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Zeitzeugin berichtet vor Schülern im Leopoldinum

»Das Schlimmste war der Hunger«

 

Det­mold. Es ist eine die­ser Stun­den, in de­nen alle auf­pas­sen, ru­hig sind. Die Klasse hört ge­spannt und zu­gleich ge­schockt zu. Ge­no­wefa Ko­wal­c­zuk erzählt. Heute lebt die 81 Jäh­rige in Kra­kau, doch als Kind wurde sie Zeit­zeu­gin der grau­sa­men Ver­bre­chen der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten im Ju­gend­ver­wahr­la­ger Litz­mann­stadt, das in­ner­halb des Ghet­tos 1942 zu­sätz­lich ein­ge­rich­tet wur­de.

Die Schü­ler­ver­tre­tung des Leo­pol­din­ums und das Ma­xi­mi­lian-Kolbe-Werk hat­ten die­ses ein­wöchige Zeit­zeu­gen­pro­jekt am Leo­pol­di­num or­ga­ni­siert. Ge­no­wefa Ko­wal­c­zuk als La­gerü­ber­le­bende und Ma­ri­anne Drech­sel-Gill­ner, eine eh­ren­amt­li­che Mit­ar­bei­te­rin des Ma­xi­mi­lian-Kolbe-Wer­kes, wa­ren vom 12. bis zum 19. Juni in Det­mold zu Gast, um den Schü­lern »­Dinge zu ver­mit­teln, die sie kei­nem Lehr­buch ent­neh­men kön­nen«, wie es Ge­schichts­leh­rer Jo­han­nes Ver­sen vom Leo­pol­di­num tref­fend be­schreibt. Fünf Tage lang war Ge­no­wefa Ko­wal­c­zuk täg­lich in der Schu­le, um meh­re­ren Klas­sen von der Zeit, die sie als Ju­gend­li­che im »Ju­gend­ver­wahr­la­ger Litz­mann­stadt« in Po­len ver­brin­gen muss­te, zu be­rich­ten. »Weil ich es den­je­ni­gen schul­dig bin, die im La­ger ge­blie­ben und um­ge­kom­men sin­d«, ü­ber­setzt Ma­ri­anne Drech­sel-Gill­ner ihre Mo­ti­va­tion. »Das Schlimmste war der Hun­ger«, erzählt sie wei­ter. »­Mor­gens gab es ein Stück Brot mit et­was Ei­chel­kaf­fee, bei dem ich ver­such­te, et­was vom Bo­den­satz zu be­kom­men, da­mit ich bei der har­ten Ar­beit nicht zu­sam­men­brach vor Hun­ger.« Auch mit­tags konnte man von ei­nem hal­ben Li­ter Was­ser mit et­was fau­li­gem Gemüse und ei­ni­gen un­ge­schäl­ten Kar­tof­felstü­cken mit Ma­den darin bzw. von ei­ner Scheibe Brot am Abend nicht lange ü­ber­le­ben. Die Kin­der muss­ten Schwerst­ar­beit leis­ten und wur­den für je­den Re­gel­ver­stoß hart be­straft. »Am meis­ten schmerzte es mich, dass wir im La­ger zu ge­gen­sei­ti­gem Hass und zur Men­schen­ver­ach­tung er­zo­gen wur­den«, meint Ge­no­wefa Ko­wal­c­zuk. So wur­den viele Kin­der we­gen ei­nes Feh­lers von an­de­ren ge­mel­det, da­mit diese eine halbe Por­tion Brot zu­sätz­lich be­ka­men.

Nicht nur die Stun­den, in de­nen sie erzähl­te, wa­ren sehr be­son­dere Er­leb­nisse mit Frau Ko­wal­c­zuk. Viele Schü­ler hat­ten sich be­rei­ter­klärt in ih­rer Frei­zeit et­was mit den Gäs­ten zu un­ter­neh­men. Zwei­fel­los liegt die­ses In­ter­esse dar­an, dass Frau Ko­wal­c­zuk nicht nur eine um­fang­rei­che Ver­gan­gen­heit hin­ter sich hat, son­dern zu­dem auch noch »eine ganz be­son­dere Per­sön­lich­keit mit großer Le­bens­freu­de« ist – darin sind sich die Or­ga­ni­sa­to­ren der Schü­ler­ver­tre­tung ei­nig. Da­von ü­ber­zeugte sich auch Bür­ger­meis­ter Rai­ner Hel­ler bei ei­nem Emp­fang im Det­mol­der Rat­haus. Sicht­lich be­wegt nahm sich Hel­ler viel Zeit für das Ge­spräch mit den bei­den Gäs­ten. Er­mög­licht wurde das »­Zeit­zeu­gen­pro­jek­t« am Leo­pol­di­num erst durch das Ma­xi­mi­lian-Kolbe-Werk. Es sieht es als seine Auf­gabe an, La­gerü­ber­le­bende aus der NS-Zeit ge­rade in Po­len zu un­ter­stüt­zen und ih­nen die Hand zur Ver­söh­nung zu rei­chen.

vom 31.07.2010 | Ausgabe-Nr. 30B

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