frank ih­rem Ta­ge­buch an­ver­traut, hat das Team zur ex­pres­siv laut­ma­le­ri­schen Mu­sik von Kla­vier (Mi­chael Ze­h­et­ner) und Schlag­zeug (Ulf Lie­be) sehr äs­the­tisch-poe­ti­sche Bil­der ge­fun­den. Ganz wun­der­bar fü­gen sich die flüch­ti­gen Vi­deo-Pro­jek­tio­nen von Mirko Heil­mann und Fe­lix Hüs­ken in diese In­sze­nie­rung ein. So sieht man zu Be­ginn, auf den weißen Schrank pro­ji­ziert, das Por­trait von Kirs­tin Hö­ner zu Sie­der­dis­sen alias Anne Frank. Hö­ner zu Sie­der­dis­sen, die diese schwie­rige Par­tie zu sin­gen hat und in Kostüm und Ha­bi­tus der Anne Frank sehr nahe kommt, ver­leiht dem ju­gend­lich Un­be­fan­ge­nen der Prot­ago­nis­tin Stimme und Aus­druck, und sie gibt den Mo­men­ten des Schre­ckens, der Angst und der un­heim­li­chen Stille adäqua­tes Ge­wicht.

Auf dem Schrank lie­gend, ent­flieht Anne aus der Enge des Ver­stecks, in dem sie ü­ber die Dächer Ams­ter­dams schaut, nahe am pul­sie­ren­den Le­ben und doch gänz­lich ab­ge­schot­tet. Die klei­nen Dinge sind es, die sie ent­zü­cken, wie das Ta­ge­buch, das sie zu ih­rem 13. Ge­burts­tag er­hält. Rührend wird die Zu­nei­gung zu Pe­ter van Daan (S­haw Co­le­man, Tän­zer) in ei­nem ge­mein­sa­men Wal­zer vi­sua­li­siert.

Diese In­sze­nie­rung be­sitzt nicht zu­letzt auch durch die Tanz­sze­nen und die Vi­deo-Pro­jek­tio­nen et­was Zar­tes, Schwe­ben­des. Auch als Shaw Co­le­man Char­lie Chap­lin aus dem Film »­Der große Dik­ta­tor« tän­ze­risch nach­ahmt, teilt sich auf sub­tile Weise im Zer­plat­zen ei­nes die Welt­ku­gel dar­stel­len­den Luft­bal­lons mit, dass die Si­tua­tion sich auf die Aus­weg­losig­keit zu­spitzt. Selbst zum bit­te­ren En­de, als Anne kahl­köp­fig im weit geöff­ne­ten Schrank vor dem blauen Him­mel auf der Schau­kel sitzt, wahrt diese In­sze­nie­rung eine sen­si­ble Ein­füh­lung in das trau­rige Schick­sal die­ses be­zau­bern­den Mäd­chens. Alle Kom­po­nen­ten die­ser ein­drucks­vol­len Pro­duk­tion fü­gen sich zu ei­nem ver­dich­te­ten Gan­zen zu­sam­men, das auf ganz ei­gene Weise tief berührt.

vom 08.03.2008 | Ausgabe-Nr. 10B

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