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Ehemalige polnische Zwangsarbeiterin in Detmold operiert

Schmerzfrei mit neuer Hüfte

 

Det­mold (ts). Ma­ria Mu­raw­ska war 13 Jahre alt, als sie von SS-Män­nern in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bei Lodz (Po­len) ge­sperrt wur­de. Vier Wo­chen lang musste sie dort von ei­ner Scheibe Brot am Tag ü­ber­le­ben, da­nach wurde sie zunächst nach Kas­sel und dann nach Arol­sen ver­schleppt, wo sie vier Jahre lang Zwangs­ar­beit in ei­nem Ho­tel leis­te­te. Trotz die­ser schreck­li­chen Er­leb­nisse hat die 82-Jäh­rige heute eine po­si­tive Mei­nung ü­ber die Men­schen ih­res Nach­bar­lan­des. Dass das so ist, dazu hat auch das Pro­jekt »Ak­tive So­li­da­rität« bei­ge­tra­gen.

Ziel die­ser bun­des­wei­ten Ak­tion, die vor neun Jah­ren vom da­ma­li­gen Vor­sit­zen­den der Deut­schen Ge­sell­schaft für Or­thopä­die, Hans Wolf­ram Neu­mann, ins Le­ben ge­ru­fen wur­de, ist es, mög­lichst viele ehe­ma­lige NS-Zwangs­ar­bei­ter, die an Ab­nut­zungs­er­kran­kun­gen der Ge­lenke lei­den, me­di­zi­nisch zu ver­sor­gen. Deutsch­land­weit er­hiel­ten seit­her knapp 400 Pa­ti­en­ten aus Po­len, der Ukraine oder Weißruss­land, die in ih­ren Hei­mat­län­dern nicht me­di­zi­nisch ver­sorgt wer­den konn­ten, künst­li­che Hüft- oder Knie­ge­len­ke, al­lein in Det­mold wur­den bis­her 9 Pa­ti­en­ten ver­sorg­t.

»In vie­len Län­dern gibt es für sol­che Ope­ra­tio­nen lange War­te­lis­ten, und die Pa­ti­en­ten müs­sen einen ho­hen Ei­gen­an­teil be­zah­len, den sie sich oft nicht leis­ten kön­nen, des­halb wol­len wir mit der kos­ten­lo­sen Be­hand­lung hel­fen und so auch einen Bei­trag zur Ver­söh­nung mit den Völ­kern Ost­eu­ro­pas leis­ten«, er­klärt Dr. Rein­hard Brückl, Chef­arzt der Kli­nik für Or­thopä­die in Det­mold. Auch Ma­ria Mu­raw­ska steht in Po­len be­reits seit zwei Jah­ren auf ei­ner sol­chen War­te­lis­te, seit fünf Jah­ren ist ihr Hüft­ge­lenk so sehr ab­ge­nutzt, dass sie sich nur noch nach der Ein­nahme star­ker Schmerz­mit­tel be­we­gen kann. Aus die­sem Grund hat ihr Ope­ra­teur Dr. Wolf­gang Ro­ess­ler ihr in ei­ner 100-minüti­gen Ope­ra­tion ein künst­li­ches Ge­lenk ein­ge­setzt, das von dem Her­stel­ler der En­do­pro­these ge­spen­det wur­de. »­Schon gleich nach der Ope­ra­tion wa­ren die Schmer­zen weg, ich bin ü­ber­glück­lich, dass ich wie­der lau­fen kann, und ich danke dem lie­ben Gott und den Det­mol­der Ärz­ten«, sagte Ma­ria Mu­raw­ska bei ei­nem Pres­se­ter­min am Mitt­wo­ch. An die­sem Tag en­dete der Auf­ent­halt im Det­mol­der Kran­ken­haus, denn wie bei ei­nem deut­schen Pa­ti­en­ten schließt sich jetzt für sie eine – eben­falls kos­ten­lose – drei­wöchige Reha-Be­hand­lung an. »­Diese Ko­ope­ra­tion im Rah­men der In­itia­tive ‘Ak­tive So­li­da­rität‘ deutsch­land­weit ein­ma­lig«, be­tonte Dr. Gerd Verl­oh­ren, Chef­arzt der Rose Kli­nik Horn-Bad Mein­ber­g.

Für Ma­ria Mu­raw­ska ha­ben die Deut­schen der Bun­des­re­pu­blik von heute nichts mehr mit den Deut­schen des Drit­ten Rei­ches ge­mein. Ob­wohl sie schon als Zwangs­ar­bei­te­rin ver­gleichs­weise gute Er­fah­run­gen ge­macht hat. Sie musste nicht in ei­nem La­ger le­ben son­dern hatte zu­sam­men mit ei­ner an­de­ren Zwangs­ar­bei­te­rin ein Zim­mer bei dem Wirt des Ho­tels, der sie nach ei­ge­nen An­ga­ben stets gut be­han­delt ha­be, ih­ren Ge­schwis­tern und ih­rem Va­ter er­ging es schlech­ter, die wa­ren nach Dachau ver­schleppt wor­den. Al­ler­dings musste auch sie täg­lich von 6 bis 20 Uhr schwer schuf­ten, Wä­sche wa­schen, Es­sen ko­chen und be­die­nen. »­Die letz­ten Wo­chen wa­ren die schlimms­ten, da musste der Wirt in den Krieg zie­hen, und die Wir­tin war nicht so net­t«, er­in­nert sich Ma­ria Mu­raw­ska.

vom 22.05.2010 | Ausgabe-Nr. 20B

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